Beiträge von Juli

Über die Verhältnisse leben

(erschienen in: Streifzüge 54/2012 in der Rubrik „unter 2000 Zeichen“)

In regelmäßigen Abständen verkünden Politiker*Innen jedweder Coleur, die Gesellschaft habe „über ihre Verhältnisse“ gelebt. Obwohl häufig gehört, macht diese Redewendung doch stutzig. Dass eine Gesellschaft in der Lage ist, „über ihre Verhältnisse“ zu leben, ist keineswegs selbstverständlich. Kein Mensch und keine Gesellschaft ist beispielsweise dazu fähig, in einem gegebenen Zeitraum mehr zu verbrauchen, als vorhanden ist. Es können nicht mehr Brötchen gegessen werden, als es gibt, es können nicht mehr Fahrräder genutzt werden als vorhanden sind und auch Energie lässt sich nur dann verausgaben, wenn sie zuvor erzeugt wurde. (Die einzige denkbare Ausnahme stellt hier vermutlich die heute gängige Variante des Ressourcenverbrauchs dar, die durch intensive Ressourcennutzung eine mögliche spätere Umstellung auf regenerative Energien erschwert.) Der Satz kann nur deshalb auf allgemeine Zustimmung stoßen, weil bei Reichtum und Wohlstand nicht in erster Linie an stoffliche Phänomene, sondern an monetäre Größenordnungen gedacht wird. Letztere zeichnen sich somit allem Anschein nach durch Eigenschaften aus, die nicht mit denen des stofflichen Reichtums identisch sind.

„Über die eigenen Verhältnisse zu leben“ meint, sich verschuldet zu haben. Der Konsum stofflichen Reichtums stellt sich als monetärer Selbstmord heraus. Um an die Dinge zu gelangen, die doch da sind, werden Menschen gezwungen, ihre Zukunft zu verpfänden. In der wird das nicht besser werden: dank verbesserter Technik wird mehr stofflicher Reichtum zur Verfügung stehen, der wegen der üppigen Verschuldung noch weniger finanzierbar sein wird als heute schon. Das Ergebnis? Mehr Verschuldung.

Das klingt – Sie haben es erraten – nach keiner guten Idee. Nennt sich übrigens Kapitalismus, das Ganze. Macht weder Spaß noch funktioniert es ordentlich. Sollten wir mal abschaffen.

If the Kids are divided

Ausgangspunkt der Protestbewegungungen im Sommer 2011 waren die je unterschiedlichen Erfahrungen mit den Folgen ökonomischer Krisenprozesse. Auf der Straße standen Leute, die ihre Häuser verloren haben oder ihre Jobs. Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz verloren oder nicht bekommen haben, die die Schule wechseln mussten etc. Dass der Protest in Deutschland nicht so richtig Fuß fassen konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass die Krise hierzulande (noch) nicht in vollem Maße durchgeschlagen ist. (mehr…)

Der autoritäre Antiautoritäre

Der zionistische Marxist und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld wäre am 2. Mai 2012 120 Jahre alt geworden. Bernfeld war Aktivist der Wiener Jugendbewegung, Mitbegründer der zionistischen Kibbuzerziehung und praktizierenden Psychoanalytiker. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit war die Übertragung psychoanalytischer Theorien auf die Sozialwissenschaften. Insbesondere mit ,Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‘ hat er 1925 eine Kritik des pädagogischen Betriebes vorgelegt, die in den 60er und 70er Jahren einen erheblichen Einfluss auf die antiautoritäre Bewegung ausgeübt hat, der durchaus mit dem Theodor W. Adornos verglichen werden kann. (vgl. Lohmann 2001; Schrödter 2010) (mehr…)

Obsoleszenz als Modetrend

Die Linke hat ein neues Modewort entdeckt: geplante Obsoleszenz. Der Begriff ist eine Adaption aus dem englischen Sprachraum, wo von planned obsolescence die Rede ist. Der Begriff kommt von dem Adjektiv obsolet, das so viel bedeutet wie „nicht mehr gebräuchlich“ oder „hinfällig sein“. Gemeint ist „geplanter Verschleiß“.

