Archiv der Kategorie 'Bildung & Bildungskritik'

G8 und Bildung

[Ich wurde gefragt, ob es einen Zusammenhang zwischen dem G8-Gipfel und dem Thema Bildung gibt. Konstruieren lässt sich alles. Beispielsweise so. Der Fragmentarische Charakter sei entschuldigt, die Datenlage ist ziemlich mies, so das ich tatsächlich ordentlich rumkonstruieren musste, bis das halbwegs gepasst hat.]

Vom 6. bis 8. Juni 2007 treffen sich beim G8-Gipfel die Staats- und Regierungschefs der größten Industrienationen zu ihrem jährlichen Gipfel, diesmal in Heiligendamm an der Ostsee. Dabei wird über die aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungen diskutiert. Ein Schwerpunkt liegt dabei gemäß der Homepage des Auswärtigen Amtes auf einem „Bekenntnis der G8 zur Investitionsfreiheit in Industrie- und Schwellenländern“, der „Thematisierung weltweiter Investitionsbedingungen“ sowie einem „Dialog über die zentrale Bedeutung von Innovationen in wissensbasierten Gesellschaften und Verstärkung der Bemühungen zum Schutz geistigen Eigentums“. (mehr…)

Schöne neue Uni-Welt

Seit diesem Semester gibt es Studiengebühren. Und alles, was schiefgehen konnte, geht schief. Die Orientierungsphase in der physikalischen Fakultät in Göttingen etwa bezahlt ihre O-Phasen-T-Shirts mit den Geldern aus den Studiengebühren. Das Vorhaben, nur Geld für „studienrelevante Zwecke“ auszugeben, erweist sich zunehmend als Problem: was ist mit Büchern in Bibliotheken, die am Ende für die Forschung genutzt werden? Neue Lehrende können nur dann eingestellt werden, wenn sich dadurch die Lehrkapazität als solche nicht erhöht.

Das Centrum für Hochschulentwicklung – unabhängig, kreativ und umsetzungsorientiert – hindert das nicht daran, weiter am Konzept der Studiengebühren festzuhalten: „Wichtig ist, dass das Geld direkt in die Lehre geht. Es soll ja eine Leistung und eine Gegenleistung zustande kommen. Das haben alle Länder im Gesetz mehr oder minder verankert.“ Und schlägt deshalb in Form von Prof. Frank Ziegele gleich den nächsten Schritt vor: „Ein Modell, bei dem ein Land einheitlich 500 Euro festsetzt, ist sicher nicht optimal. Dann kommt kein Wettbewerb zustande. Auch besteht die Gefahr, dass die Universitäten das Geld einfach vereinnahmen, weil ja ohnehin jeder zahlen muss.“ Darum muss das Ganze jetzt individuell angepasst werden: „Eine Hochschule könnte sich zum Beispiel dafür entscheiden, Gebühren nicht nach Semestern, sondern nach Modulen, also einzelnen Angeboten zu erheben. Eine Hochschule muss ihrem Profil entsprechend ein bestimmtes Leistungsversprechen geben und dafür einen Preis setzen.“ Dann nämlich müssen die Unis „wirklich zeigen, dass sie mit Gebühren mehr bieten als vorher. Die großen Unis müssen zunächst hinkriegen, dass die Lehre nicht nur in der Masse, sondern auch im kleineren Kontext stattfindet.“ Weshalb ja auch grade das Bachelor-Studium als entindividualisierte Massenverkostung eingeführt wurde. Das läuft dann etwa in Göttingen wie folgt: Du hast für jedes Semester feste Pflichtmodule, die du belegen musst. In genau dieser Reihenfolge. Wenn du das Pensum n icht schaffst, gibt es eine Zwangsberatung. Und wenn es zu lange dauert mit deinem Studium, dann wirst du exmatrikuliert. Damit das ganze nicht zu einfach wird, gibt es zwei verschiedene Bachelor-Variante: Ein-Fach-Bachelor und Zwei-Fach-Bachelor. Im einen Fall studierst du ein einzelnes Fach, im zweiten Fall zwei Fächer. Mathematik und Geschichte auf Lehramt etwa. Und dann ist da Montag morgen um 8.00 Uhr diese Pflichtveranstaltung in der Mathematik. Oh ja, und am Montag um 8.00 Uhr ist auch noch diese andere Pflichtveranstaltung in Geschichte. An denen ich jeweils teilnehmen muss. Und das nicht nur als Ausnahme, sondern als Regel. Und nicht nur in einer Kombination, sondern in so ziemlich allen. Passenderweise ist so auch der einzige Eintrag auf der Diskussionsseite der Uni Göttingen zum BA/MA die Frage, ob mensch wohl noch Diplom-Sowi studieren könne. (mehr…)

Du bist Harald-Schmidt!

