Archiv der Kategorie 'Gesellschaftskritik'

Die Linke und die Krise

Dieses Thesenpapier aus dem Jahre 2012 möchte ich Euch nicht länger vorenthalten.

1 Hinführung

Am 12. Juli 2007 erschien in der Wochenzeitung Jungle World ein Aufsatz von Michael Heinrich mit dem programmatischen Titel „Profit ohne Ende“. Dem Kapitalismus, so war dort zu lesen, stehe nicht nur eine lange, sondern zudem auch eine rosige Zukunft bevor. Akute Krisengefahr vermochte der Autor zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Bald darauf kam der 9. August 2007, der mittlerweile als der Beginn der Finanzkrise von 2007/2008 betrachtet wird. Aus der Finanzkrise ist mittlerweile eine Staatsschuldenkrise geworden, die Allgegenwart der Krise sollte in den folgenden fünf Jahren die gesellschaftliche Stimmung prägen – und tut es noch heute.

Im Jahre 2005, zwei Jahre vor dem in der Finanzkrise kulminierenden Zusammenbruch der Immobilienblase, war es ein gewisser Robert Kurz, der in seinem Buch „Das Weltkapital“ ziemlich exakt die Prozesse beschrieben hat, die schließlich zum Crash des Weltfinanzsystems führen sollten. Wollten wir also die Prognosefähigkeit kritischer Theorie zum Ausgangspunkt einer Debatte um die Ursachen kapitalistischer Krisenprozesse und die Folgen kapitalistischer Krisenverwaltung machen, so wäre der von Kurz repräsentierte Ansatz der Wertkritik die erste Wahl für eine antikapitalistische Linke.

Davon kann jedoch keine Rede sein. Während vor der Krise alle gewusst hatten, dass dem Kapitalismus schon nichts schlimmes passieren würde, wenn nicht der starke Arm der proletarischen Revolution ihm den Garaus macht, so wissen heute alle, dass das mit der Krise nur eine vorübergehende Erscheinung, ein kurzes Intermezzo, eine unglückliche Fügung, die Folge einer falschen Politik oder was auch immer sein muss.
Hinge es am Willen und Wollen der deutschen Linken – der Kapitalismus wäre quicklebendig und würde jauchzend über die Wiesen hüpfen. Stattdessen hält Angela Merkel ihm am Krankenbett das Händchen. Wie also konnte es dazu kommen? (mehr…)

Kapitalismus abwickeln?

Bei einem Vortrag im Dezember hat sich Ernst Lohoff der Frage gewidmet, wie wir den Kapitalismus loswerden können. Die vorgetragenen Überlegungen gibt es nun Online:

Kritik der polemischen Vernunft

Prolog

Bei Veranstaltungen zur Kritik an den sog. Antideutschen gibt es oftmals einen interessanten Effekt. Da steht irgendjemand vorne und kritisiert zum Teil tatsächlich kritikable Aspekte am antideutschen Mainstream. Bei den Zuhörer*innen führt das allerdings dazu, dass sich innerhalb kürzester Zeit ekeligste Ressentiments Bahn brechen. Da meinen plötzlich alle, nun endlich die Legitimation respektive die Absolution erhalten zu haben, um mal wieder richtig ordentlich über den Juden, über Israel und über die USA hetzen zu können.

Das ist nicht schön, allerdings offensichtlich kein Alleinstellungsmerkmal der traditionellen Linken. Auch eine Kritik von Antideutschen an den „Anderen“ – also allen die irgendwie poststrukturalistisch oder wertkritisch unterwegs sind – kann durchaus dafür sorgen, dass die Leute einfach mal auf das draufhauen, was sie ohnehin noch nie verstanden haben.

