Schlimm muss es stehen für den Kapitalismus, wenn die Financial Times Deutschland sich bemüßigt fühlt, einen fiktiven Brief von Adam Smith (tatsächlich geschrieben von David Rubenstein zu publizieren, in dem dieser seinen Glauben an den Kapitalismus bekräftigt: „Mein Glaube an den Kapitalismus ist unerschütterlich“ spricht der Altmeister (mehr…)
Archiv der Kategorie 'Ideologie'
In Polen wurde gewählt und das Staatsvolk ist der bisherigen Regierung gefolgt und hat sie bestätigt. Zu diesem Anlassen präsentiert ein Kommentar auf der Homepage der Tagesschau den wahren Charakter moderner Demokratie:
„Die Entscheidung zugunsten von Donald Tusk war die einzig richtige, die polnische Wähler treffen konnten. Wer politisches Chaos, internationale Isolation und Imageverlust des Landes verhindern wollte, hatte im Grunde keine andere Alternative als für die Bürgerplattform zu stimmen. ( … ) Jene, die sich bei diesen Parlamentswahlen eindeutig für Tusk ausgesprochen haben, bescheinigen dem Land demokratische Reife.“
Ich übersetze mal ganz frei: Die WählerInnen hatten keine Wahl, haben sie aber genutzt. Und eben das macht demokratische Reife aus. Für alle, die das noch nicht wussten.
Der Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Karl-Theodor von Guttenberg, hat ausgespielt. Er hat eine Doktorarbeit abgegeben und dabei auf Teufel komm raus gemogelt und betrogen. Nun ist es sicherlich nicht so, das die akademische Realität für gewöhnlich frei wäre von Lug und Betrug. Aber trotz allem kann doch festgehalten werden, dass er die wesentlichen Standards bürgerlicher Wissenschaftsproduktion verletzt hat.
Das ist nun an sich kein Grund zum Klagen. Soll er halt machen. Letztlich, so ließe sich argumentieren, ist die freie Verfügbarkeit von Informationen doch eine Grundbedingung für eine befreite Gesellschaft. Copy & Paste = Communism, gewissermaßen. Interessant ist nun aber, dass die Hüter*Innen der bürgerlichen Werte und des bürgerlichen Eigentums zunächst einmal gar nicht daran interessiert schienen, den Herrn zu Guttenberg für seine ganz offensichtliche Verfehlung ihrer eigenen Minimalstandards zur Rechenschaft zu ziehen. (mehr…)
Immer mal wieder wird in Blogdiskussionen (etwa: hier) oder in Polit-Gruppen über Sprache und Geschlecht gestritten. Während die einen finden, das Benennen geschlechtlicher Zuschreibungen sei eine Selbstverständlichkeit emanzipativer Praxis und ihr ausblenden Zeichen finstersten Sexismus (etwa: hier), wird einer solche Position häufig vorgeworfen, sie wolle doch bl0ß netter über die Welt reden, anstatt sie endlich zu verändern (etwa: hier).
Eine etwas umfassendere Auseinandersetzung mit dieser Frage hat nun die Gruppe 180° vorgelegt (nämlich: hier). Das Interessante dabei ist m.E., dass die Argumentation streng materialistisch verfährt, also Sprachpraxis in den Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse stellt. Weshalb der Text allen wärmstens ans Herz gelegt sei.
