Die Linke und die Krise

Dieses Thesenpapier aus dem Jahre 2012 möchte ich Euch nicht länger vorenthalten.

1 Hinführung

Am 12. Juli 2007 erschien in der Wochenzeitung Jungle World ein Aufsatz von Michael Heinrich mit dem programmatischen Titel „Profit ohne Ende“. Dem Kapitalismus, so war dort zu lesen, stehe nicht nur eine lange, sondern zudem auch eine rosige Zukunft bevor. Akute Krisengefahr vermochte der Autor zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Bald darauf kam der 9. August 2007, der mittlerweile als der Beginn der Finanzkrise von 2007/2008 betrachtet wird. Aus der Finanzkrise ist mittlerweile eine Staatsschuldenkrise geworden, die Allgegenwart der Krise sollte in den folgenden fünf Jahren die gesellschaftliche Stimmung prägen – und tut es noch heute.

Im Jahre 2005, zwei Jahre vor dem in der Finanzkrise kulminierenden Zusammenbruch der Immobilienblase, war es ein gewisser Robert Kurz, der in seinem Buch „Das Weltkapital“ ziemlich exakt die Prozesse beschrieben hat, die schließlich zum Crash des Weltfinanzsystems führen sollten. Wollten wir also die Prognosefähigkeit kritischer Theorie zum Ausgangspunkt einer Debatte um die Ursachen kapitalistischer Krisenprozesse und die Folgen kapitalistischer Krisenverwaltung machen, so wäre der von Kurz repräsentierte Ansatz der Wertkritik die erste Wahl für eine antikapitalistische Linke.

Davon kann jedoch keine Rede sein. Während vor der Krise alle gewusst hatten, dass dem Kapitalismus schon nichts schlimmes passieren würde, wenn nicht der starke Arm der proletarischen Revolution ihm den Garaus macht, so wissen heute alle, dass das mit der Krise nur eine vorübergehende Erscheinung, ein kurzes Intermezzo, eine unglückliche Fügung, die Folge einer falschen Politik oder was auch immer sein muss.
Hinge es am Willen und Wollen der deutschen Linken – der Kapitalismus wäre quicklebendig und würde jauchzend über die Wiesen hüpfen. Stattdessen hält Angela Merkel ihm am Krankenbett das Händchen. Wie also konnte es dazu kommen?

2 Kapitalismus als Natur

Das Musterbeispiel linker Krisenleugnung gibt Wolfgang Pohrt ab. In kaum zu überbietender Naivität spricht der über den Kapitalismus, als handle es sich beim spätkapitalistischen Arbeitsterror um einen lustigen Zoobesuch:

„Welches ist das älteste noch lebende Wirbeltier auf dieser Erde? Es ist das Krokodil, seit 450 Millionen Jahren. Das Erfolgsgeheimnis dieses Tieres ist sein winziges Hirn. Es besitzt das Volumen eines Hühnereis. Bei so wenig Hirn kann man nichts falsch machen Das Krokodil macht es immer richtig: Lauern, zuschnappen und dann nicht mehr loslassen, komme was wolle. Ich fürchte, das Kapital hat die gleiche Lebenserwartung, wenn nicht von Seiten der Natur etwas dazwischenkommt.“1

Der Kapitalismus ist, so lernen wir bei Pohrt, weniger ein spezifisches menschliches Gemeinwesen, sondern eher die Umsetzung eines ganz und gar naturhaften Prinzips. Der Kapitalismus ist wie ein Krokodil – oder wahlweise auch wie ein Heuschreckenschwarm oder ein Karnickel:

„Ein Heuschreckenschwarm verschwendet auch keinen Gedanken an ,Nachhaltigkeit‘, also daran, dass auf dem Landstrich, den er gerade ratzekahl frisst, auf absehbare Zeit nichts Essbares mehr wächst. Die Karnickel in Australien vereinbarten keine Ein-Kind-Politik, weil sie keine Fressfeinde hatten, sondern sie mühten sich, den Kontinent in eine einzige Karnickel-Kolonie zu verwandeln. Und niemand kann bestreiten, dass Heuschrecken und Karnickel Natur sind.“2

Der Kapitalismus ist also Natur. Und als solcher wird er ewig sein. Sicherlich verlieren einige. Sicherlich gibt es Hausbesitzer, die im Rahmen der Immobilienkrise ihre Häuser verlieren und in Zeltstädte oder Wohnwagen ziehen müssen. Aber irgendwer wird diese Häuser schon günstig bei der Bank erstehen – und zwar im Zweifel unterhalb der Herstellungskosten. „Wer dann zugreifen kann, macht ein Schnäppchen. Jeder freut sich, wenn er Konkursmasse billig kriegt“3.

