Beiträge von Juli

Die Linke und die Krise

Dieses Thesenpapier aus dem Jahre 2012 möchte ich Euch nicht länger vorenthalten.

1 Hinführung

Am 12. Juli 2007 erschien in der Wochenzeitung Jungle World ein Aufsatz von Michael Heinrich mit dem programmatischen Titel „Profit ohne Ende“. Dem Kapitalismus, so war dort zu lesen, stehe nicht nur eine lange, sondern zudem auch eine rosige Zukunft bevor. Akute Krisengefahr vermochte der Autor zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Bald darauf kam der 9. August 2007, der mittlerweile als der Beginn der Finanzkrise von 2007/2008 betrachtet wird. Aus der Finanzkrise ist mittlerweile eine Staatsschuldenkrise geworden, die Allgegenwart der Krise sollte in den folgenden fünf Jahren die gesellschaftliche Stimmung prägen – und tut es noch heute.

Im Jahre 2005, zwei Jahre vor dem in der Finanzkrise kulminierenden Zusammenbruch der Immobilienblase, war es ein gewisser Robert Kurz, der in seinem Buch „Das Weltkapital“ ziemlich exakt die Prozesse beschrieben hat, die schließlich zum Crash des Weltfinanzsystems führen sollten. Wollten wir also die Prognosefähigkeit kritischer Theorie zum Ausgangspunkt einer Debatte um die Ursachen kapitalistischer Krisenprozesse und die Folgen kapitalistischer Krisenverwaltung machen, so wäre der von Kurz repräsentierte Ansatz der Wertkritik die erste Wahl für eine antikapitalistische Linke.

Davon kann jedoch keine Rede sein. Während vor der Krise alle gewusst hatten, dass dem Kapitalismus schon nichts schlimmes passieren würde, wenn nicht der starke Arm der proletarischen Revolution ihm den Garaus macht, so wissen heute alle, dass das mit der Krise nur eine vorübergehende Erscheinung, ein kurzes Intermezzo, eine unglückliche Fügung, die Folge einer falschen Politik oder was auch immer sein muss.
Hinge es am Willen und Wollen der deutschen Linken – der Kapitalismus wäre quicklebendig und würde jauchzend über die Wiesen hüpfen. Stattdessen hält Angela Merkel ihm am Krankenbett das Händchen. Wie also konnte es dazu kommen? (mehr…)

Kapitalismus abwickeln?

Bei einem Vortrag im Dezember hat sich Ernst Lohoff der Frage gewidmet, wie wir den Kapitalismus loswerden können. Die vorgetragenen Überlegungen gibt es nun Online:

„Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus?“ fragt Christian Siefkes in zwei Teilen [1|2] im Keimform-Blog.

Kritik der polemischen Vernunft

Prolog

Bei Veranstaltungen zur Kritik an den sog. Antideutschen gibt es oftmals einen interessanten Effekt. Da steht irgendjemand vorne und kritisiert zum Teil tatsächlich kritikable Aspekte am antideutschen Mainstream. Bei den Zuhörer*innen führt das allerdings dazu, dass sich innerhalb kürzester Zeit ekeligste Ressentiments Bahn brechen. Da meinen plötzlich alle, nun endlich die Legitimation respektive die Absolution erhalten zu haben, um mal wieder richtig ordentlich über den Juden, über Israel und über die USA hetzen zu können.

Das ist nicht schön, allerdings offensichtlich kein Alleinstellungsmerkmal der traditionellen Linken. Auch eine Kritik von Antideutschen an den „Anderen“ – also allen die irgendwie poststrukturalistisch oder wertkritisch unterwegs sind – kann durchaus dafür sorgen, dass die Leute einfach mal auf das draufhauen, was sie ohnehin noch nie verstanden haben.