Bereits vor einiger Zeit, als Thilo Sarrazin in einem Interview gegenüber der Lettre International zu Protokoll gab, wie er sich moderne Bioethik vorstellt, hat Hermann L. Gremliza, seines Zeichens Herausgeber der Konkret, dessen Ausfälle recht treffend kommentiert:
Nun, nachdem die ganze Republik von nichts anderem spricht als von Sarrazins Rassekunde, hat er nachgelegt:
Jugendstudien sind derzeit gerade im Trend. Nachdem bereits am 9. September die Rheingold Jugendstudie mit dem Titel „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ veröffentlicht wurde, haben am 14. September Klaus Hurrelmann, Mathias Albert & Co nachgezogen und die 16. Shell-Jugendstudie „Jugend 2010“ heute in Berlin vorgestellt. Beide Studien haben viel gemeinsam und werfen kein sonderlich hoffnungsvoll stimmendes Bild auf die heranwachsende Generation. (mehr…)
Rhizom hat vor kurzem auf ein neues Buch von Olivier Roy verwiesen, in dem über den Wandel der Religionen zum Religionismus (Ernst Lohoff) verwiesen. Darin finden sich einige sehr lesenswerte Passagen, die seine bisherigen Thesen über die Modernität „islamischer Geschlechterverhältnisse“ durchaus erhärten: (mehr…)
Zur Stereotypie der Griechenland-Debatte
Die Krise geht weiter. Nachdem zunächst nur Banken vor der Insolvenz gerettet werden mussten, sind es nun ganze Staaten. Griechenland macht hierbei im Euroland den Vorreiter. Dass nicht zuletzt die deutsche Währungs,- Finanz- und Wirtschaftspolitik für das Schlamassel der Griechen verantwortlich zeichnet, spielt dabei in der öffentlichen Debatte keine sonderlich große Rolle. Stattdessen gibt es Schuldzuschreibungen der unterschiedlichsten Art. (mehr…)
(Der nachfolgende Text wurde in einer gekürzten und leicht veränderten Version in der Jungle World 08/2010 veröffentlicht.)
Der Kapuzinermönch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu großer Not, hätten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterstütze er das Europäische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den Geistlichen heran. Alles im Auftreten des Bettelmönchs ist auf einen Effekt aus: der sorgsam einstudierte Text, der mitfühlende Blick, das aufmunternde Nicken beim Sprechen, die sorgsam eingestreuten Vokabeln aus einer vermeintlichen Alltagssprache von Jugendlichen: es soll Lebensnähe und Fürsorglichkeit, Kompetenz in der Sache und Ernsthaftigkeit im Anliegen gleichermaßen zum Ausdruck bringen. (mehr…)
Im Wahlkampf geben die Parteien alles. Da kommt es nicht ganz so genau darauf an, was sich hinter dem gesagten, geschriebenen oder gezeigten so steht. Hauptsache, die Protagonist*Innen glauben, dass es gut ankommt. Den netten Versuch der CDU-Kandidatin Vera Lengsfeld, einfach mal etwas mehr zu zeigen als die anderen, dürfte den meisten bekannt sein:

Die Grünen haben sich da nicht lumpen lassen und gleich ordentlich einen draufgesetzt:

Den Vogel abgeschossen haben dürfte (wenn auch nicht im wörtlichen Sinne) wohl der Kamerad Rüttgers. Jürgen R. aus NRW hat es geschafft, sogar die völkischen Lobhudeleien von Lafontaine, die dieser für die heimischen Arbeitnehmer*Innen für gewöhnlich übrig hat, zu überbieten. Aber immerhin ist es doch schön, wenn mal ganz deutlich wird, was der deutsche Konservatismus so zu bieten hat:
Rüdgers beleidigt Rumänen und würgt Chinesen – WEB.DE Video
Jetzt wissen wir bescheid: der Rumäne kann nicht arbeiten und der Chinese übernimmt die heimische Wirtschaft. Oder so ähnlich.
Die Leichtathletik-Gemeinde ist entsetzt: Caster Semenya hat den WM-Titel über 200-Meter gewonnen und war dabei so schnell, das ihr nun niemand mehr glauben will, das sie eine Frau sei. Darum soll nun ein Geschlechts-Test her, um die Identität der 18-Jährigen wissenschaftlich objektiv zu beweisen. Für den Laienverstand steht derweil bereits alles fest, wie wir in der Süddeutschen Zeitung nachlesen können: (mehr…)
Gewerkschaften sind ziemlich böse Organisationen. Das ist ja nun ein altes Lamento etwa von Guido Westerwelle, der sie einst als „Plage“ bezeichnete, mit der die braven Deutschen nun irgendwie fertigwerden müssten. Um eine „Gesundung“ der Gesellschaft zu erreichen müsse daher die „Fremdbestimmung“ durch die Gewerkschaften beendet werden. Das Grundübel seien eben „die Gewerkschaftsfunktionäre“.