Bei einer Vortrag von Thomas Maul in Kassel durfte die geneigte Zuhörerin genau dies erleben. Der Referent (im Folgenden stets einer der reflektierteren Gesprächsteilnehmer) trug eine Polemik aus der Bahamas vor und im Anschluss daran überbaten sich die Anwesenden mit Anmerkungen zum Problem der Sprachhygiene oder dem, was sie unter Poststrukturalismus verstehen. Dabei ging es jedoch zumeist um Erzählungen über „meinen Sohn, der in Göttingen Ethnologie studiert“ und über Dinge, die mann „mal gehört“ habe. Danach wird alles unter Beschuss genommen. Sogar bei Behinderungen, so konnte mensch hören, werde heute verlangt, alles anzuerkennen und für gut zu befinden. Da würden sogar die Gehörlosen eine eigene Kultur haben wollen, die mit der Richtigen auf einer Stufe stehe. Stattdessen solle mensch doch lieber kritisieren, dass manche nicht an der Gesellschaft teilhaben können. Aber was passiere? Es werde so getan, als seien alle Kulturen gleichwertig und jeder Wahrheitsanspruch wird über Bord geworfen. Selbst „Transen“ wollten ja sich und ihre „Borniertheiten“ (Maul) anerkannt wissen. Die wollen sogar – und jetzt kommt’s – das ihre gefühlte Geschlechtsidentität vom Staat im Pass anerkannt wird. Was einen Menschen im Publikum zu der Annahme verleitete, Trans-Menschen würden per se Deutschland gut finden, weil sie ja nicht einfach so leben wollten wie sie mögen, sondern um die Anerkennung vom Staat lechzen würden. Das seien also alles Nationalisten! Überhaupt fühlte sich einer der Anwesenden bei all dem postmodernen Klamauk an einen alten Wiener erinnert, der dereinst bemerkt habe, es würde ihn manchmal überkommen, die schlimmsten seiner Zeitgenossen mit seinem Gehstock zu verhauen. Offensichtlich seien die Zeiten derart durchgedreht, das mann überlegen müsse, ob das nicht mal angebracht sei. Diese einigermaßen erschütternde Erfahrung nun trieb mich dazu, den Referenztext aus der Bahams zu studieren. Und das führte zu dem folgenden Text. (mehr…)

Kreative Antirepression

Derzeit scheint das Leben in Hamburg nicht sonderlich spaßig zu sein. Was nicht zuletzt auch an der dort regierenden Sozialdemokratie (SPD) liegt. Die gibt sich nämlich in alter Noske-Pose, beschimpft linke Protestant*Innen als „Verbrecher“ und ist auch sonst für alle jenseits der guten alten heterosexuellen und männlichen Arbeiterelite eher eine Bedrohung als ein Segen. Wie dem auch sei – nicht unerhebliche Teile Hamburgs gelten nun als Gefahrengebiet und wie immer wenn der Staat hart durchgreift, findet sich die eine oder andere kreative Möglichkeit, damit umzugehen. Hier nun meine bisherigen Favourites. (mehr…)

WASP Fudamentalism

Das mit dem Religionismus ist so eine Sache: nicht nur im Islam geht es drunter und drüber – auch wenn über den besonders häufig berichtet wird. Doch auch im vermeintlich aufgeklärten „Westen“ gibt es noch immer ein verblüffendes Maß an religiösem Glauben. Und noch mehr: da wird nicht einfach geglaubt, sondern offensichtlich auf eine Art und Weise, die mit Wissenschaft nicht so recht über eins zu kriegen ist.

In den USA zumindest wurde eine Studie angestellt, die den Zusammenhang zwischen dem Glauben an Gott und dem an die Wissenschaft untersucht hatte. Die Ergebnisse fasst Spiegel Online wie folgt zusammen:

# Immerhin 60 Prozent aller Amerikaner glauben an eine graduelle Entwicklung hin zum heutigen Menschen.
33 Prozent aber glauben das nicht: Für sie ist der Mensch eine göttliche Schöpfung – und war vom ersten Tag an so, wie er heute ist;
# Die Welten der Demokraten und Republikaner klaffen immer weiter auseinander. 2009 unterschieden sich die Anhänger der Parteien bei der Frage, ob sie das Prinzip der Evolution akzeptieren, nur um 10 Prozent. 2013 ist dieser Unterschied auf 24 Prozentpunkte angewachsen.
# 57 Prozent und damit die Mehrheit der Amerikaner sind generell schöpfungsgläubig: Zu dem Drittel der Bevölkerung, das der Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich anhängt, kommen noch einmal 24 Prozent, die glauben, Gott persönlich habe die Evolution eingeleitet und zu dem Zweck gelenkt, den Menschen zu schaffen.
# Religiöser Fundamentalismus ist unter weißen Amerikanern am stärksten verbreitet, und hier besonders unter den sogenannten Evangelikalen: 64 Prozent aller weißen Anhänger dieser protestantischen Kirchen glauben der Bibel aufs Wort. Für die Farbigen unter ihnen gilt das nur für jeden Zweiten.

