Archiv der Kategorie 'Ideologie'

Wahlkampf gerne auch mal rassistisch

Im Wahlkampf geben die Parteien alles. Da kommt es nicht ganz so genau darauf an, was sich hinter dem gesagten, geschriebenen oder gezeigten so steht. Hauptsache, die Protagonist*Innen glauben, dass es gut ankommt. Den netten Versuch der CDU-Kandidatin Vera Lengsfeld, einfach mal etwas mehr zu zeigen als die anderen, dürfte den meisten bekannt sein:

CDU hat bessere Argumente

Die Grünen haben sich da nicht lumpen lassen und gleich ordentlich einen draufgesetzt:

Grünne sehen schwarz

Den Vogel abgeschossen haben dürfte (wenn auch nicht im wörtlichen Sinne) wohl der Kamerad Rüttgers. Jürgen R. aus NRW hat es geschafft, sogar die völkischen Lobhudeleien von Lafontaine, die dieser für die heimischen Arbeitnehmer*Innen für gewöhnlich übrig hat, zu überbieten. Aber immerhin ist es doch schön, wenn mal ganz deutlich wird, was der deutsche Konservatismus so zu bieten hat:


Rüdgers beleidigt Rumänen und würgt Chinesen – WEB.DE Video

Jetzt wissen wir bescheid: der Rumäne kann nicht arbeiten und der Chinese übernimmt die heimische Wirtschaft. Oder so ähnlich.

Constructing Gender

Die Leichtathletik-Gemeinde ist entsetzt: Caster Semenya hat den WM-Titel über 200-Meter gewonnen und war dabei so schnell, das ihr nun niemand mehr glauben will, das sie eine Frau sei. Darum soll nun ein Geschlechts-Test her, um die Identität der 18-Jährigen wissenschaftlich objektiv zu beweisen. Für den Laienverstand steht derweil bereits alles fest, wie wir in der Süddeutschen Zeitung nachlesen können: (mehr…)

Wozu brauchen wir Gewerkschaften?

Gewerkschaften sind ziemlich böse Organisationen. Das ist ja nun ein altes Lamento etwa von Guido Westerwelle, der sie einst als „Plage“ bezeichnete, mit der die braven Deutschen nun irgendwie fertigwerden müssten. Um eine „Gesundung“ der Gesellschaft zu erreichen müsse daher die „Fremdbestimmung“ durch die Gewerkschaften beendet werden. Das Grundübel seien eben „die Gewerkschaftsfunktionäre“.

Da ist so ziemlich alles drinne, was es an reaktionärem Gelaber so geben kann. Die Naturalisierung von Gesellschaftlichem etwa oder die Personalisierung von gesellschaftlichen Strukturproblemen in einer spezifischen Gruppe, die scheinbar die Fäden in der Hand hält. In ein ganz ähnliches Horn blies dann vor gar nicht allzulanger Zeit auch die Bahamas. Dort klagt das liberale Bürgertum ebenfalls seit einiger Zeit über das Ende des Manchesterkapitalismus und die Aushöhlung der unsichtbaren Hand des Marktes. Denn der Kapitalismus verharrt „seit zirka 1870“ in einem Zustand der Stagnation, der die Segensreichen Wirkungen des freien Marktes (der bringt ja bekanntlich, wenn die Menschen ihn nur lange genug ertragen, von ganz alleine die Freiheit- zumindest wenn wir der bürgerlichen Geschichtsphilosphie glauben schenken wollen). In der Kritik steht nun die „Weise, wie Löhne, besser: Tarife zustande kommen, seit der zunehmend fixe Charakter des Kapitals das Wertgesetz (wohlgemerkt: nicht seinen Wertcharakter) durch den Primat der Politik ersetzte und damit der Krise eine ganz andere Bedeutung gab.“