Ein ganz ähnliches geschichtsphilosophisches Modell packt auch Georg Fülberth aus. Mehr als eine halbe Seite nimmt er sich Platz, um die Geschichte des Universums (das bereits 6 Mrd. Jahre alt sei) mit dem vergleichsweise kurzen Leben des Kapitalismus zu vergleichen. Er resümiert:

„Wie lange es noch den Kapitalismus geben wird, wissen wir nicht. Nehmen wir einmal – ohne jede Begründung – an, er sei nicht mehr oder weniger dauerhaft als der Feudalismus. Dann hätte er noch fünfhundert Jahre vor sich. Im Vergleich zur Vergangenheit und etwaigen Zukunft menschlicher Gesellschaften ist dies eine eher kurze Frist.“4

Was Fülbert und Pohrt hier reproduzieren ist das, was Marx als den Fetischismus der bürgerlichen Gesellschaft beschrieben hat. Demnach ist der Kapitalismus ein historisch einmaliges gesellschaftliches Verhältnis, in dem die Menschen zwar ihre Gesellschaftlichkeit herstellen, diese sich aber ihnen gegenüber verselbständigt. Diese Verselbständigung erscheint ihnen dann aber nicht als etwas spezifisch gesellschaftliches, sondern als Natur – weshalb die Kritische Theorie der Gesellschaft in diesem Zusammenhang auch oft von ,Naturalisierung‛ spricht.

3 Die Reinigungskrise…

Und ebenso wie die Natur von einem steten auf und ab, von einem unaufhörlichen Wechsel von Dürre und Fruchtbarkeit, von Hunger und Sättigung, von Geburt und Tod ist – ebenso soll auch der Kapitalismus aus einem steten Auf und Ab bestehen. Die ökonomische Theorie spricht hier von Konjunkturzyklen. Auf jede Phase prosperierender ökonomischer Entwicklung folgt schließlich ein Boom, der dann von einer Rezession abgelöst wird und schlussendlich in einer wirtschaftlichen Depression endet. Doch auch die ist bald vorbei und wird durch die nächste Phase wirtschaftlicher Expansion abgelöst.

Diese Vorstellung der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre hat sich auch die Linke zu eigen gemacht. Die theoretische Grundlage dafür hat Michael Heinrich gelegt. Er sieht den Widerspruch von Produktion und Konsumtion als den wesentlichen Krisenmotor des Kapitalismus: einerseits werde die Produktion (zum Zwecke der Profitmaximierung) immer weiter ausgedehnt, andererseits werde aber die (in Form von Löhnen ermöglichte) Konsumtion immer weiter beschränkt (ebenfalls zum Zwecke der Profitmaximierung). So entstehe dann regelmäßig die Situation, das die produzierten Güter nicht mehr gekauft werde könnten und so schlittert die Wirtschaft in eine Krise:

„In der Krise kommen die widersprüchlichen Entwicklungen von Produktion und Konsumtion zum Eklat. Es findet eine gewaltsame, aber nur momentane Auflösung des Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumtion statt: in der Regel durch die Vernichtung nicht nur bereits produzierter Güter, sondern auch eines Teils der Produktionsanlagen durch Bankrotte und Kapitalentwertungen. Auf der gewaltsam reduzierten Grundlage kann die Akkumulation des Kapitals dann erneut beginnen – bis zum nächsten Crash. ( … )
Ein Großteil seiner Dynamik verdankt das Kapitalistische System der produktiven Verarbeitung von Krisen. Krisen sind im Kapitalismus in doppelter Hinsicht notwendig: Sie werden notwendigerweise von der kapitalistischen Entwicklung selbst erzeugt und sie sind notwendig, um die Dynamik dieser Entwicklung zu erhalten.“5