Eine andere Studie des Pew Forum on Religion & Public Life hat derweil rausgefunden, das religiöse Menschen – insbesondere Christ*Innen - sich auch in Sachen Religion nicht sonderlich gut auszukennen scheinen – zumindest innerhalb der USA:

Und wenn es um Religion im Allgemeinen geht, dann wissen ausgerechnet Atheisten und Agnostiker besonders gut Bescheid, gefolgt von Juden und Mormonen. Die Studie widerlegt ein verbreitetes Vorurteil gegenüber Nichtgläubigen: Nicht an die Existenz von Göttern zu glauben, hängt offenbar nicht damit zusammen, dass Nichtgläubige zu wenig über Religion wüssten. […]
Bei den Fragen ging es insbesondere um Inhalte der Bibel oder um Götter, Feste und Persönlichkeiten, die in den verschiedenen Religionen eine wichtige Rolle gespielt haben oder noch spielen. So wurde zum Beispiel danach gefragt, welches das erste Buch der Bibel ist, wo Jesus geboren sein soll, um was für ein Fest es sich beim Ramadan handelt und wann der jüdische Sabbat beginnt. Einige Fragen betrafen auch US-Gesetze, die die Religion betreffen. […]
Gerade mal jeder zweite Katholik wusste, was bei der Eucharistie passiert. Bei den Protestanten waren es noch deutlich weniger. Nicht einmal jeder zweite Protestant wusste, dass die Reformation auf Martin Luther zurückgeht. Unter den Nichtgläubigen wussten das mehr als zwei Drittel.

Vielleicht sollte hier ja – als Vorschlag zur Güte – die Aufklärung ansetzen. Wenn wir den Leuten nur genug über ihre Religion erzählen, lassen sie vielleicht eines Tages davon ab…

Geringe Medienkompetenz bei Amazon

Die ARD hat eine Reportage über die Arbeitsbedingungen bei Amazon verfasst. Seitdem wissen wir, warum der Laden so günstig und so schnell ist. Was für die KundInnen gut ist, ist für die Beschäftigten (diesmal wie auch sonst zumeist) eine ziemliche Scheiße:

(via ARD-Mediathek)

Entsprechend ist die Protest-Maschinerie auch umgehend angesprungen. Es hat sich eine Facebook-Gruppe gegründet, es gab viel Kritik auch auf der Amazon-Facebook-Seite. Das fand das Unternehmen nicht so gut. Entsprechend wurde dazu aufgerufen, die eigene Seite mit Lobeshymnen zu überfluten. Leider nicht privat, sondern öffentlich. Und so ist die Welt nicht nur sauer über die Arbeitsbedingungen bei Amazon, sondern lacht auch über dieses Bild:

Kritik und Affirmation

Zur Auseinandersetzung mit der Geldpfuscherei

In einer alten indischen Legende über die Erfindung des Schachspiels wird berichtet, der Erfinder des Spiels habe von seinem König für diese Erfindung nicht mehr verlangt als Weizenkörner. Ein Korn auf das erste Feld des Schachbrettes, die doppelte Menge auf das zweite Feld, wiederum die doppelte Menge auf das dritte Feld und so weiter. Der König, der zunächst erbost war ob der vermeintlichen Bescheidenheit des weisen Brahmanen, musste schnell einsehen, dass er sich auf einen für ihn ziemlich ruinösen Deal eingelassen hatte, da die Zahl der Weizenkörner auf den letzten Feldern des Schachbrettes astronomische Ausmaße angenommen hatte.

