Archiv der Kategorie 'Emanzipation'

If the Kids are divided

Ausgangspunkt der Protestbewegungungen im Sommer 2011 waren die je unterschiedlichen Erfahrungen mit den Folgen ökonomischer Krisenprozesse. Auf der Straße standen Leute, die ihre Häuser verloren haben oder ihre Jobs. Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz verloren oder nicht bekommen haben, die die Schule wechseln mussten etc. Dass der Protest in Deutschland nicht so richtig Fuß fassen konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass die Krise hierzulande (noch) nicht in vollem Maße durchgeschlagen ist. (mehr…)

Revolutionsromantik und Bewegungsrealität

Slavoj Žižek gilt als große Nummer in der Linken. Von einigen wird er sogar als Stichwortgeber der Occupy-Bewegung verhandelt. Dieser Slavoj Žižek also macht sich neuerdings auch über den Kapitalismus und eine Kritik daran Gedanken. Aus irgendeinem Grund ist ihm dabei wohl Moishe Postone über den Weg gelaufen. In einem Interview hat er sich zu dem dann wie folgt geäußert: (mehr…)

Besser Treffen

Viele werden es kennen: Egal ob beim Treffen der Politgruppe, beim Meeting der WG oder beim Plenum zur Vorbereitung von Großevents – immer ist es zäh, nervig und stressig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass solche Treffen als Interaktion von vielen Einzelnen eine ziemlich anspruchsvolle Sache sind. Und wir selber lange Jahre davon abgehalten wurden, uns selber um solche Fragestellungen zu kümmern. Das hat unlängst auch die Gruppe 180° in einem längeren Text durchdekliniert, den ihr hier findet.

Etwas grundsätzlicher und differenzierter auf den möglichst stress- und hierarchiefreien Ablauf von Gruppentreffen geht ein Text ein, der seit kurzem über einige Mailinglisten verschickt wird und den ich zur Besseren Verfügbarkeit nun online zur Verfügung stellen möchte: Besser Treffen

Zum Anlesen hier das Geleitwort:

Zum Geleit
Ziel dieses Textes ist es, Anregungen und Hilfestellungen für eine selbstorganisiertere (d.h. effektivere und produktivere) gemeinsame Arbeitsstruktur und -kultur anzubieten.
Über die folgenden Hinweise für die bessere Gestaltung von Treffen hinaus gibt es sicher viele weitere wichtige Empfehlungen, Tipps und Ratschläge. Das Besondere an der hier vorliegenden Zusammenfassung ist, dass sie auf der Basis eines emanzipatorischen Anspruchs geschrieben wurde.
Die hier zusammengetragenen Gedanken und Hinweise sind im Wesentlichen Ergebnis und Zusammenfassung
meiner langjährigen Praxiserfahrung.

Die hier vertretene Basisargumentation für die Verbesserung von Treffen lautet:

1. Die Vielfältigkeiten und Ressourcen aller Mitmachenden sind zu berücksichtigen, zu wertschätzen und zu nutzen.
2. Je höher der Grad der Selbstorganisation eines Arbeitszusammenhanges ist, desto mehr kann er nachhaltige Erfolge realisieren.
3. Weil vertikale Strukturen für die Realisierung des Optimums an nachhaltigen Erfolgen hinderlich sind, sind sie in horizontale zu überführen.
4. Für den Ablauf von Treffen ist zentral, welche Haltung die Teilnehmenden zueinander einnehmen.
5. Methoden erhöhen, wenn sie richtig genutzt werden, die Teilhabemöglichkeiten und erleichtern erfolgreiches Zusammenarbeiten.

Geschmacks- und Herrschaftsfragen

Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie

Dieser Text ist eine Replik auf zwei Texte von Martin Scheuringer, die in den Streifzügen erschienen sind: Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung und Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser! und ist in der Streifzüge-Ausgabe 46/2009 erschienen.
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Zur Peer-Ökonomie

Ich lese gerade Christian Siefkes „Beitragen statt Tauschen“, das in diesem Jahr in deutscher Übersetzung, im letzten Jahr als englisches Original erschienen ist. Während es im Kapitalismus wahlweise um Tauschen (Markt) oder Planen (Planwirtschaft, interne Firmenhierarchien) ginge, so Siefskes, sei der Ansatz für die freie Gesellschaft das Beitragen. Menschen stehen als „peers‘“, also gleichrangig und auf einer Ebene nebeneinander. Das klingt erstmal ganz spannend für die Debatte um „Emanzipatorische Transformationsprojekte“ (wie ich mehr und mehr geneigt bin, die ehem. Keimform-Debatte zu nennen.) Der Text erfolgt in Form einer Art Lese-Tagebuchs. Ich habe also nicht den ganzen Text zunächst gelesen, bevor ich wissenswertes dazu zu Papier gebracht habe, sondern vielmehr beim Lesen meine Gedanken notiert. Das ist nicht sonderlich wissenschaftlich, aber so kann ich zumindest verhindern, das mir kluge Gedanken entgehen – ohne das ich dafür ein Exzerpt schreiben müsste. (mehr…)

Wie geht ‚Bekämpfung des Antisemitismus‘?