Kapitalismus ist also auch hier ein sich im Prinzip stetig wiederholender Zirkel: eine Weile akkumuliert er ordentlich vor sich hin, dann kommt es zum Crash, aber der Kapitalismus geht erholt und modernisiert aus diesem Crash hervor und kann sodann fröhlich weiter vor sich hin akkumulieren. Auch wenn die sich neu herausbildende kapitalistische Formation sich vielleicht stark von der vorherigen unterscheiden mag, der Zirkel also an einer anderen Stelle des Blattes neu angesetzt wird. Die Auflösung bei Heinrich gleicht so frappant und bis ins Detail der bei Pohrt:

„Es wird Akkumulation, wenn sie auch holprig vonstatten geht, weiterhin geben. Wenn diese Finanztitel alle entwertet sind, ist davon noch keine Fabrik zerstört. Vielleicht geht das Unternehmen bankrott, dann wird es von einem Konkurrenten billig aufgekauft und produziert weiter.“

Die einen gewinnen, die anderen verlieren – und das große Ganze geht weiter seinen Weg. Diese Vorstellung gleicht der vom Kapitalismus als Nullsummenspiel. Ganz so, als ginge es im Kapitalismus einzig darum, die je anderen ordentlich über den Tisch zu ziehen, dient das empirische Vorhandensein von GewinnerInnen und VerliererInnen als theoretische Erklärung ihres Vorhandenseins. Von sorgsam ausgewählten, aber nicht weiter theoretisch vermittelten Phänomenen wird sodann umstandslos auf den Zustand des Gesamtsystems geschlossen: weil einige gewonnen haben, kann es sich ja gar nicht um einen tiefergehenden Krisenprozess handeln.

4 … als Geschichtsphilosophie

In der Linken sind Erklärungsmodelle wie das von Heinrich präsentierte unter der Bezeichnung Regulationstheorie zu höheren (auch akademischen) Weihen gelangt. Hier wird davon ausgegangen, dass sich im Kapitalismus verschiedene Arten, die Akkumulation von Kapital zu organisieren, geschichtlich ablösen. Zu jeder dieser Akkumulationsregime gehört dann eine passende Regulationsweise, durch die nicht zuletzt mittels staatlicher Herrschaft dieses Akkumulationsregime abgesichert wird, was sich wiederum in historisch wechselnden institutionellen Formen wie etwa staatlichen Institutionen oder rechtlichen Regelungen ausdrückt. Statt also den Kapitalismus in eine Krise zu stürzen, bringen die innergesellschaftlichen Widersprüche lediglich neue Varianten von Kapitalismus hervor.

Diese Idee findet sich durchaus bereits bei Marx, worauf auch Heinrich ausdrücklich und bei jeder sich bietenden Gelegenheit hinweist. Und tatsächlich ging Marx bei der Niederschrift der Grundrisse, einer Vorarbeit zum Kapital, noch davon aus, dem Kapitalismus sei aufgrund seiner widersprüchlichen Konstitution eine Krisendynamik inhärent, die ihn perspektivisch in eine fundamentale Krise treiben würde. Während er noch an den Grundrissen schrieb, schien er tatsächlich gedacht zu haben, dieser von ihm analytisch herausgearbeitete Punkt sei bereits in greifbarer Nähe. Die Krise von 1857, die er intensiv verfolgte, schien ihm genau von dieser Dynamik geprägt zu sein. Und so beendete er am 8. Dezember 1857 einen Brief an seinen Freund Friedrich Engels mit den Worten: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im klaren habe vor dem déluge.“ (MEW 29, 225)

Bereits zwei Jahre später, im Jahre 1859, hatte sich Marx‘ Einschätzung deutlich verschoben. Die Krise, die er zunächst für die letzte des Kapitalismus gehalten hatte, war vorbei und das Kapital prosperierte wie ehedem. Das musste ihn als zeitgenössischen Betrachter irritieren – weshalb er begann mit dem Gedanken zu spielen, dass es sich bei dem von ihm beobachteten Verhältnis von Krise und Neukonstitution um ein allgemeines Gesetz der kapitalistischen Produktion handeln könnte. In einem Brief an seinen russischen Übersetzer Danielson schrieb er daher:

„Wie sich nun diese Krise auch entwickeln mag – deren detaillierte Beobachtung für den Erforscher der kapitalistischen Produktion und für den professionellen Theoretiker freilich von höchster Wichtigkeit ist –, sie wird wie ihre Vorgängerinnen vorübergehen und einen neuen ,industriellen Zyklus‛ mit allen seinen verschiedenen Phasen von Prosperität usw. einleiten.“ (MEW 34, 372)

Marx folgerte hier also aus unmittelbaren empirischen Beobachtungen ein allgemeines kapitalistisches Gesetz. Das ist tatsächlich in hohem Maße problematisch. Denn nur weil es sich bei der Krise von 1857 tatsächlich um eine Reinigungskrise gehandelt hat, muss daraus ja noch lange nicht folgen, dass Krisen innerhalb des Kapitalismus grundsätzlich als Reinigungskrisen daherkommen.