Bei einer Vortrag von Thomas Maul in Kassel durfte die geneigte Zuhörerin genau dies erleben. Der Referent (im Folgenden stets einer der reflektierteren Gesprächsteilnehmer) trug eine Polemik aus der Bahamas vor und im Anschluss daran überbaten sich die Anwesenden mit Anmerkungen zum Problem der Sprachhygiene oder dem, was sie unter Poststrukturalismus verstehen. Dabei ging es jedoch zumeist um Erzählungen über „meinen Sohn, der in Göttingen Ethnologie studiert“ und über Dinge, die mann „mal gehört“ habe. Danach wird alles unter Beschuss genommen. Sogar bei Behinderungen, so konnte mensch hören, werde heute verlangt, alles anzuerkennen und für gut zu befinden. Da würden sogar die Gehörlosen eine eigene Kultur haben wollen, die mit der Richtigen auf einer Stufe stehe. Stattdessen solle mensch doch lieber kritisieren, dass manche nicht an der Gesellschaft teilhaben können. Aber was passiere? Es werde so getan, als seien alle Kulturen gleichwertig und jeder Wahrheitsanspruch wird über Bord geworfen. Selbst „Transen“ wollten ja sich und ihre „Borniertheiten“ (Maul) anerkannt wissen. Die wollen sogar – und jetzt kommt’s – das ihre gefühlte Geschlechtsidentität vom Staat im Pass anerkannt wird. Was einen Menschen im Publikum zu der Annahme verleitete, Trans-Menschen würden per se Deutschland gut finden, weil sie ja nicht einfach so leben wollten wie sie mögen, sondern um die Anerkennung vom Staat lechzen würden. Das seien also alles Nationalisten! Überhaupt fühlte sich einer der Anwesenden bei all dem postmodernen Klamauk an einen alten Wiener erinnert, der dereinst bemerkt habe, es würde ihn manchmal überkommen, die schlimmsten seiner Zeitgenossen mit seinem Gehstock zu verhauen. Offensichtlich seien die Zeiten derart durchgedreht, das mann überlegen müsse, ob das nicht mal angebracht sei. Diese einigermaßen erschütternde Erfahrung nun trieb mich dazu, den Referenztext aus der Bahams zu studieren. Und das führte zu dem folgenden Text. (mehr…)

Kreative Antirepression

Derzeit scheint das Leben in Hamburg nicht sonderlich spaßig zu sein. Was nicht zuletzt auch an der dort regierenden Sozialdemokratie (SPD) liegt. Die gibt sich nämlich in alter Noske-Pose, beschimpft linke Protestant*Innen als „Verbrecher“ und ist auch sonst für alle jenseits der guten alten heterosexuellen und männlichen Arbeiterelite eher eine Bedrohung als ein Segen. Wie dem auch sei – nicht unerhebliche Teile Hamburgs gelten nun als Gefahrengebiet und wie immer wenn der Staat hart durchgreift, findet sich die eine oder andere kreative Möglichkeit, damit umzugehen. Hier nun meine bisherigen Favourites. (mehr…)

Postone On Israel And Crisis

Im Grunde nerven mich ja die ewigen Debatten in der deutschen Linken rund um Israel. Und zwar unabhängig davon, von welcher Seite sie kommen. Trotz allem ist es immer wieder schön, dem Genossen Postone auch zu diesem Thema zu lauschen:

In Hamburg is ganz schön krass. Hintergrundinfos und lesenswerte Kommentare gibt’s hier: (1|2|3|4|5)

WASP Fudamentalism

Das mit dem Religionismus ist so eine Sache: nicht nur im Islam geht es drunter und drüber – auch wenn über den besonders häufig berichtet wird. Doch auch im vermeintlich aufgeklärten „Westen“ gibt es noch immer ein verblüffendes Maß an religiösem Glauben. Und noch mehr: da wird nicht einfach geglaubt, sondern offensichtlich auf eine Art und Weise, die mit Wissenschaft nicht so recht über eins zu kriegen ist.

In den USA zumindest wurde eine Studie angestellt, die den Zusammenhang zwischen dem Glauben an Gott und dem an die Wissenschaft untersucht hatte. Die Ergebnisse fasst Spiegel Online wie folgt zusammen:

# Immerhin 60 Prozent aller Amerikaner glauben an eine graduelle Entwicklung hin zum heutigen Menschen.
33 Prozent aber glauben das nicht: Für sie ist der Mensch eine göttliche Schöpfung – und war vom ersten Tag an so, wie er heute ist;
# Die Welten der Demokraten und Republikaner klaffen immer weiter auseinander. 2009 unterschieden sich die Anhänger der Parteien bei der Frage, ob sie das Prinzip der Evolution akzeptieren, nur um 10 Prozent. 2013 ist dieser Unterschied auf 24 Prozentpunkte angewachsen.
# 57 Prozent und damit die Mehrheit der Amerikaner sind generell schöpfungsgläubig: Zu dem Drittel der Bevölkerung, das der Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich anhängt, kommen noch einmal 24 Prozent, die glauben, Gott persönlich habe die Evolution eingeleitet und zu dem Zweck gelenkt, den Menschen zu schaffen.
# Religiöser Fundamentalismus ist unter weißen Amerikanern am stärksten verbreitet, und hier besonders unter den sogenannten Evangelikalen: 64 Prozent aller weißen Anhänger dieser protestantischen Kirchen glauben der Bibel aufs Wort. Für die Farbigen unter ihnen gilt das nur für jeden Zweiten.