Das im Fernsehen meist Schrott läuft und die Leute im zweifelsfall dummer davor weggehen als sie sich davorgesetzt haben, scheint manchmal schon zum allgemeinen Wissensbestand geworden zu sein. Trotzdem setzen sich auch kluge Menschen immer wieder vor die Glotze. Warum? Weil es da ja auch Ausnahmen gibt. Harald Schmidt zum Beispiel. (mehr…)

AStA jetzt lustig!

In diesem Semester zahlen die Erstis zum ersten mal Studiengebühren. Was sie nicht davon abhält, seltsam grölend durch die Innenstadt zu ziehen (großartig ist da vor allem der Smash-Hit: „Wir sind Wiwi-holiker“. Selten so gelacht ob unbündiger Kreativität). Ab dem näxten Semester jedenfalls sind dann alle dran. 500 Euro Studiengebühren plus 200 Euro sonstige Gebühren und Beiträge werden dann fällig. Und weil das nicht nur in Göttingen so ist, sondern in ganz Niedersachsen – und noch in einigen anderen Bundesländern – gibt es Planungen für einen Studiengebührenboykott. Infos dazu gibt es auf den Seiten der jeweiligen Asten, also etwa für Göttingen, Oldenburg, Hannover oder Braunschweig. Nein, das war ein Scherz. Keiner der Asten stellt Infos dazu zur Verfügung, lediglich beim Basisdemokratischen Bündnis aus Göttingen gibt es sowohl einen Artikel zu dem Thema als auch ein FAQ zu Fragen des Boykottes. Mal ganz von der letzten Ausgabe der BB-Publikation abgesehen…

Das verwundert schon ein wenig, denn sooo verschlafen wirken die meisten Asten auf den ersten Blick gar nicht. Das der AStA in Göttingen dazu nix publiziert, verwundert zumindest nicht. Denn erstens gibt es für sowas ja die Opposition, die sich fleißig Tag für Tag in die Mensa stellt und Öffentlichkeitsarbeit macht – da können sich die hochbezahlten MitarbeiterInnen des AStA auch anderen Themen widmen. Dem erstellen von lustigen Umfragen unter Studierenden, bei denen zunächst als einziges Studienfach „Saufen“ gewählt werden darf (Bild groß): (mehr…)

Mal wieder: Schule und Geschlecht

Der gesellschaftliche Roll-Back schreitet voran. Früher gab es mal den Feminismus, aber den hat Eva Hermann für erledigt erklärt. Stattdessen veranstaltet Manndatt e.V. heute eine Jugenkonferenz. Damit allerdings ist das Elend noch lange nicht vorbei, ganz augenscheinlich hat es damit gerade mal angefangen. Die taz zumindest greift heute noch mal ganz offensiv die Frage auf, ob Jungen nicht vielleicht doch in der Schule benachteiligt werden. Die Grundschullehrerin Astrid Kaiser etwa versucht das zu erläutern, und zwar am „Beispiel Rechtschreibung in der Grundschule. Jungen können andere Wörter gut schreiben als Mädchen. Fußball, Gespenst, Computer. Wörter eben, die Jungen emotional nahe sind. Doch dieser Wortschatz kommt in der Leistungsbewertung der Grundschulen gar nicht vor. Stattdessen müssen die Kinder im Diktat süßliche Gedichte schreiben. Rund um Sonne und Wiesen. Texte, die Mädchen entsprechen. Bei Diktaten über böse Gespenster, die durch die Burg sausen, hätten Jungen bessere Noten.“ (mehr…)

Es gibt sie doch: Generation Neon im Anmarsch

Alle vier Jahre ist es wieder soweit: nicht nur die Bundestagswahl wiederholt sich in diesem Rhythmus, auch die Firma Shell gibt alle vier Jahre eine Jugendstudie heraus, in der sie Neuigkeiten über die Jugend des Landes verkündet. Das Ganze ist natürlich ein Versuch, das eigene Image aufzupolieren. Public Relations, sozusagen. Trotzdem gilt die Studie als wissenschaftlich fundiertes und repräsentatives Werk. 2500 junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren werden jeweils befragt und die Ergebnisse werden durchaus über eine Fachöffentlichkeit hinaus zur Kenntnis genommen.