Heinrich bezieht sich nun auf diese Argumentation von Marx und nimmt die Marx’sche Beobachtung aus dem 19. Jhd. als Untermauerung der Behauptung, auch im 21. Jhd. könne keinesfalls von einer kapitalistischen Krise gesprochen werden. Er begründet diese Behauptung letztlich mit dem Kurzschluss, die Beobachtungen, die Marx anhand einer Krise im 19. Jhd. gemacht habe, würden dies zeigen.6

Dabei ist offensichtlich, das es sich bei dieser rhetorischen Figur um nichts weiter als geschichtsphilosophisches Denken handelt:

„Von geschichtsphilosophischem Denken (oder von spekulativem Geschichtsdenken) kann man auch dann sprechen, wenn implizit oder explizit versucht wird, nicht nur besondere historische Entwicklungen, sondern Geschichte als eine Totalität, in die immer schon Vergangenheit und Zukunft eingeschlossen ist, zu erfassen.“7 Dieses geschichtsphilosophische Moment, das ja auch in der Argumentation der Regulationstheorie eine gewichtige Rolle spielt, ist letztlich eine Abwandlung der Annahme des historischen Materialismus, die die menschlichte Geschichte als dialektisches Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen fasst.)

Nun mag eingewandt werden, dass die zitierten Autoren immerhin keine Aussagen über die Weltgeschichte machen, sondern sich lediglich auf die Entwicklung des Kapitalismus beziehen. Das ist sicherlich richtig, löst unser Problem jedoch nicht: aufgrund einer 150 Jahre alten Beobachtung eine Prognose über die Zukunft des Kapitals zu versuchen, kann nur dazu führen, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Die Prognose wird spekulativ. Eben: „spekulatives Geschichtsdenken“.
Dabei funktioniert die Annahme, jede Krise werde sich so verhalten wie es die von Marx beobachtete Krise 1857 getan hat, als heimliche Vorannahme: nur solange ihre Gültigkeit unterstellt wird, kann die Argumentation plausibel erscheinen. Da die Vorannahme aber eben eine heimliche ist, bleibt sie außerhalb des Betrachteten – während jeder Verweis auf die innere Logik des Kapital als Spekulation abgetan wird. So paart sich in der linken Krisenleugnung Geschichtsphilosophie mit Positivismus. Wenn Popper das doch hätte erleben dürfen…

5 Kapitalismus auf der Mikro-Ebene

Neben dem letztlich geschichtsphilosophischen Positivismus fällt in vielen linken Krisenanalysen noch etwas anderes auf: der zentrale Gegenstand ihrer Argumentation ist selten der Kapitalismus im Allgemeinen, sondern meist das einzelne kapitalistische Unternehmen (bzw. in einigen Fällen sogar die einzelne kapitalistische Ware). Wenn etwa Wolfgang Pohrt oder Michael Heinrich am Beispiel der Möglichkeit für einzelne Kapitale, sich günstige Waren aus der Konkursmasse aneignen zu können auf die Prosperität des Gesamtkapitals schließen, dann machen sie letztlich nichts anderes als dies: sie schließen vom Einzelnen aufs Ganze. Weil einzelne Unternehmen aus der Krise Vorteile ziehen können, kann es sich bei der Krise als Ganzer auch nicht um eine allgemeine kapitalistische Dysfunktionalität handeln.
Auch hier haben wir es mit einer heimlichen Vorannahme zu tun. Wer eine Erklärung über den Zustand des Kapitals als gesellschaftlichem Verhältnis machen möchte und diese Erklärung letztlich aus nichts anderem ableitet als aus den Gewinnen einzelner MarktteilnehmerInnen, muss dabei von der Annahme ausgehen, dass sich das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis durch nichts auszeichnet als die Addition aller Einzelhandlungen der AkteurInnen.8
Dieser methodische Kniff ist ein durchgängiges Phänomen nicht nur in der Krisenliteratur, sondern ganz allgemein in den neueren Auseinandersetzungen um die Kritik der Politischen Ökonomie. Gerade weil der Kapitalismus einzig auf der Ebene individueller Handlungslogiken diskutiert wird, kann die ihm eigentümliche gesellschaftliche Dynamik unsichtbar werden. Eben deshalb kann er als ewige Wiederkehr des immergleichen in lediglich runderneuerten Kleidern gelten.

