Kritik der polemischen Vernunft

Prolog

Bei Veranstaltungen zur Kritik an den sog. Antideutschen gibt es oftmals einen interessanten Effekt. Da steht irgendjemand vorne und kritisiert zum Teil tatsächlich kritikable Aspekte am antideutschen Mainstream. Bei den Zuhörer*innen führt das allerdings dazu, dass sich innerhalb kürzester Zeit ekeligste Ressentiments Bahn brechen. Da meinen plötzlich alle, nun endlich die Legitimation respektive die Absolution erhalten zu haben, um mal wieder richtig ordentlich über den Juden, über Israel und über die USA hetzen zu können.

Das ist nicht schön, allerdings offensichtlich kein Alleinstellungsmerkmal der traditionellen Linken. Auch eine Kritik von Antideutschen an den „Anderen“ – also allen die irgendwie poststrukturalistisch oder wertkritisch unterwegs sind – kann durchaus dafür sorgen, dass die Leute einfach mal auf das draufhauen, was sie ohnehin noch nie verstanden haben.

Bei einer Vortrag von Thomas Maul in Kassel durfte die geneigte Zuhörerin genau dies erleben. Der Referent (im Folgenden stets einer der reflektierteren Gesprächsteilnehmer) trug eine Polemik aus der Bahamas vor und im Anschluss daran überbaten sich die Anwesenden mit Anmerkungen zum Problem der Sprachhygiene oder dem, was sie unter Poststrukturalismus verstehen. Dabei ging es jedoch zumeist um Erzählungen über „meinen Sohn, der in Göttingen Ethnologie studiert“ und über Dinge, die mann „mal gehört“ habe. Danach wird alles unter Beschuss genommen. Sogar bei Behinderungen, so konnte mensch hören, werde heute verlangt, alles anzuerkennen und für gut zu befinden. Da würden sogar die Gehörlosen eine eigene Kultur haben wollen, die mit der Richtigen auf einer Stufe stehe. Stattdessen solle mensch doch lieber kritisieren, dass manche nicht an der Gesellschaft teilhaben können. Aber was passiere? Es werde so getan, als seien alle Kulturen gleichwertig und jeder Wahrheitsanspruch wird über Bord geworfen. Selbst „Transen“ wollten ja sich und ihre „Borniertheiten“ (Maul) anerkannt wissen. Die wollen sogar – und jetzt kommt’s – das ihre gefühlte Geschlechtsidentität vom Staat im Pass anerkannt wird. Was einen Menschen im Publikum zu der Annahme verleitete, Trans-Menschen würden per se Deutschland gut finden, weil sie ja nicht einfach so leben wollten wie sie mögen, sondern um die Anerkennung vom Staat lechzen würden. Das seien also alles Nationalisten! Überhaupt fühlte sich einer der Anwesenden bei all dem postmodernen Klamauk an einen alten Wiener erinnert, der dereinst bemerkt habe, es würde ihn manchmal überkommen, die schlimmsten seiner Zeitgenossen mit seinem Gehstock zu verhauen. Offensichtlich seien die Zeiten derart durchgedreht, das mann überlegen müsse, ob das nicht mal angebracht sei. Diese einigermaßen erschütternde Erfahrung nun trieb mich dazu, den Referenztext aus der Bahams zu studieren. Und das führte zu dem folgenden Text.


In Bahamas 70-2015 hat Thomas Maul eine Verteidigung der Aufklärung veröffentlicht. Doch in seiner Wut gegen das ,Andere‛ steigert er sich in eine überaus unvernünftige Argumentation.

Ausgangspunkt der Maulschen Argumentation ist die Kritik am Anti-Autoritarismus. Dieser sei reaktionär, da er die Argumente der Autorität nicht falsifiziere, sondern umstandslos und pauschal verwerfe. Diese Praxis habe ihr Urbild im Nationalsozialismus und werde in der Geschichte der Linken seit 1968 fortgesetzt und finde heute in Form der Critical Whiteness seinen zeitgemäßen Ausdruck, die als „linke SA“ in der Tradition von „Bücherverbrennungen, Säuberungen der Bibliotheken von missliebiger Literatur und [der] Ersetzung humanistischer Pädagogen durch drittklassige Gesinnungsgenossen“ (S. 62) stünden.[1]