Für alle, die da nicht ganz durchsteigen: Löhne kommen nicht durch das ungeregelte Spiel der freien Marktkräfte zustande sondern durch „den Primat der Politik“ und das ja bekanntlich böse. Der Sozialstaat nämlich, der „zirka 1870“ in Deutschland eingeführt wurde ist lediglich ein „Apparat der Cliquenversorgung von Staats wegen für in erster Linie Gewerkschafts-, aber auch anderer Verbandsfunktionäre“. So schaffen es die bösen, gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*Innen, den Rest der Republik auszunehmen:

„Diejenigen, die aus diesen arbeitenden Klassen ausgeschlossen sind, bezahlen die Zeche. Heute ist nämlich der segregierende Charakter der Krisenprävention im Racket-Staat so deutlich wie nicht mehr seit 1945 zu sehen: Durch den Ausschluss derer, die nicht rechtzeitig oder durch den Verzicht auf ihre Jugend und quälende Job-Castings (Praktika) in die Brutto- (nicht: Netto!) Hochlohn-Maschinerie hineingekommen sind. Der absurde Widerspruch der Finanzierung der Kassensysteme durch so genannte Lohnnebenkosten prozessiert dynamisch und unaufhaltsam: Je weniger solcher Arbeitsplätze noch finanziert werden können, desto teurer werden die verbliebenen. Je teurer diese werden, desto weniger gibt es in der Folge, desto teurer werden die verbliebenen und so weiter und so fort. „

Wir sind also immer noch beim alten liberalen Lamento, das die Gewerkschaften ganz böse und am besten bald gar nicht mehr sind. Und genau das – lange Rede, kurzer Sinn – ist auch das Thema dieses schönen Videoclips:

Geschmacks- und Herrschaftsfragen

Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie

Dieser Text ist eine Replik auf zwei Texte von Martin Scheuringer, die in den Streifzügen erschienen sind: Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung und Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser! und ist in der Streifzüge-Ausgabe 46/2009 erschienen.
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Wurst mit Brot (1)

In der letzten „sonntaz“, die es jedes Wochenende zusammen mit der taz am Kiosk gibt, gab es letztes Wochenende einen Text über den, die und das Tofu. Also, nicht über die grammatikalischen Formen, sondern eher über geschmackliche Fragen, kulturelle Bedeutungen und dergleichen mehr. „Kulturkritik“ nannte sich das Ganze und stammte allem Anschein nach aus der Feder von einem, der nicht weiß, worüber er schreibt. (mehr…)

Die Rückkehr der Heimeligkeit

Es ist Krise. Da braucht es Maßnahmen, die „Sicherheit und Orientierung geben“, wie das in einem Strategiepapier der „Parlamentarischen Linken“, dem Zusammenschluss des linken SPD-Parteiflügels, formuliert ist. Und so fragte Maybrit Illner ihre Talkgäste und Zuschauer, ob sie sich nicht manchmal auch so einen unbefangenen Patriotismus wünschen würden, wie ihn uns die Menschen in Frankreich, Großbritannien und den USA so schön vorlebten. Geradezu neidisch könne sie da werden, die Unbefangenheit! An Barak Obama etwa, da könnten die Deutschen sich doch mal ein Beispiel nehmen. Denn gerade in schwierigen Zeiten, das habe der klargemacht, sei Patriotismus eine wichtige Tugend. Ob die Deutschen das wohl auch können, fragte sie. „Yes, they can!“ – war die Antwort. (mehr…)

Die dritte Position

Im Nahost-Konflikt zeigt sich die deutsche Linke in ihrem schlechtesten Licht. Mailinglisten werden im Stundentakt mit identitären Grabenkämpfen zugespamt und auch die vermeintlich kritische Journalie gibt mal wieder alles. Ich bin in diesem Fall der Anhänger einer „Dritten Position“, wie sie m.E. unter anderem und unabhängig voneinander von Georg Klauda (lysis.blogsport.de), Bernhard Schmmid und der Krisis-Gruppe herausgearbeitet wurde. Die fast unlösbare Aufgabe wäre es, sich weder von der eigenen Ohnmacht noch von der Dummheit der anderen verrücktmachen zu lassen. (mehr…)

Gute Deutsche, Teil1: Oskar

Ein kluges Wort hat Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, in einem Interview über modernen Antisemitismus in Bezug auf sog. „bürgerlichen Antisemitismus“ gesagt:

Angesichts des Radau-Antisemitismus der Rechtsradikalen darf man nicht den stillschweigenden Antisemitismus aus dem Blick verlieren, der sich nicht durch Sprache artikuliert, sondern über Chiffren wie „Na, Sie wissen schon“ oder „Ostküste“ oder „Wall Street“.