6 Deutschland ist Schuld!

Diese Fokussierung auf einzelne HandlungsträgerInnen bei systematischer Ausblendung des gesellschaftlichen Ganzen tritt innerhalb der linken Debatte vor allem in zwei Varianten auf. Variante 1 beschäftigt sich vornehmlich mit den Krisenursachen, Variante 2 mit der Prognostik des Krisenverlaufs. Variante 1 kann dabei im wesentlichen als eine Umkehrung der herrschenden Krisenanalyse gelesen werden. Während im Mainstream-Diskurs den ,faulen Griechen‘ die Schuld an der Krise gegeben wird, dreht das Argument in linken und linksradikalen Kreisen einfach umgedreht: Schuld ist in Wirklichkeit Deutschland. Da nicht unerhebliche Teile des deutschen Exports in Griechenland gelandet sind und von dort aus über Verschuldung finanziert wurden, lässt sich auch leicht nachweisen, dass Deutschland von dieser Entwicklung profitiert hat. Gemäß der alten verschwörungstheoretischen Frage „Cui bono?“ (Wer profitiert?) wird von dieser Vorteilnahme nun auf eine logische Verknüpfung im Krisengeschehen geschlossen. Weil Deutschlands Industrie vom EURO profitiert hat, soll ihre Politik (die auf niedrige Löhne in Deutschland gezielt hat) die Ursache für das Problem sein. Darin sind sich Heiner Flassbeck und Michael Heinrich einig.
Dieses Bild wird dabei über die bereits oben diskutierte Vorstellung plausibel gemacht, dass der Kapitalismus sich im wesentlichen dadurch auszeichnen würde, dass die einen gewinen und die anderen verlieren würden. Das ist zwar sicherlich nicht falsch, nur folgt daraus in der Realität ja kein Nullsummenspiel, sondern ein sich stetig ausdehnender Vergesellschaftungsprozess. Wer das ausblendet, kann dann zu lustigen Zahlenspielereien kommen wie dieser:

„Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey macht Deutschland durch den Euro einen jährlichen Gewinn von 165 Milliarden Euro. Im Grunde hat Rest-Europa damit Deutschlands Kosten der Wiedervereinigung und seine bisherigen und zukünftigen Beiträge zu den Rettungsfonds bezahlt bzw. vorgestreckt.“

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Das mag ein griffiges Argument in der Diskussion mit Muttern und Vaddern unterm Weihnachtsbaum sein, wenn diese wieder anfangen, über die vom ,faulen Griechen‘ gebeutelten Deutschen zu klagen. Es erklärt aber keineswegs, wie sich diese Situation hergestellt wird und lässt auch wenig Rückschlüsse zu über den weiteren Verlauf der Krisenpolitik.
Als zweiter Schuldiger neben Deutschland taucht in einigen Beiträgen die „herrschende Klasse“ auf. Hierbei werden die Schulden den Vermögen gegenübergestellt und eindeutige Schlüsse gezogen:

„Allerdings ist immer nur von den Schuldnern die Rede, nie von den Gläubigern. Das ist schon sehr merkwürdig. Noch merkwürdiger ist aber, was zum Verhältnis von Schulden und Vermögen mitgeteilt wird. So wird zwar in großen Lettern verkündet, daß die Staatsschuld in Deutschland im Durchschnitt, ob Säugling oder Greis, 24.500 Euro pro Kopf der Bevölkerung beträgt. Dagegen ist nur aus dem Kleingedruckten zu errechnen, daß das durchschnittliche Geldvermögen in diesem Land pro Kopf der Bevölkerung 58250 Euro beträgt.“