Diese Traditionslinie wird in der Bahamas nicht das erste mal bemüht. Bereits in der Bahamas 67/2013 versuchte er gemeinsam mit Philippe Witzmann, die Critical Whiteness in die Tradition von Mussolini und Hitler zu stellen.Er hat hier die „Kritik am Rassismus“ der ihm genehmen „Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings“ dem „Antirassismus“ der „ separatistisch-nationalistische[n] Black-Power-Bewegung“ gegenübergestellt. „Die Stichwortgeber des weltweiten antirassistischen Aufstands der Subalternen heißen denn auch nicht zufällig Mussolini und Hitler.“ Denn beide hätten eine objektive Vorstellung von Wahrheit abgelehnt und der Beliebigkeit des Relativismus gefröhnt – ebenso wie heute die Critical Whiteness.

Dabei ist diese Parallelisierung schon aus einem ganz offensichtlichen Grunde irreführend. Denn die Ideologie etwa des Nationalsozialismus war ja gerade auf eine Naturalisierung gesellschaftlicher Großgruppen ausgerichtet – nicht zum Spaß wurden Menschen hier in vermeintliche „Rassen“ unterteilt. Ziel der Critical Whiteness ebenso wie der gesamten poststrukturalistischen Debatte ist es aber, gerade diese Essentialisierungen in Frage zu stellen. Gerade dafür werden sie dann aber von Bahamas-Autoren kritisiert, etwa von Alex Gruber, der in der Prodomo 12/2009 von einer „Postmoderne[n] Entsorgung der Natur“ spricht und klagt über den Poststrukturalismus: „Der Mensch soll nicht Naturwesen sein“ – wie schlimm!

Aber kommen wir zurück zum Aufsatz von Maul. Der zweite Pfeiler seiner Argumentation sind die Aufklärung und deren Protagonisten, von denen vor allem Immanuel Kant zu einigen Ehren kommt. Das dem neben kolonial-rassistischem Denken von Daniel Späth sogar eine argumentative Nähe zum sich später herausbildenden Antisemitismus und Antizionismus vorgeworfen wird, wischt Maul mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Derartige Behauptungen seien nur aus ein bis zwei unwichtigen Fußnoten in noch unwichtgeren Texten Kants herzuleiten und daher keiner weiteren Befassung würdig. Selbiges gelte, wie Maul ohne weitere Argumentation bescheinigt, für die „halbverdauten Theorieversatzstücke“ von erkenntnis- und formkritischen Autoren wie Alfred Sohn-Rethel oder Moishe Postone.

Dabei wird gerade durch die begründungslose Abwehr der Begründungszusammenhang mehr als deutlich: weil die offensichtlich nicht überwundene väterliche Autorität Kants nicht beschmutzt werden darf, muss die Kritische Theorie umstandslos um ihre prononcierteste Zuspitzung erleichtert werden. Alles, was dem Kant in die Parade fahren könnte, gehört ausgemerzt. Das er dabei nicht mal einen Hinweis auf Gründe braucht und sich mit dem lapidaren Hinweis, die würden ja den Kant kritisieren begnügen kann, macht einmal mehr deutlich, das die eigens eingeforderten Kriterien wissenschaftlicher Redlichkeit beim Autor selber keine Rolle spielen.

Dies wird schon deutlich am Format des hier besprochenen Bahamas-Artikels.[2] Er beginnt mit recht allgemein gehaltenen Überlegungen zu Autorität und Vatermord, ergeht sich in der Erzählung einer offensichtlich willkürlich auserwählten Geschichte, geht im Anschluss dazu über, eine Veranstaltungsankündigung zu zitieren und vermeintlichen Inhalt der Veranstaltung freimütig zu referieren – ohne die damit im Zusammenhang stehende 80-seitige Abhandlung des Referenten auch nur eines Blickes zu würdigen. Schließlich verstrickt er sich noch in halbseidenen Rekonstruktionsversuchen der Kritischen Theorie. Doch während er sich so als Verteidiger von Vernunft und Aufklärung darstellt, geht seiner Argumentation jedwede Redlichkeit ab. Wäre es so, dass er Texte und Zusammenhänge ihrer Komplexität darstellen, Begründungszusammenhänge erfassen und diese der Sache nach kritisieren würde – es wäre nichts dagegen zu sagen. Doch Maul verfährt selber wie ein Rotzlöffel: Der Hinweis auf einzelne Politische Aktionen dient ihm als Grund zur Diskreditierung ganzer theoretischer Strömungen.