In leicht veränderter Fassung ist diese Geschichte auch heute noch sehr beliebt. Die Weizenkörner werden dann zumeist durch Geld ersetzt, und so verändert soll die Geschichte als Beispiel für die verheerende Wirkung von Zinseszins und nicht selten als vermeintlicher Grund allen Übels im Kapitalismus herhalten. Zins und Zinseszins sind demnach die Ursache nicht nur für die Verschuldungsspiralen der öffentlichen und privaten Haushalte, sondern haben zudem Wirtschaftswachstum und Ausbeutung zur Folge: um die Zinsen bedienen zu können, seien Unternehmen darauf angewiesen, sich dem Willen des Geldes zu beugen und ihre Unternehmenspraxis auf Profiterwirtschaftung umzustellen. Als Ausweg wird dann zumeist eine Geldreform anvisiert, durch die das Geld mittels negativer Zinsen entwertet werden soll.

In diesen Ansätzen wird von einer nicht bestreitbaren Beobachtung (der Existenz von Zins und Zinseszins und ihrer exponentiellen Vermehrung im angeführten Beispiel) begründungslos darauf kurzgeschlossen, dass dieser Mechanismus nicht nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern vielmehr die Ursache für diese Prozesse sein soll. Im Folgenden sollen die sozio-ökonomischen Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Anhand der methodologischen und kategorialen Basisannahmen der Gesell’schen Zinskritik und der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie soll dargestellt werden, wie erstere die kritische Fragestellung der letzteren nicht einmal wahrnimmt. (mehr…)

Weiße

Gerd meinte, es sei rassistisch, Weiße als Weiße zu bezeichnen. Noah Sow hat da vor einiger Zeit mal kritisch drüber reflektiert. Hier also ihre Gedankenanregung:

Enteignung sozialer Kämpfe

Wie immer, wenn weiße, männliche Deutsche demonstrieren, war auch auf den Demos zu „Dresden Nazifrei“ nicht immer alles so einwandfrei, wie die naive BetrachterIn aus der Ferne das zunächst glauben könnte. Eine recht umfangreiche Kritik hat die Gruppe Karano (Kritik und Analyse rassistischer Normalität) vor kurzem auf ihrem Blog veröffentlicht. Hier wird nicht nur, aber vor allem aus der Perspektive von People of Color (PoC). Der Text spricht weitestgehend für sich und ich möchte hier nur auf eine Passage hinweisen, die eine interessante Kritikperspektive auf das sog. Pali-Tuch wirft:

„Auf der Demo haben weiße Teilnehmer_innen mit Kofiyye die Kurdistan- und die Palästina-Flagge geschwungen. Das ist eine Aneignung von Kämpfen, die vorhandene Machtstrukturen reproduziert. Das ist nicht nur rassistisch, sondern auch neokolonialistisch. Haben die Eltern weißer Demonstrierender den Krieg und die Verfolgung in Kurdistan und/oder Palästina miterlebt? Sind sie etwa selbst Kurd_innen oder Palästinenser_innen? Nein! Demnach müssen sie sich zunächst mit ihren Privilegien als Weiße in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen, eines dieser Privilegien ist es zum Beispiel nicht über Flucht- und Rassismuserfahrungen zu verfügen, die Kurd_innen, Palästinenser_innen und andere PoCs Tag für Tag erleben. Ihr wollt solidarisch sein? Dann hört auf euch unsere Kämpfe anzueignen! Solidarisiert euch ohne gleich für andere zu sprechen.“

(via Der Braune Mob)

Die Krise im politischen Theoriediskurs

Letzten Dienstag war ich bei einer Veranstaltung in Göttingen, bei der es um „Theorie und Praxis der Krise“ gehen sollte. Auf dem Podium saßen neben einem Vertreter des Ums-Ganze-Bündnisses noch Thomas Ebermann und Thomas Seibert. Ankündigungsflyer und Mitschnitt können hier bei Bedarf heruntergeladen werden.