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Es sind also diejenigen, „die über wirkliche Geldvermögen verfügen“, Schuld an der Krise.
„Deshalb wird das auch nicht an die große Glocke gehängt, denn sonst könnte Otto Normalverbraucher auffallen, daß er keinesfalls zu denen gehört, bei denen der Staat verschuldet ist, und ihn das eigentlich gar nicht kümmern muß. Aber nach Lage der Dinge fällt er immer wieder auf den Propagandatrick herrein, daß ,wir alle‘ sparen müssen, natürlich nicht bei der inneren und äußeren ,Sicherheit‘, auch nicht bei der Volksverdummungsmaschinerie der Massenmedien und erst recht nicht bei den Banken und Versicherungen.“11
Hieran ist zweierlei auffällig: einerseits die Wahl der Schuldigen. Dass da aus Reihen der Wirtschaft in einer Publikation der ,Konkret‘ gerade „Banken und Versicherungen“ ausgewählt werden, ist schon einigermaßen bedenklich. Und dass dann auch noch die „Volksverdummungsmaschinerie der Medien“ beschworen wird, ist in dem Kontext auch nicht beruhigend.12

7 Das neue Akkumulationsregime

Variante 2 versucht weniger die Krisenursachen zu fokussieren, als vielmehr die relativen weltgesellschaftlichen Verschiebungen zu untersuchen. Auch hier liegt gewissermaßen eine Umkehrung eines traditionellen Diskurses vor, diesmal nämlich des Antiimperialistischen Diskurses. Während nämlich lange Jahre die mitteleuropäischen und nordamerikanischen Industrienationen den Weltkapitalismus beherrscht hätten, würden sie nun abgelöst von den aufstrebenden Großmächten. China, Indien, Brasilien, in Teilen auch Russland und andere im Wachstum begriffene Volkswirtschaften stehen dabei im Mittelpunkt der Hoffnungen auf einen prosperierenden antiimperialistischen Kapitalismus. Klassisch und wie immer rhetorisch brilliant ist hier Rainer Trampert:

„Tatsächlich befindet sich der alte, demokratisch verfasste Kapitalismus des ,Westens‘ (USA und Europa) in der Krise, während Industrie und Lohnarbeit in den Entwicklungs- und Schwellenländern rapide wachsen. Die Zeit, in der sie nur ausgebeutete Lieferanten der Imperialisten waren (Dependenztheorie), ist vorbei. Signale der neuen Epoche sind die Bittstellerreisen westlicher Politiker nach China sowie neue Autofabriken und Raffinerien in Schwellenländern. Man sollte nicht den Bau von Wolkenkratzern, Eisenbahnen, Staudämmen und Fabriken in den Vereinigten Staaten als Zeichen industrieller Blüte und die gleichen Dinge in China als Fiktion behandeln“13

Was Trampert hier in den Mittelpunkt rückt, sind einzelne Phänomene der Industrialisierung: es werden Staudämme, Eisenbahnen und große Häuser gebaut. Von diesen technischen oder stofflich-konkreten Phänomenen schließt Trampert nun auf den Gesundheitszustand des gesellschaftlichen Verhältnisses als Ganzem. Dabei unterlaufen ihm genau genommen zwei kategoriale Fehler: einerseits schließt er von der Ebene des Stofflichen (Eisenbahnen) auf die Wert-Ebene (Produktion von Mehrwert) kurz. Gleichzeitig isoliert er diese Phänomene und meint, sie jenseits ihrer gesellschaftlichen Vermitteltheit betrachten zu können. So könnte es beispielsweise einen Unterschied machen, ob diese Dinge im Rahmen eines allgemeinen gesellschaftlichen Aufschwungprozesses gebaut werden, während dem weite Teile der Welt noch nicht kapitalisiert sind – oder ob es sich im Wesentlichen um eine irre Querfinanzierung von realer Produktion durch das ,fiktive Kapital‘ (Marx) etwa im Rahmen des pazifischen Defizitkreislaufs handelt. Diese gesamtgesellschaftliche Perspektive, die gewissermaßen den Kapitalismus als System in den Blick nehmen würde, spielt für Trampert keine Rolle. Er dreht diesen Einwand sogar um und bescheinigt ihm, lediglich aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive zu schauen: „Dass die Industrialisierung in den Wachstumsstaaten nicht echt sei, weil sie auf Pump betrieben werde und zukünftige Wertschöpfung verpfände, ist die Meinung des Buchhalters.“14
Diese Perspektive übersieht mit ihrem Blick auf sorgsam ausgewählte Einzelphänomene den gesellschaftlichen Kontext, in dem diese Existieren. So ist es zwar richtig, das auch im 19. Jhd. bereits der Bau von Eisenbahnen mit ,fiktivem Kapital‛ finanziert wurde, allerdings waren es im wesentlichen auch nur der Bau von Eisenbahnen und Bergwerken, der derartige Kapitalmengen benötigte, dass dafür eine kreditäre Vorfinanzierung notwendig geworden wäre. Für die übrige Warenproduktion spielte diese Form der Vorfinanzierung in der Regel noch keine Rolle.15 Selbst Henry Ford, der als Namensgeber des Fordismus riesige Fabriken aus dem Boden stampfte, verzichtete dafür lange Zeit auf Kreditfinanzierung.