Während er also eine Kritik an einer Haltung einfordert, „die darin besteht, [Texte] nur auf Kompatibilität mit dem eigenen aktuell für wahr gehaltenen Weltbild abzuklopfen“ reproduziert er in seinem Text eben diese Haltung. Weder hat er sich auf seinen jeweiligen Gegenstand eingelassen noch versucht, den tieferen Begründungszusammenhängen etwa wertkritischer Aufklärungskritik oder der poststrukturalistischen Skepsis gegen dem Wahrheitsbegriff nachzuspüren. Vielmehr fegt er in Bester Rotzlöffel-Manier alles vom Tisch, was nicht in sein kleines Szene-Weltbild passt. Maul kann sich dabei sogar den Aufruf zur Zensur ersparen, da das Publikum nun ohnehin weiß, wo der Feind steht. Und sollte eine oder einer von ihnen doch mal ein gutes Buch in die Hände bekommen, ist der Blick schon im vornherein gerichtet. Genau das ist es, was Adorno dereinst als Halbbildung kritisiert hatte.

Das Maul in antideutschen Kreisen als ernsthafter Theoretiker gilt, ist dabei schon verwunderlich. Schließlich sind die „Anzeichen lumpenintellektueller, selbstgefällig-moralinsaurer Verkommenheit“ (Maul) auch hier kaum zu übersehen. Wenn er sich darüber hinaus noch zur Kritik des Deutschtums durch die Verteidigung von preußischem Staat und Protestantismus verfängt, dürfte auch der letzten klar werden, wohin die Reise geht. Denn dass beide die Gesellschaft unter einem einzigen Prinzip organisiert wissen wollten, unter „einem allgemeinen bürgerlichen Gesetz“, gilt ihm als das große Emanzipationsversprechen der Aufklärung. Das findet er auch bei Kant, wenn dieser schreibt, „vernünftige Wesen“ stünden allesamt unter „dem Gesetz“, sich und alle anderen nicht „bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck“ zu behandeln. Diese Verhältnisse seien jedoch noch nicht eingerichtet – vielmehr sei mit Marx festzuhaltten, dass die kapitalistische Gesellschaft die Einzelnen „quasi gesetzmäßig dazu zwingt, die jeweils anderen und sich selbst zum Mittel zu degradieren“. Dabei übersieht Maul, dass Kant keineswegs eine Utopie, sondern die realexistierende frühbürgerliche Gesellschaft beschrieben hat. Denn die von Kant herbeigerufenen „vernünftigen Wesen“ sind ja gerade die bürgerlichen Subjekte, die die Welt und ihre Mitsubjekte nur äußerlich wahrnehmen und als solche ebenso zum Selbstzweck werden wie das Kapital als „automatisches Subjekt“ (Marx). Als solcher Selbstzweck ist die Vernunft jedoch leer und über jedweder Materie erhaben. Sie kann sich auf andere Menschen nicht mehr direkt und sinnlich, sondern nur noch über verallgemeinerte Gesetzmäßigkeiten beziehen.

Als absolute Selbstgesetzgebung braucht die Vernunft so das Andere, um überhaupt existieren zu können. Auf die Suche nach diesem Anderen begibt sich Kant immer dann, wenn er sich die Frage stellt, wer wohl als „vernünftiges Wesen“ zu gelten habe. Er ist dabei ganz eindeutig:

„Derjenige nun, welcher das Stimmrecht in dieser Gesetzgebung hat, heißt ein Bürger (citoyen, d.i. Staatsbürger, nicht Stadtbürger, bourgeois). Die dazu erforderliche Qualität ist, außer der natürlichen (daß es kein Kind, kein Weib sei), die einzige: daß er sein eigener Herr (sui iuris) sei, mithin irgend ein Eigentum habe (wozu auch jede Kunst, Handwerk, oder schöne Kunst, oder Wissenschaft gezählt werden kann), welches ihn ernährt“ (Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis)