Da ist so ziemlich alles drinne, was es an reaktionärem Gelaber so geben kann. Die Naturalisierung von Gesellschaftlichem etwa oder die Personalisierung von gesellschaftlichen Strukturproblemen in einer spezifischen Gruppe, die scheinbar die Fäden in der Hand hält. In ein ganz ähnliches Horn blies dann vor gar nicht allzulanger Zeit auch die Bahamas. Dort klagt das liberale Bürgertum ebenfalls seit einiger Zeit über das Ende des Manchesterkapitalismus und die Aushöhlung der unsichtbaren Hand des Marktes. Denn der Kapitalismus verharrt „seit zirka 1870“ in einem Zustand der Stagnation, der die Segensreichen Wirkungen des freien Marktes (der bringt ja bekanntlich, wenn die Menschen ihn nur lange genug ertragen, von ganz alleine die Freiheit- zumindest wenn wir der bürgerlichen Geschichtsphilosphie glauben schenken wollen). In der Kritik steht nun die „Weise, wie Löhne, besser: Tarife zustande kommen, seit der zunehmend fixe Charakter des Kapitals das Wertgesetz (wohlgemerkt: nicht seinen Wertcharakter) durch den Primat der Politik ersetzte und damit der Krise eine ganz andere Bedeutung gab.“
Für alle, die da nicht ganz durchsteigen: Löhne kommen nicht durch das ungeregelte Spiel der freien Marktkräfte zustande sondern durch „den Primat der Politik“ und das ja bekanntlich böse. Der Sozialstaat nämlich, der „zirka 1870“ in Deutschland eingeführt wurde ist lediglich ein „Apparat der Cliquenversorgung von Staats wegen für in erster Linie Gewerkschafts-, aber auch anderer Verbandsfunktionäre“. So schaffen es die bösen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*Innen, den Rest der Republik auszunehmen:
„Diejenigen, die aus diesen arbeitenden Klassen ausgeschlossen sind, bezahlen die Zeche. Heute ist nämlich der segregierende Charakter der Krisenprävention im Racket-Staat so deutlich wie nicht mehr seit 1945 zu sehen: Durch den Ausschluss derer, die nicht rechtzeitig oder durch den Verzicht auf ihre Jugend und quälende Job-Castings (Praktika) in die Brutto- (nicht: Netto!) Hochlohn-Maschinerie hineingekommen sind. Der absurde Widerspruch der Finanzierung der Kassensysteme durch so genannte Lohnnebenkosten prozessiert dynamisch und unaufhaltsam: Je weniger solcher Arbeitsplätze noch finanziert werden können, desto teurer werden die verbliebenen. Je teurer diese werden, desto weniger gibt es in der Folge, desto teurer werden die verbliebenen und so weiter und so fort. „
Wir sind also immer noch beim alten liberalen Lamento, das die Gewerkschaften ganz böse und am besten bald gar nicht mehr sind. Und genau das – lange Rede, kurzer Sinn – ist auch das Thema dieses schönen Videoclips:
Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie
Dieser Text ist eine Replik auf zwei Texte von Martin Scheuringer, die in den Streifzügen erschienen sind: Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung und Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser! und ist in der Streifzüge-Ausgabe 46/2009 erschienen.
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In der letzten „sonntaz“, die es jedes Wochenende zusammen mit der taz am Kiosk gibt, gab es letztes Wochenende einen Text über den, die und das Tofu. Also, nicht über die grammatikalischen Formen, sondern eher über geschmackliche Fragen, kulturelle Bedeutungen und dergleichen mehr. „Kulturkritik“ nannte sich das Ganze und stammte allem Anschein nach aus der Feder von einem, der nicht weiß, worüber er schreibt. (mehr…)
Es ist Krise. Da braucht es Maßnahmen, die „Sicherheit und Orientierung geben“, wie das in einem Strategiepapier der „Parlamentarischen Linken“, dem Zusammenschluss des linken SPD-Parteiflügels, formuliert ist. Und so fragte Maybrit Illner ihre Talkgäste und Zuschauer, ob sie sich nicht manchmal auch so einen unbefangenen Patriotismus wünschen würden, wie ihn uns die Menschen in Frankreich, Großbritannien und den USA so schön vorlebten. Geradezu neidisch könne sie da werden, die Unbefangenheit! An Barak Obama etwa, da könnten die Deutschen sich doch mal ein Beispiel nehmen. Denn gerade in schwierigen Zeiten, das habe der klargemacht, sei Patriotismus eine wichtige Tugend. Ob die Deutschen das wohl auch können, fragte sie. „Yes, they can!“ – war die Antwort. (mehr…)