8 Krise und Revolutionstheorie

Es gibt in der Debatte um den Status der kapitalistischen Krise eine kaum zu übersehende Verbindung von Krise und Revolution: die Vorstellung einer Krise des Kapitalismus wird zumeist gleichgesetzt mit der Möglichkeit seiner emanzipativen Überwindung. Sobald von einer fundamentalen Krise die Rede ist, wird entgegengehalten, das sei doch nur wieder ein Versuch, die Dinge schöner zu Reden als sie seien. Der Kapitalismus würde sich schon nicht von selber abschaffen. Exemplarisch dazu die Gruppe 3 aus Göttingen, die in ihrem Pamphlet Lebende Leichen die von der Krisis im Manifest gegen die Arbeit vertretene Krisentheorie als bürgerlichen Müll zu denunzieren versucht:

„Die Untergangspropheten halten es für eine Chance und sagen ,Gott sei Dank!‘ und ,Wir haben’s schon immer gewußt– das kann nicht gutgehen‘; damit machen sie sich viele Freunde unter den Linken – die Krisis ist mit ihrem ,Manifest gegen die Arbeit‘ in aller Munde und tourt mit ihrem Pamphlet durch die Republik, um den Untergang des Abendlandes zu verkünden.“16

Unterstellt ist hier immer, dass ein Ende des Kapitalismus einhergehen würde mit einer emanzipativen Verbesserung der menschlichen Lebenssituation (und das auch Wertkritik von der Fehldiagnose ausgehen würde). Auch dieses Bild entstammt dem historischen Materialismus, der die Vorstellung eines richtungsgebundenen Voranschreitens der gesellschaftlichen Entwicklung in der Linken populär gemacht hatte. Dieser Einwand ist insofern interessant, weil er die wertkritisch-krisentheoretische Argumentation geradezu auf den Kopf stellt: hier ist es ja weniger eine Hoffnung denn eine Befürchtung, die Krise könne eine finale sein. Denn schließlich steht hier der Diagnose einer zunehmenden Desintegration der Menschen die Diagnose einer bewegungsunfähigen sozialen Bewegung gegenüber. Die Alternative „Emanzipation oder Barbarei“ ist in diesem Sinne wörtlich zu nehmen: wenn es der Linken nicht gelingt, die sozialen Bewegungen zu reanimieren, dann stehen gesellschaftliche und individuelle Zerfallsprozesse in einem Ausmaß an, von dem uns die aktuelle Entwicklung in Griechenland nur einen kleinen Vorgeschmack gibt.

9 Perspektive Wertkritik?

Die wertkritische Perspektive auf die Krise stellt sich hier als vergleichsweise reflektiert dar. Sie bestimmt den Kapitalismus zunächst als gesellschaftliches System, das sich gegenüber seinen HandlungsträgerInnen verselbständigt und sie unterwirft. Sie verweist aber zugleich auf die Brüche und die Widersprüchlichkeit dieser Unterwerfung, so das hier (im Unterschied etwa zur klassischen Kritischen Theorie) emanzipatorisches Handeln prinzipiell denkbar bleibt. Sie entwickelt auf der Höhe dieser Einschätzung vom Kapitalismus eine systematisch-logische Beschreibung der historischen Dynamik des Kapitalismus, für die sie nicht (wie die Neue Marx Lektüre) äußere Phänomene heranziehen muss, um sie plausibel zu machen. Diese Dynamik kulminiert in der These, dass seit den 1970er Jahren die Kapitalverwertung nicht mehr so funktioniert wie sie dies bis dahin getan hat. Die seitdem vollzogenen Steigerungen der Produktivität seien derart groß, dass sie nicht mehr durch eine Ausweitung der Massenbasis der Arbeit zu ersetzen seien. Hieraus wurde innerhalb der wertkritischen Theoriegeschichte lange Zeit das unmittelbar bevorstehende Ende des Kapitalismus abgeleitet. Davon wurde zwar schon bald insofern Abstand genommen, als das auf den langfristigen Charakter des Krisenprozesses verwiesen wurde, das Buch ,Die große Entwerung‘ stellt diesbezüglich aber noch mal einen qualitativen Einschnitt in der Analyse dar. Mit der Neuaufbereitung des Begriffs vom ,fiktiven Kapital‘ kann nun sauber erklärt werden, warum der Kapitalismus trotz dem Ende der Arbeit noch immer vor sich hin akkumulieren kann – und wo die Grenzen dieser Akkumulation liegen.