Eine andere Studie des Pew Forum on Religion & Public Life hat derweil rausgefunden, das religiöse Menschen – insbesondere Christ*Innen - sich auch in Sachen Religion nicht sonderlich gut auszukennen scheinen – zumindest innerhalb der USA:

Und wenn es um Religion im Allgemeinen geht, dann wissen ausgerechnet Atheisten und Agnostiker besonders gut Bescheid, gefolgt von Juden und Mormonen. Die Studie widerlegt ein verbreitetes Vorurteil gegenüber Nichtgläubigen: Nicht an die Existenz von Göttern zu glauben, hängt offenbar nicht damit zusammen, dass Nichtgläubige zu wenig über Religion wüssten. […]
Bei den Fragen ging es insbesondere um Inhalte der Bibel oder um Götter, Feste und Persönlichkeiten, die in den verschiedenen Religionen eine wichtige Rolle gespielt haben oder noch spielen. So wurde zum Beispiel danach gefragt, welches das erste Buch der Bibel ist, wo Jesus geboren sein soll, um was für ein Fest es sich beim Ramadan handelt und wann der jüdische Sabbat beginnt. Einige Fragen betrafen auch US-Gesetze, die die Religion betreffen. […]
Gerade mal jeder zweite Katholik wusste, was bei der Eucharistie passiert. Bei den Protestanten waren es noch deutlich weniger. Nicht einmal jeder zweite Protestant wusste, dass die Reformation auf Martin Luther zurückgeht. Unter den Nichtgläubigen wussten das mehr als zwei Drittel.

Vielleicht sollte hier ja – als Vorschlag zur Güte – die Aufklärung ansetzen. Wenn wir den Leuten nur genug über ihre Religion erzählen, lassen sie vielleicht eines Tages davon ab…

Weils so schön ist

Lang, lang ist’s her, da habe ich hier gebloggt. Und dann immer diese quälende Frage, was mit dem Blog werden soll.

Für heute habe ich mich entschlossen, es vielleicht doch noch einmal zu versuchen. Und dies Blog zu nutzen, um hier empirisches Material zur Krisentheorie zu archivieren. Wobei Krise nicht nur heißt: Krise der Ökonomie. Die gibt’s, aber das finde ich einigermaßen langweilig. Es heißt auch: Krise des Subjekts. Oder, allgemeiner geschrieben: Krise der Form.

Was prinzipiell die Frage mit sich bringt, was mit dieser Form gemeint ist – aber der gehe ich lieber hier nach.

Wie das weitergeht? Das werden wir sehen. Vielleicht bin ich es schon bald leid, und stelle das bloggen ein. Oder ich wechsele zu einem Anbieter, weil mich die unsägliche linke Streitkultur nervt oder was-auch-immer.

Aber bis dahin – viel Spaß beim Lesen.

Wasserprivatisierung: Quelle zur Generierung von Bodenrente

Schon seit einigen Jahren, verstärkt aber seit der Krise von 2007/2008 investieren große Unternehmen (im Falle Chinas sogar ganze Staaten) in Geschäfte mit Lebensmitteln. Ein besonders beliebtes Lebensmittel ist dabei – das Wasser. Der untenstehende Dokumentarfilm zeigt etwas von den Hintergründen dieser Entwicklung.

[Das alles ist schrecklich – einen polit-ökonomischen Grund möchte ich aber noch mal hervorheben:

Gleich am Anfang am Beispiel der Nestle-Abfüllstation in Colorado wird deutlich, dass die von Nestlé erzielten Gewinnmargen nicht auf die Verausgabung von ,abstrakter Arbeit’ zurückgeht, sondern das hier Renten-Einnahmen erzielt werden. Genauer geschrieben: hier wird Bodenrente verdient.

Ab Min 6:35 wird erklärt, das Nestlé das Leitungswasser aus Denver für 2 cent pro 4 Liter aufkauft und dann für 10 Dollar weiterverkauft. Erreicht wird das alles dadurch, dass das Wasser als besonders gesund angepriesen wird. Durch eine geschickte Werbestrategie wird so eine Vervielfachung der erzielten Gewinne ermöglicht. Rente statt Wertproduktion lautet auch hier das Motto.