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Von Managern und Angelsachsen

Hans-Werner Sinn übt sich im Tagesspiegel in der Kritik des strukturellen Antisemitismus. Das die derzeitige Krise die Folge raffgieriger Zocker sei, sei nichts als populistische Suche nach Sündenböcken:


In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.

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Hat die Finanzkrise eine Geschlechterdimension?

Das frage ich mich gerade. Wenn es stimmt, das die Prinzipien, die den Kapitalismus auszeichnen – und die diesen gerade in die Krise treiben – auch die Prinzipien sind, die das Patriarchat ausmachen, dann müssten Veränderungen auf der einen Seite der Medaille auch solche auf der anderen Seite nach sich ziehen. Das zumindest würde das Wertabspaltungstheorem nahelegen. Viel gefunden dazu habe ich nicht. Hier eine vorläufige Auswahl. (mehr…)

Go Marcel Go

Wer dachte, der olle Kapitalismus wäre derzeit der einzige, der auf’s seine alten Tage noch mal krachen lässt, wurde gestern Abend eines besseren belehrt. Die geneigte TatortzuschauerIn, die nochmal kurz ins ZDF zappte traute ihren Augen und Ohren schon nicht mehr, als „Deutschland sucht den Superstar“ zur Unterhaltungsshow des Jahres gekürt wurde. Jaja… Krisenphänomene wo das Auge schaut.

Dann trat Thomas Gottschalk ans Mikro und begann mit einer Laudatio auf – Marcel Reich-Ranicki, die einem die Tränen vor Fremdscham in die Augen trieb. Allerdings musste ich gegen Ende der nun folgenden Minuten feststellen, dass scheinbar sogar Herr Reich-Ranicki nachsichtiger ist als ich:

The Godfather des Literarischen Quartetts ließ es in sanfter Steigerung dann fünf Minuten Schmach und Ekel über das deutsche Fernsehen und insbesondere seine Mitgewinner regnen. So angewiderten Charme darf halt nur Marcel verspühen. Teddy hätte geklatscht. Aber seht selbst ;O)

Schade nur, das er sich am Ende kaufen lässt….

Jörg Haider ist tot

Jörg Haider ist Tod. Ich habe lange überlegt, ob diese Tatsache für einen schlechte Witz eignet, oder ob das nicht unangebracht wäre. Dann kam dieser Nachruf von Andreas, und dann schien alles wesentliche im Grunde schon gesagt:

„Derweil nimmt im Online-Standard die allgemeine Betroffenheit ihren Lauf. Selbst Leute, die ihn nicht gemocht haben wollen, mögen ihn auf einmal, jetzt, wo er tot ist. Aber nicht, weil er tot ist.

Was fühlt die österreichische Seele, wenn sie jemanden so betrauert, fassungslos, wie man schreibt, den sie nicht gemocht haben will, ja nicht einmal gewählt haben soll oder je hätte. Man fühlt sich an ganz andere Kaliber erinnert. Er war einer der ihren, nicht der anderen. Der Standard gibt keine Möglichkeit zu Postings. Von der pietätlosen Art gäbe es eine zu große Zahl.

Zwischen 1997 und 2002 sind auf dem Weg von Marokko nach Spanien schätzungsweise 10.000 Menschen ertrunken (3sat). 20.000 bis 30.000 Menschen insgesamt sollen laut Experteneinschätzungen pro Jahr bei der Flucht nach Europa umkommen, weil die EU die Grenzen schließt (borderline-europe). Amtlich dokumentiert sind für den Zeitraum zwischen 1993 bis April 2005 laut der Organisation Unite 6.366 Todesfälle von Migrantinnen und Migranten, die beim Versuch gestorben sind, in die EU zu kommen, davon über 90 Prozent auf See, schreibt Corinna Milborn in “Gestürmte Festung Europa”.