Um mehr Produkte verkaufen zu können und damit den Umsatz und den Gewinn der Unternehmen steigern zu können, sind sie stets auf der Suche nach Ideen, die Kund*Innen dazu zu bringen, ein bereits erworbenes Produkt möglichst bald durch ein neues zu ersetzen. Eine Möglichkeit hierfür sind Modetrends: wer einen neuen iPod, eine neue Hose oder ein neues Auto braucht, weil es für sein Wohlbefinden oder die angestrebte gesellschaftliche Akzeptanz wichtig ist, wird den fraglichen Gegenstand schon lange vor dem Ende von dessen physischer Nutzbarkeit zu erneuern trachten. Die Geschichte der konsumorientierten Variante von moralischem Verschleiß ist nicht neu und geht bis in die USA der 20er Jahre zurück, als Henry Fords Tin Lizzie gerade den Höhepunkt seiner Marktverbreitung erreicht hatte. Die Konkurrenz schlief nicht und so platzierte General Motors ein Auto auf dem Markt, das zwar nicht besser, dafür aber schöner sein sollte. Es ließ die klobige Tin Lizzie im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen und wurde mit jährlich neuen Farben und neuen Modellen zu einem wahren Verkaufsschlager. So brachte General Motors die Leute dazu, sich schneller als es eigentlich nötig gewesen wäre, ein neues Auto zuzulegen.

Auf diese Weise entpuppt sich der Modetrend als geplanter Verschleiß. Doch was damals ein Novum war, ist heute das tragende ökonomische Prinzip. Nur die wenigsten Menschen ersetzen vorhandene Gebrauchsgegenstände, weil diese tatsächlich unbrauchbar geworden wären.
Der moralische Verschleiß hat den Alltag erobert.

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)

Braunschweig kriegt die Krise

Gestern war ich bei einer Veranstaltung in Braunschweig. Norbert Trenkle, Thomas Sablowski und Bernd Röttger waren von der Antifaschistische Gruppe Braunschweig und dem DGB-Jugend Ausschuss Braunschweig eingeladen worden, über die Ursachen der Krise zu diskutieren und Perspektiven für emanzipatorischen Protest auszuloten. Um es vorwegzunehmen: es wurde tatsächlich über die Krise geredet, nicht so wie bei dieser Veranstaltung hier:

Stattdessen ging es zunächst wie gewohnt los: Norbert Trenkle referierte recht knapp über die Ursachen der Krise, wie sie sich für die Krisis-Gruppe, der er angehört, darstellen – und wie er sie gemeinsam mit Ernst Lohoff in dem neuen Buch ,Die große Entwertung‘ dargestellt hat. Der Kapitalismus, so Trenkle, sei durch ein widersprüchliches Verhältnis charakterisiert: er sei seinem Wesen nach auf die stete Anhäufung von Arbeit (so called ,Mehrarbeit‘) angewiesen. Gleichsam zähle diese Arbeit jedoch nur in ihrem gesellschaftlichen Durchschnittsniveau, weshalb die einzelnen Kapitalien stets bemüht seien, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Dieser Prozess ließe sich solange recht problemlos aufrechterhalten, wie durch die Erschließung neuer Produktionssegmente die an der einen Stelle überflüssig gewordenene Arbeit an anderer Stelle wieder in den Prozess inkludiert werden kann. Dies funktioniere seit der mikroelektronischen Revolution allerdings nicht mehr, da durch sie Arbeit in einem kaum vorstellbaren Maßstab überflüssig geworden sei. Stattdessen sei das freiliegende Kapital an die Finanzmärkte geströmt und zeichne dort als Akkumulation von Fiktivem Kapital im Wesentlichen für die kapitalistische Dynamik der letzten 30 Jahre verantwortlich. (mehr…)

Das Nadelöhr

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)

Das Bild des Jahres 2008 zeigt einen Polizisten, der mit gezogener Waffe eine zu räumende Wohnung durchschreitet. Durch die Immobilienkrise konnten viele Wohnungsbesitzer*Innen die Raten an die Bank nicht mehr zahlen – und dann kam die Polizei. Aber was ist mit den Menschen geschehen, die noch kurz zuvor diese Wohnung als ihr zu Hause bezeichnen konnten? Viele der Betroffenen konnten kurzfristig bei Freund*Innen und Verwandten unterschlüpfen. Nicht wenige von ihnen landeten jedoch früher oder später in einer der riesigen Zeltstädte, die an den Rändern vieler US-Städte für einige Zeit neben der Staatsverschuldung das einzige waren, was noch ein veritables Wachstums aufweisen konnte. Während die Wohnungen ungenutzt leerstehen, sind ihre ehemaligen Bewohner*Innen hier ungeschützt den neugierigen Blicken von Passant*Innen, Journalist*Innen, wie dem Ordnungswahn des örtlichen Polizeidepartements ausgesetzt.