Nachdem die ernsthaften Debattenbeiträge bei der aktuellen Disko-Reihe zum ‚Ums Ganze‘ – Kongress abgefrüstückt sind, kommen wir jetzt allem Anschein nach zu zu den Elaboraten, die zumindest ich nicht mehr so ganz ernstnehmen kann. Stephan Grigat breitete dort nun seine These von der Israel-Solidarität als praktizierter Fetischkritik aus.
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Keimformen und freie Gesellschaft

In unterschiedlichen Diskussionsstränge (1|2|3) auf dem Keimform-Blog bin ich verstärkt auf die Frage gestoßen, was denn eigentlich ‚Keimformen‘ einer neuen, freien Gesellschaft sein könnten und wie genau die Organisierung in dieser Gesellschaft und diesen ‚Keimformen‘ aussehen könnte. Und wollte nun meine Sicht auf die Dinge noch mal etwas präzisieren. (mehr…)

Ideen zum Widerspruch von Konsumtion und Produktion

Im Kapitalismus gibt es eine Reihe von Widersprüchen. Nicht nur den zwischen Wert und Gebrauchswert, das ganze zeichnet sich auch auf einer oberflächlichen Ebene ab. Das klassische Beispiel ist hier wohl der widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sehr eindrucksvoll ist auch der zwischen Produzierenden und Konsumierenden. (mehr…)

Weihnachten als revolutionäres Interventionsfeld

Jetzt geht es wieder los. In den Innenstädten aller nicht allzukleinen Städte werden Weihnachtsmärkte aufgebaut, selbst gutmeinende Linke werden zum Glühweintrinken eingeladen und last but not least kommt dann auch noch das dicke Ende auf uns zu: die Weihnachtsfeier im Kreise der (manchmal mehr, meist weniger) geliebten Familie.

Das gilt in linken Kreisen oft als irgendwie anrüchig. Da muss mensch heimfahren und mit der rassistischen, sexistischen oder sonstwie versauten Verwandtschaft klarkommen. Drei Tage. Mindestens. Furchtbar! In diesem Text soll demgegenüber die These vertreten werden, das gerade Weihnachten sich als Ort emanzipatorischer Intervention eignet. Weil gerade Weihnachten einer der letzten Momente ist, in denen sich die bürgerliche Gesellschaft noch ihrer Emanzipationspotentiale besinnt. (mehr…)

Rauchen und Emanzipation

Es gehört zu den Gewissheiten linksradikaler Politik, für die Freiheit des Einzelnen einzutreten. Ebenso gehört es zu ihren Gewissheiten, neoliberale und neokonservative Argumentationsweisen innerhalb herrschender Diskurse aufzudecken. Ein Beispiel dafür ist der unermüdliche Einsatz vieler Linker für das Rauchen. So analysierte etwa Jörn Schulz unter dem Titel „Lieber süchtig als züchtig“ in der Jungle World (die übrigens gerettet gehört, auch wenn sie sich wohl selber in ihre Position geboxt haben dürfte; aber sehet trotzdem das tolle Bildlein rechts) die Situation dahingehend, das die Herausforderungen des globalen Kapitalismus eine fitte und stets einsatzfähige Arbeitnehmerin verlangen würden, die nie krank werden und stets Höchstleistungen bringe. (mehr…)

Realität oder Wunschdenken – Anmerkungen zu Christoph Spehr

Das waren noch Zeiten. Als ich 2001 noch nicht lange im wunderschönen Göttingen verweilte, stieß ich über politische und universitäre Zusammenhänge auf Christoph Spehr. Der hatte sich aufgemacht, mit unterhaltsamen Formulierungen die Debatte in der radikalen Linken zu bereichern. Er war viel im Umfeld des BUKO unterwegs und hat in dem Zusammenhang einige bis heute sehr lesenswerte Texte an den Start gebracht: Von der „Ökofalle“ über „Die Aliens sind unter uns“ bis hin zu „Gleicher als andere. Eine Grundlegung der freien Kooperation“ klang das alles sehr spannend und hat mich in meiner politischen Sozialisation in einer durchaus nicht zu unterschätzenden Intensität geprägt.

Unglücklicherweise bekam Christoph für „Gleicher als andere“ den Rosa-Luxemburg-Preis überreicht und wurde im Folgenden step by step von den Aliens eingekauft. Mittlerweile scheint er über die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Art Politikberatung für die Linkspartei zu machen. Zu seiner Verteidigung sei allerdings gesagt, dass sich viele der Ideen, die er da in die Debatte trägt, durchaus auch in früheren Texten finden.

Ausgangspunkt ist für ihn die durchaus nicht falsche Feststellung, das es der Linken derzeit vielleicht etwas an Attraktivität mangelt. Das ist wichtig, da Menschen sich nur dann auf emanzipatorische Politik einlassen werden, wenn sie sich auch irgendwie persönlich von der ganzen Sache angesprochen werden, wenn sie sich (sei es kulturell, sei es lebensgeschichtlich) von den Idee und Anforderungen, die da an sie herangetragen werden, irgendwie zumindest abfinden, am Besten identifizieren können. Es gibt den Hang vieler Menschen, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen: „Sie machen es eben nur so lange, wie es für sie bequem ist; sonst sehen sie sich nach anderen Optionen um und wechseln, ohne mit der Wimper zu zucken und auch nur einen Finger für die alte Ordnung krum zu machen, die Fahne am Fenster, wenn eine andere Kraft gesiegt hat, für die sie auch keinen Finger krumm gemacht haben. ( … ) Irgendwann sagen sie: ‚Es reicht‘. ( … ) Sie gehen mit jedem, der weniger Druck macht.“ (Aliens, 175f) (mehr…)