Eine große Zahl.“

Den Rest hat dann dieser junge Mann erledigt:

Sinn-frei

Die FAZ am Sonntag bringt ein Interview mit Hans-Werner Sinn. Auch ihm obliegt nun die Aufgabe, den Menschen zu erklären, das die Probleme nicht vom Kapitalismus, sondern von Missmanagement und aus den USA kommen. Dass es in der letzten Zeit immer häufiger mal Finanzkrisen gegeben hat und das schon ein wenig beunruhigen könnte, davon will Sinn nichts wissen:

„Nein, das sehe ich nicht. Begrenzte Finanzkrisen gab es auch früher. Denken Sie an die Weltschuldenkrise 1982, die Savings & Loan-Krise 1991 oder die Asien-Krise 1997. Man vergisst diese Krisen nur im Laufe der Zeit.“

Ja, nee. Is klar. Komisch, das alle Krisen, die ihm da einfallen, zeitlich nach dem Ende des Fordismus platziert sind. Seit dem nämlich bläht sich der Finanzüberbau enorm auf und wächst wesentlich schneller als die sog. Realökonomie. (mehr…)

Hating Emos

Mit den Emos hat der krisengeschüttelte bürgerliche Livestyle sein neues Hass-Objekt gefunden. Dabei ist sind Emos selber bereits Teil des kapitalistischen Krisenprozesses. Besser: Teil einer Krise der Subjektivierung, wie sie mit der Krise der kapitalistischen Formen einhergeht. Das wird deutlich, wenn wir uns Roger Behrens Einschätzung, was denn nun Emos überhaupt seien, noch mal kurz vor Augen führen:

:„Es macht auch keinen Sinn, dass sie sich auf ihre Vorformen wie die Hardcore-Bewegung aus den Achtzigern und die Emocore-Szene aus den Neunzigern beziehen. Denn das, was gegenwärtig als Emo, also als »Emotionen«, verhandelt wird, unterscheidet sich signifikant von der popkulturellen Gefühlswelt des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Grob gesagt ist der Unterschied der, dass sich Jugendkulturen wie Disco, Punk oder Hardcore auf eine Allgemeinheit der Emotionen beriefen, die gegen die Allgemeinheit des herrschenden Prinzips der Rationalität gerichtet war: die Liebe, der Hass, die Sehnsucht. Das waren Stereotypen, aus denen sich beispielsweise ein subkulturell-ästhetischer Stil entwickeln ließ, nämlich Subversion, Dissidenz, Provo­ka­tion; überhaupt begründete sich in der Abweichung ein Lifestyle.“

Während also bislang Emotionen als ein Phänomen des Allgemeinen aufgetreten sind, erscheinen sie nun als Phänomen des Besonderen. (mehr…)

Kluge Wörter (1)

Ein kluges Wort, und schon bist du Kommunist. Da tut der Linkspartei-Fraktionssprecher im hessischen Landtag einmal das wozu er gewählt wurde – nämlich die Wahrheit sagen – und schon wird ihm das als unglaublich menschenverachtend ausgelegt.

Was er getan hat? Er hat darauf hingewiesen, das PolitikerInnen, die Soldaten um die halbe Welt schicken, nur damit die auch mal einen richtigen tollen Krieg aus der Nähe sehen können, wohl schießwütig sein müssen. Und das sich diese Leute deshalb an den Taten dieser Soldaten mitschuldig machen. Wären letztere Mörder, könnten erstere als glatt als Schreibtischtäter durchgehen. Im Originalton klingt das dann so: [hr-3]

Unschön ist allerdings – auch das kann in dem Link nachgehört werden – das der Genosse umgehend alles zurückgenommen hat. Weichei!