Das bedeutet nun nicht, das diese Gewinne weniger legitim seien als die anderswo erzielten Gewinne, die auf Ausbeutung in der Fabrik zurückgehen. Nur macht es deutlich, wie prekär der postmoderne Kapitalismus funktioniert. Weite Teile der Gewinne gehen eben nicht auf steigende Wertproduktion zurück, sondern auf „allgemeine Arbeit“: Kommunikation und PR. Auf diese Weise kann Privatisierung vielleicht Gewinne generieren, eine langfristige Stabilisierung des Kapitalverhältnisses ist so aber nicht möglich.]

Geringe Medienkompetenz bei Amazon

Die ARD hat eine Reportage über die Arbeitsbedingungen bei Amazon verfasst. Seitdem wissen wir, warum der Laden so günstig und so schnell ist. Was für die KundInnen gut ist, ist für die Beschäftigten (diesmal wie auch sonst zumeist) eine ziemliche Scheiße:

(via ARD-Mediathek)

Entsprechend ist die Protest-Maschinerie auch umgehend angesprungen. Es hat sich eine Facebook-Gruppe gegründet, es gab viel Kritik auch auf der Amazon-Facebook-Seite. Das fand das Unternehmen nicht so gut. Entsprechend wurde dazu aufgerufen, die eigene Seite mit Lobeshymnen zu überfluten. Leider nicht privat, sondern öffentlich. Und so ist die Welt nicht nur sauer über die Arbeitsbedingungen bei Amazon, sondern lacht auch über dieses Bild:

Wieder mehr bloggen. Und die Missy abonieren! Wegen dem schönen Psycho-Test.

Daniel Kulla hat in der Jungle World ein paar spannende Thesen zur Drogenpolitik veröffentlicht.

On Michael Heinrich’s blind spot

(via PrincipiaDialectica)
Now, with An Introduction to the Three Volumes of Karl Marx’s Capital by Michael Heinrich, a competent and undogmatic introduction to Marx’s Critique of Political Economy is available in English. The German political scientist starts with a critical outline of previous Marx receptions. He demonstrates that the systematic significance Marx attributed to his work, was not even remotely taken up on by the international Worker’s Movement – and therefore it is best not lump together Marx and Marxism. (mehr…)

Ursachen und Hintergründe der Euro-Krise

Erinnern wir uns zurück: bevor die Medien mit der Nachricht voll waren, der Euro sei ob der Überschuldung der Staaten in Gefahr, gab es Banken, die ob unsolider und ,spekulativer‘ Geschäfte in Gefahr waren und ebenfalls drohten, die Wirtschaft und damit den ohnehin prekären Lebensstandart westlicher Eliten (also den eingeborenen EuropäerInnen, insbesondere denen in Deutschland) zu gefährden. Diese Immobilienblase war die Folge, darauf ist häufiger hingewiesen worden, der Politik nach dem Crash der New Economy. Hier hört die Linke Suche nach Ursachen zumeist auf. Schuldige werden dann in Form amerikanischer Notenbankchefs, von neoliberalen Ideolog*Innen oder erfolgreichen Klassenkämpfer*Innen im Auftrage des Kapitals schnell gefunden.

Dabei stellt sich doch die recht offensichtliche Frage, wie es überhaupt zur New Economy-Blase gekommen ist. Was denn eigentlich mit den regionalen Finanz-, Währungs- und Bankenkrisen in Teilen der südamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Peripherie in den 1980er und 1990er Jahren gewesen ist – und ob nicht bereits diese Teil des Aufstiegs dessen waren, was Marx einst recht verharmlosend als ,fiktives Kapital‘ bezeichnet hat.

Mit dem Buch Die große Entwertung‘ haben Ernst Lohoff und Norbert Trenkle ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Werk vorgelegt, um diese Ansicht zu untermauern. Und um die Thesen zur Diskussion zu stellen, schlägt Ernst Lohoff an diesem Wochenende (1. und 2. Juni) in Göttingen auf. Am 1. Juni stellt er die Kernthesen des Buches im DGB-Haus vor, am 2. Juni gibt es dann einen Workshop zu den Hintergründen der Euro-Krise. Die Einladung der veranstaltenden Gruppe gibt es hier.