Auf diese Weise war die Wertkritik nicht nur in der Lage, die Unausweichlichkeit eines Platzens der Finanzblase zu prognostizieren – sie kann nun auch die Mechanismen beschreiben und analysieren, mittels derer die Krise durch die Akkumulation von ,fiktivem Kapital‘ aufgeschoben wird. Während sich der Rest der Linken einfach nicht bewegt und plump behauptet, alles sei noch immer so wie vor 100 Jahren, kann Wertkritik hier die Kontinuität im Wandel beschreiben.

Fußnoten:

  1. Wolfgang Pohrt (2012): Kapitalismus forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam. Berlin : Edition Tiamat [zurück]
  2. ebd., S. 85 [zurück]
  3. ebd., S. 64 [zurück]
  4. Georg Fülberth (2006): G Strich. Kleine Geschichte des Kapitalismus. Köln : Pappy Rossa Verlag [zurück]
  5. Michael Heinrich (2010): Kapitalismus, Krise und Kritik. Zum analytischen Potenzial der Marxschen Theorie angesichts der gegenwärtigen Krise. In: Heinz Bude/ Ralf M: Damitz/ André Koch: Marx. Ein toter Hund? Gesellschaftstheorie reloaded. Hamburg : VSA [zurück]
  6. Michael Heinrich (1999): Geschichtsphilosophie bei Marx. In: Diethard Behrens (Hrsg.), Geschichtsphilosophie oder Das Begreifen der Historizität, Freiburg: ca ira Verlag, 1999, S.127-139. [zurück]
  7. Diese Annahme unterliegt auch durchgängig der Kritik der Gruppe 3 am Manifest gegen die Arbeit. Vgl. Gruppe 3 (2000): Lebende Leichen. Warum das ,Manifest gegen die Arbeit‘ auf keinen Fall eine Kapitalismuskritik ist [zurück]
  8. Rainer Trampert (2012): Das neue Akkumulationsmodell. Krise und Aufschwung, geopolitische Neuordnung und industrielle Revolution. In: Hermann L. Gremliza (Hrsg.): No way out? 14 Versuche, die gegenwärtige Finanzs- und Wirtschaftskrise zu verstehen. Hamburg : Konkret Verlag, S. 144 [zurück]
  9. Thomas Kuszynski (2012): Ausweglose Lagen gibt es nicht. Steht das Kapital vor einem neuen Mehrwertschub? In: Hermann L. Gremliza (Hrsg.): No way out? 14 Versuche, die gegenwärtige Finanzs- und Wirtschaftskrise zu verstehen. Hamburg : Konkret Verlag, S. 152 [zurück]
  10. ebd., S. 152 [zurück]
  11. Das liegt nicht nur am ,Volk‘, sondern zudem an den verdummenden Medien. Wer mag, mache die Probe aufs Exempel, gehe zu google und gebe „Medien Verarschung“ als Suchbegriff ein. Als Ergebnis kommt eine Nazi-Seite nach der anderen. Bei einer Suche nach „Volksverdummungsmaschinerie der Medien“ sind die Ergebnisse noch eindeutiger. [zurück]
  12. a.a.O., S. 138 [zurück]
  13. ebd., S. 139 [zurück]
  14. vgl. Ernst Lohoff/ Norbert Trenkle (2012): Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind. Münster : Unrast Verlag, S. 165f. [zurück]
  15. Gruppe 3 (2000): Lebende Leichen. Warum das ,Manifest gegen die Arbeit‘ auf keinen Fall eine Kapitalismuskritik ist [zurück]
  16. vgl. etwa Michael Heinrich (2008): Die gegenwärtige Finanzkrise und die Zukunft des globalen Kapitalismus. in: Phase 2.28, S.56 – 59 [zurück]