In Bezug auf die vorgetragenen Analysen gab es keine wirklich umwerfenden Neuigkeiten, trotzdem sind einige interessante theoriepolitische bzw. bewegungstheoretische Entwicklungen deutlich geworden. Die Beiträge und die auf sie folgende Diskussion habe ich erweitert um ein paar Eindrücke, die ich aus Gesprächen am Rande der Veranstaltung bzw. am Rande der auf sie folgenden Rave-Demo gegen den Kapitalismus geführt habe.

Um ein bisschen Struktur in die Ausführungen zu kriegen, werde ich mich an den drei Leitfragen orientieren, durch die auch die Veranstaltung strukturiert war: (1) Wie ist die Krise von ihrem Charakter her einzuschätzen, (2) Welcher Strategie folgt die Bundesregierung und (3) Was sind potentielle BündnispartnerInnen für die radikale Linke. (mehr…)

Das Geschlecht der Krise

Die Krise hat ein Geschlecht. Da sie in besonderer Weise Frauen trifft, ist sie weiblich. Das zumindest meint Benni Laufer und hat darüber sogar einen Artikel geschrieben. Das ist ganz grundsätzlich sogar richtig, nur anders, als er es nahelegt. Denn das, was da in der Krise ist, ist ja „der Kapitalismus“. Und der hat nicht zum Spaß einen männlichen Artikel. Denn alles, was den Kapitalismus ausmachen soll, gilt gemeinhin als männlich: die Rationalität, der Universalismus, das aktive Vorwärtstreiben etc. Und wenn die männliche Rationalität in die Krise kommt, dann wird zuerst bei der weiblichen Emotionalität gespart: bei allem, was nach Sozialem riecht. Das dann Frauen zu KrisenverliererInnen mutieren, ist im Ergebnis sicherlich richtig. Nur liegt das eben nicht daran, dass die Krise weiblich, sondern das sie männlich ist.

Von derart unbedeutenden Kleinigkeiten mal abgesehen ist es ein unorthodoxer, aber lesenswerter Beitrag zum Weltfrauentag.

Sarrazin will Deutsche ausweisen!

Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen. Diesmal will der Deutsche ausweisen. In einem Interview gegenüber der BILD-Zeitung sagt er:

„Wer bei uns lebt, muss auch die grundsätzlichen Werte des westlichen Abendlandes akzeptieren, die sich auf Religionsfreiheit, Gewaltverzicht und die Gleichberechtigung der Frau beziehen. Das haben wir nicht ausreichend verdeutlicht und eingefordert.“

Es soll also, nehmen wir Sarrazin beim Wort, nicht sein, das sich Menschen hinstellen und bestimmte Religionen für wichtiger halten als andere oder etwa fordern, alle Menschen hätten sich an die Wertmaßstäbe einer bestimmten Religion anzupassen. Nehmen wir beispielsweise Innenminister Friedrich. Der hat sich vor einem guten Jahr hingestellt und diesen Satz gesagt:

„Die Prägung des Landes, der Kultur aus vielen Jahrhunderten, der Wertmaßstäbe, ist christlich-abendländisch.“

Soetwas, stellt Sarrazin also klar, will er in Deutschland nicht mehr sehen. Genauso wie etwa die folgende Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl nunmehr jenseits von gut und böse ist:

„Das Gewaltmonopol des Staates darf nicht angetastet werden. Wer dies versucht, muss die ganze Härte des Staates zu spüren bekommen“

Kohl spricht sich hier ganz klar und eindeutig für Gewalt aus. Und damit sie besonders effektiv ausgeübt werden kann, möchte er sie innerhalt einer speziell dafür geschaffenen Instanz („Staat“) angesiedelt sehen. Damit allerdings soll nun Schluss sein, sagt Sarrazin. Keine Gewalt!