Frauen und Kinder (und auch Schwarze, wie Kant an anderer Stelle bemerkt), das steht für ihn außer Frage, sind zur Vernunft nicht begabt und müssen entsprechend nicht sonderlich beachtet werden. Das dieser Zusammenhang jedoch zumeist ausgeblendet wird, war bereits der Anlass für viele Interventionen in den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb – und Maul sind diese wie gesehen ein Dorn im Auge. Sie würden das Standbild verschandeln, dass er sich von seiner Vaterfigur gemacht. Hohn und Spott müssen deshalb auf alle ergehen, die sein Antlitz beschmutzen. Dabei ist er in der Verteidigung von Kant dessen größten Kritikern, den Genossen vom Gegenstandpunkt, so beängstigend nahe, dass mensch es kaum für mögllich hält. Er übernimmt nicht nur deren erkenntnistheoretische Position des „naiven Realismus“, sondern hält zudem die Aufklärung für eine dufte Sache und den freien Willen einen Fakt. Und ebenso wie der Gegenstandpunkt dichtet er seine Position identitär ab, so dass jede Kritik an ihr abprallen muss. Insofern sind beide Positionen – die der Bahamas und die des Gegenstandpunktes – im wesentlichen als Beispiel für den Umgang linker Subkulturen mit den Erfahrungen kriselender kapitalistischer Identitätsangebote interessant. Viel mehr ist da nicht zu holen.

Fußnoten:

  1. Die Konstruktion von Gut und Böse erfolgt hier ganz klassisch. Während die Bösen mit dem NS parallelisiert werden, sind die Guten „entnervte Studenten“ und vor allem die „als brav oder angepasst verächtlich gemachte Mehrheit der Vorlesungsbesucher“, der es lediglich um „prüfungsrelevante Informationen“ – mithin also um ihre Karriere – zu tun war. Das Maul so tut, als stünde hier der Wissensdrang der einen gegen das Besserwissertum der anderen, liegt nicht zuletzt an einer Fehleinschätzung des kapitalistischen Lehrbetriebes: diesem geht es nicht in erster Linie um den Erwerb von Bildung, sondern um die Aneignung von Prüfungskompetenz. Konkrete Wissensbestände sind dafür nur insofern relevant als sie zur Erreichung der angestrebten Note notwendig sind. Die Frage der Verstrickung antiker und aufklärerischer Autoren in rassistische und koloniale Praxen zählt dabei (in guter bürgerlicher Tradition) jedoch zumeist nicht zum prüfungsrelevanten Teil des Stoffes. Entsprechend galt die Kritik der Studierenden, wie Maul in einer FN selbst angibt, möglicherweise der schlichten Tatsache, „dass in der Vorlesung rassistische und anderweitig diskriminierende Texte unkritisch gelehrt und sogar verteidigt wurden“. Maul fast dies dahingehend falsch zusammen, als dass er den Studierenden unterstellt, ihnen sei es um ein Leseverbot gegangen – und nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Inhalten. Das ist aber nötig, um den Protest in die Traditionslinie des NS und der Bücherverbrennungen zu stellen.
  2. Auch andere Artikel in der Bahamas-Ausgabe folgen diesem Muster, so etwa Justus Wertmüllers Auseinandersetzung mit dem „das Konzept Awareness, den neuesten Schrei auf dem linken Antidiskriminierungsmarkt“. Hier wandelt Wertmüller zunächst auf linken Parties und landet schließlich bei US-amerikanischen Kontzepten, die in einem völlig ungeklärten Verhältnis zu den Awareness-Konzepten stehen, die heute in der deutschen Linken diskutiert werden. Auch die Auseinandersetzung von Maul und Witzmann mit dem Konzept der Critical-Whiteness funktioniert nach diesem Muster. Es wird gar nicht erst versucht, sich argumentativ mit den theoretischen Konzepten auseinanderzusetzen. Stattdessen wird mit einigen gezielt ausgesuchten Anekdoten so getan, als sei damit über das ganze der Theorie berichtet. Die wenigen Zitate aus theoretischen Sammelbänden, die dann zusammengetragen werden, beschränken sich – wie sollte es anders sein – auf die vorgetragenen Positionen zu palästinensischen Selbstmordattentätern. Inwiefern diese sich ins Gesamtbild einfügen (oder eben auch nicht) wird nicht weiter erörtert.