Schon vor vier Jahren, im Jahre 2002, gab es nicht unbedingt viel zu lachen über die heranwachsende Generation. Damals diagnostizierte die Shell-Studie das Heranwachsen der ‚Generation Neon‘. „Jugendliche heute sind pragmatisch. In einem Wertecocktail mixen sie, was ihnen passend erscheint: Fleiß und Macht, Familie und Sicherheit, Kreativität und Lebensstandard – alles geht gleichzeitig. Gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen stellt sich der Nachwuchs, und er will seine Probleme selbst lösen.“

Wenn sich in Zeiten gesellschaftlicher Krise die materiellen Rahmenbedingungen verändern, dann bleibt das nicht ohne Auswirkung auf die Heranwachsenden. Die passen sich den neuen Herausforderungen der Arbeits- und Bildungswelt an und mischen das mit einem weltoffenen Gestus, der glaubt, niemand könne ihm was vormachen. (mehr…)

Männer an die Macht!

Früher galt die tageszeitung ja mal als Hort der Emanzipation. Das war allerdings zu den Zeiten, als auch die Emma noch bei vielen als progressiv galt. Heutzutage gilt das nicht immer. In der aktuellen Ausgabe (Mittwoch) zum Beispiel. Da weißt sie viel zu berichten, über die Benachtteiligung der Jungen an den deutschen Schulen etwa. Es gab nämlich eine „Jungskonferenz“, und das fand die taz toll und hat gleich einige ihrer besten RedakteurInnen hingeschickt. Den anerkannten „Bildungsexperten“ Christian Füller etwa. Der hat schon nicht verstanden, warum das mit den Studiengebühren dummfug ist, und dann lassen die ihn auf die Geschlechterverhältnisse los! Und all das nicht mal auf der Wahrheits-Seite, sondern als ernstgemeinte Berichterstattung über „Bildung“. Ich bin erzürnt. Lesen sie hier, warum.

Zunächst beschreibt Füller, wie er den Kongress empfindet. Fast ausschließlich Frauen sind da, und die benehmen sich auch so: eine Horde unverbesserlicher Feministinnen, die noch immer an das Patriarchat glauben, diesen Eindruck erhält unsereins beim Lesen. Ganz furchtbar, findet Füller, da sieht mann mal, was die Frauen mit unseren Kindern machen. Manchmal darf frau die Jungs natürlich mal rügen, aber eben nur in speziell ausgewählten Situationen. „Was aber falsch ist, die Jungs per se zu rügen für ihre, zugegeben, häufig unartikulierte, oft grobe, ungeschlachte Männlichkeit. Das nämlich impliziert, Männlichkeit pauschal darzustellen als einen Fehler der Natur. ‚Du musst lernen mit deinen Y-chromosomalen Errata umzugehen‘, so lautet dann die zerstörerische Botschaft an die Jungs.“ (mehr…)

Was denn nun?

Bei den derzeitigen Reformen im Bereich von Bildungs und Wissenschaft wird nach einer Art eierlegender Wollmilchsau gesucht. Das wichtigste und immer wieder hervorgekramt Argument für die neuen B.A/M.A-Studiengänge etwa sind die bessere Vergleichbarkeit von Studiengängen und die damit verbundenen Möglichkeiten für Studierende, ihre Studienorte – auch europaweit – während des Studiums zu wechseln. Gleichzeitig sollen dadurch mehr Studierende in kürzerer Zeit durch die Uni geschleust werden. kann der durchschnittliche Bachelor in sechs statt in real elf Semestern (wie der durchschnittliche Diplom- oder Magister-Studi) produziert werden. Gleichzeitig soll so vermieden werden, das die Leute nach der Hälfte ihres Studiums das Ganze abbrechen. Das brauchen sie ja nicht mehr, denkt sich der positivistische Verstand. Weil dann das Studium ja zu Ende ist. (mehr…)

Notenterror und Warengesellschaft

Eine Studie im Auftrag dess Grundschulverbandes ist der Grund für einen erneuten Vorstoß, doch die Sache mit der Notengebung noch mal zu überdenken. Als Gründe gegen die Notengebung wird vor allem genannt, das sie oftmals informationsarm seien, ohne nachvollziehbare Kriterien vergeben würden und durch die von ihnen betriebene soziale Hierarchisierung demotivierend wirken würden.

Entsprechend ist der Aufschrei groß. Jörg Lau protestierte in der Zeit: „Die Kinder aus der Klasse meiner Tochter freuen sich darauf, dass sie von der dritten Klasse an endlich Noten auf dem Zeugnis bekommen werden. Schulkinder haben offenbar zu Noten ein viel unbefangeneres Verhältnis als die Experten, die sie davor beschützen wollen.“ Starke Worte. Vorallem wohl von einem Mann, der im nächsten Moment die Kinder daran hindern würde, auf die heiße Herdplatte zu fassen. Zu der die „Kinder aus der Klasse meiner Tochter“ nämlich auch „ein viel unbefangeneres Verhältnis“ haben als Herr Lau, der Experte, der sie davor bewahren möchte. (mehr…)