Dass die Menschen nicht mehr ihre bisherigen Wohnungen bewohnen dürfen und diese nun ungenutzt vermodern, liegt nicht an ihrer mangelnden Nützlichkeit. Sie stehen leer, weil es im Kapitalismus nur bedingt darauf ankommt, dass Dinge nützlich sind und benutzt werden. Als fundamentales Problem entpuppt sich vielmehr die Vermittlung von Wohnungsbedürfnis und Wohnung. Nur wenn hinter dem Wunsch zu wohnen auch eine zahlungskräftige Nachfrage steht, wird – wirtschaftswissenschaftlich gesprochen – aus dem Bedürfnis ein Bedarf. Und nur der taucht am Markt auf und nur der ist relevant für die Ökonomie. Nachdem noch jedes Einführungswerk in die Volkswirtschaftslehre zunächst stolz verkündet, in der Wirtschaft ginge es darum, Menschen mit notwendigen Gütern zu versorgen, wird diese Annahme bereits ein paar Zeilen später dahingehend relativiert, dass es eben doch nicht um nutzbare Dinge, sondern um bezahlbare Waren geht.

Kritik und Affirmation

Zur Auseinandersetzung mit der Geldpfuscherei

In einer alten indischen Legende über die Erfindung des Schachspiels wird berichtet, der Erfinder des Spiels habe von seinem König für diese Erfindung nicht mehr verlangt als Weizenkörner. Ein Korn auf das erste Feld des Schachbrettes, die doppelte Menge auf das zweite Feld, wiederum die doppelte Menge auf das dritte Feld und so weiter. Der König, der zunächst erbost war ob der vermeintlichen Bescheidenheit des weisen Brahmanen, musste schnell einsehen, dass er sich auf einen für ihn ziemlich ruinösen Deal eingelassen hatte, da die Zahl der Weizenkörner auf den letzten Feldern des Schachbrettes astronomische Ausmaße angenommen hatte.

In leicht veränderter Fassung ist diese Geschichte auch heute noch sehr beliebt. Die Weizenkörner werden dann zumeist durch Geld ersetzt, und so verändert soll die Geschichte als Beispiel für die verheerende Wirkung von Zinseszins und nicht selten als vermeintlicher Grund allen Übels im Kapitalismus herhalten. Zins und Zinseszins sind demnach die Ursache nicht nur für die Verschuldungsspiralen der öffentlichen und privaten Haushalte, sondern haben zudem Wirtschaftswachstum und Ausbeutung zur Folge: um die Zinsen bedienen zu können, seien Unternehmen darauf angewiesen, sich dem Willen des Geldes zu beugen und ihre Unternehmenspraxis auf Profiterwirtschaftung umzustellen. Als Ausweg wird dann zumeist eine Geldreform anvisiert, durch die das Geld mittels negativer Zinsen entwertet werden soll.

In diesen Ansätzen wird von einer nicht bestreitbaren Beobachtung (der Existenz von Zins und Zinseszins und ihrer exponentiellen Vermehrung im angeführten Beispiel) begründungslos darauf kurzgeschlossen, dass dieser Mechanismus nicht nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern vielmehr die Ursache für diese Prozesse sein soll. Im Folgenden sollen die sozio-ökonomischen Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Anhand der methodologischen und kategorialen Basisannahmen der Gesell’schen Zinskritik und der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie soll dargestellt werden, wie erstere die kritische Fragestellung der letzteren nicht einmal wahrnimmt. (mehr…)

Out now: Streifzüge 54. Thema: Geld. Gute Beiträge u.a. zur Kritik an der Geldpfuscherei. Jetzt in allen gutsortierten Buchläden.

Die Krise der Männlichkeit, empirisch am Beispiel der Finanzkrise erläutert.

Weiße

Gerd meinte, es sei rassistisch, Weiße als Weiße zu bezeichnen. Noah Sow hat da vor einiger Zeit mal kritisch drüber reflektiert. Hier also ihre Gedankenanregung:

Alles Scheiße

Eine werden sich noch an die Kampagne des Ums-Ganze-Bündnisses unter dem Motto „Staat Nation Kapital Scheiße – Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit“ erinnern. Zur Erinnerung habe ich noch mal ein schickes Demo-Mobi-Plakat rausgesucht:

Das klingt erstmal ziemlich einleuchtend. Fand ich zumindest. Bis ich dann auf dieses Zitat von Erich Fried aufmerksam gemacht wurde:

„Während der Studentenbewegung sagte man: „All diese Dinge: Staat, Schule, Kirche – das ist Scheiße.“ Ich würde das nicht so sagen, einerseits ist das eine Überschätzung, denn Exkremente sind ein unbedingt notwendiges Produkt des Körpers und die unbedingte Notwendigkeit der Kirche, der Schule und des Staates müßte erst bewiesen werden. Aber andrerseits sind in diesen Institutionen alle Elemente der Entfremdung, der Verfälschung und des Unrechts enthalten, je autoritärer sie sind, desto mehr.“ (Erich Fried in: Joern Schlund, „Habe Angst vor dem, der keine Zweifel kennt“ – Gespräche mit Erich Fried. Basel: Z-Verlag 1988, S. 68)

Jetzt muss ich das wohl alles noch mal überdenken…

Enteignung sozialer Kämpfe

Wie immer, wenn weiße, männliche Deutsche demonstrieren, war auch auf den Demos zu „Dresden Nazifrei“ nicht immer alles so einwandfrei, wie die naive BetrachterIn aus der Ferne das zunächst glauben könnte. Eine recht umfangreiche Kritik hat die Gruppe Karano (Kritik und Analyse rassistischer Normalität) vor kurzem auf ihrem Blog veröffentlicht. Hier wird nicht nur, aber vor allem aus der Perspektive von People of Color (PoC). Der Text spricht weitestgehend für sich und ich möchte hier nur auf eine Passage hinweisen, die eine interessante Kritikperspektive auf das sog. Pali-Tuch wirft:

„Auf der Demo haben weiße Teilnehmer_innen mit Kofiyye die Kurdistan- und die Palästina-Flagge geschwungen. Das ist eine Aneignung von Kämpfen, die vorhandene Machtstrukturen reproduziert. Das ist nicht nur rassistisch, sondern auch neokolonialistisch. Haben die Eltern weißer Demonstrierender den Krieg und die Verfolgung in Kurdistan und/oder Palästina miterlebt? Sind sie etwa selbst Kurd_innen oder Palästinenser_innen? Nein! Demnach müssen sie sich zunächst mit ihren Privilegien als Weiße in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen, eines dieser Privilegien ist es zum Beispiel nicht über Flucht- und Rassismuserfahrungen zu verfügen, die Kurd_innen, Palästinenser_innen und andere PoCs Tag für Tag erleben. Ihr wollt solidarisch sein? Dann hört auf euch unsere Kämpfe anzueignen! Solidarisiert euch ohne gleich für andere zu sprechen.“

(via Der Braune Mob)

Auf zum Buko 2012!

Die Große Entwertung: Krisentheorie 2.0

Während weite Teile der linken, außerparlamentarischen Bewegung zu einer Demonstration zum ,european day of action against capitalism‘ aufrufen, ist nun das passende Buch zur Demonstration erschienen. Der Aufruf zur Demonstration gibt die Schuld an den sich vor unseren Augen vollziehenden kapitalistischen Krisenprozessen nicht einzelnen kapitalistischen AkteurInnen, sondern dem System als Ganzem. Wie genau die systemischen Ursachen der Krise jedoch beschafen sind, kann ein solcher Aufruf (naturgemäß) nicht liefern. Ernst Lohoff und Norbert Trenkle haben mit ihrem Buch ,Die große Entwertung – Warum Spekulanten und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind‘ nun auf 300 Seiten die theoretischen und empirischen Hintergründe aufgerollt, die dazu geeignet sind, die Perspektive des Demo-Aufrufes zu untermauern. Irgendwie muss die Fahrt nach Frankfurt ja schließlich überbrückt werden. (mehr…)

Die Krise im politischen Theoriediskurs

Letzten Dienstag war ich bei einer Veranstaltung in Göttingen, bei der es um „Theorie und Praxis der Krise“ gehen sollte. Auf dem Podium saßen neben einem Vertreter des Ums-Ganze-Bündnisses noch Thomas Ebermann und Thomas Seibert. Ankündigungsflyer und Mitschnitt können hier bei Bedarf heruntergeladen werden.

In Bezug auf die vorgetragenen Analysen gab es keine wirklich umwerfenden Neuigkeiten, trotzdem sind einige interessante theoriepolitische bzw. bewegungstheoretische Entwicklungen deutlich geworden. Die Beiträge und die auf sie folgende Diskussion habe ich erweitert um ein paar Eindrücke, die ich aus Gesprächen am Rande der Veranstaltung bzw. am Rande der auf sie folgenden Rave-Demo gegen den Kapitalismus geführt habe.

Um ein bisschen Struktur in die Ausführungen zu kriegen, werde ich mich an den drei Leitfragen orientieren, durch die auch die Veranstaltung strukturiert war: (1) Wie ist die Krise von ihrem Charakter her einzuschätzen, (2) Welcher Strategie folgt die Bundesregierung und (3) Was sind potentielle BündnispartnerInnen für die radikale Linke. (mehr…)