Und – last but not least – ist auch die „Gleichberechtigung der Frau“ ein wesentlicher Pfeiler der Politik von Sarrazin. Hier sind nicht nur Leute angesprochen wie Eva Hermann, die von einer „heilen Familie“ mit kochender Hausfrau träumen, sondern nicht unwesentliche Teile der deutschen Bevölkerung:

„So ergab eine Umfrage der Online-Partnervermittlung ElitePartner.de unter 5850 allein lebenden Männern, dass 83 Prozent von ihnen sich die kluge Frau am liebsten doch hinter den Herd wünschen. Karriere ja, aber Rollentausch im Falle eines Babys: ein deutliches Nein! „

Sarrazin hat sich also einiges vorgenommen, wenn er seine Ansprüche umsetzen will. Warum er mit der BILD-Zeitung im weiteren ausschließlich über Migrant*Innen mit muslimischem Glauben spricht, erschließt sich mir nicht. Von der Studie, auf die sich das Interview bezieht, kann jedenfalls nicht viel zu halten sein, wie Sarrazin selbst betont: „Die Studie zeigt wie mein Buch, dass ( … )“ So, die Studie zeigt also ungefähr soviel wie sein Buch? Also nix, außer der Beschränktheit der Autorin? Dann können wir uns ja entspannt zurücklehnen….

Muss es die Klasse sein, die kämpft?

earendil hat in einem Kommentar die Frage aufgeworfen, was denn diese Kritik an Personalisierungen immer solle und ab da nicht die berechtigten Momente des Klassenkampfes hinten runterfallen:

Grundsätzlich kann ich aber die wertkritische Aversion gegen alles, was nach personalisierter Kapitalismuskritik riecht, nicht verstehen. Die Konzentration auf die allgemeinen Formprinzipien des Kapitalismus darf nicht den Blick auf die Klassenherrschaft verstellen, und es darf auch nicht jede Wut auf die herrschende Klasse oder auch konkrete Vertreter_innen davon als Vernichtungswunsch denunziert werden.

Leider komme ich grade nicht dazu, das ausführlich zu kommentieren, aber eine erste Idee, warum das so ist, gibt vielleicht dieser wenn auch sehr improvisierte Einführung in diese Fragestellung, die Norbert Trenkle mal auf dem Um’s Ganze-Kongress gehalten hat und der auch hier heruntergeladen werden kann:

In diesem Sinne möchte ich also in keinster Weise die Notwendigkeit sozialer Kämpfe in Frage stellen – die ergibt sich ja bei der Alternative von Emanzipation und Barbarei fast von alleine. Es bleibt eben nur die Frage, warum es denn unbedingt die Klasse sein soll, die da kämpft. Und wogegen sie denn kämpfen sollte, wenn sie dies schon als Klasse tut. Und ob das Bild dahinter nicht ein bisschen einfach ist und übersieht, dass Kapitalismus eben nicht einfach zwischen oben und unten verläuft und die Menschen sich fein säuberlich auf zwei Seiten der Barrikade aufstellen. Sondern das Herrschaft eine etwas kompliziertere Sache ist, die mitten durch die Subjekte hindurchgeht und deshalb zu ihrer Überwindung mehr braucht als die „Wut auf die herrschende Klasse“.

Und, auch das nur nebenbei, den Vernichtungswunsch brauche ich ja gar nicht zu erfinden. Den schreiben die Autor*Innen des traditionellen Marxismus ja seit jahrzehnten selber und teilweise wortwörtlich in ihre Texte hinein. Und zwar mit einer Kontinuität, die einigermaßen erschreckend ist.

The evil is always and everywhere

(Motto frei nach der 1. Allgemeinen Verunsicherung)

Drei mal habe ich nun schon in der Sache Schramm geschrieben. Eine Frage ist nun in dieser Auseinandersetzung offen geblieben, die allerdings ein weites Feld aufstößt: die Frage nämlich, was denn an dem Kritik-Konzept von Georg Schramm und dem, was er an der Wirtschafts- und Finanzkrise zu krititisieren hat, schlichtweg analytisch falsch ist. Das Ansinnen ist sicherlich nicht ganz unproblematisch, da einen Kabarettisten an politischer Theorie zu messen immer auch die Ansprüche der politischen Theorie (die Welt zu erklären) auf die Ansprüche des Kabarett (die Welt auf scharfzünnig-witzige Weise zu kritisieren) überträgt. Doch mir scheint, das die vom Kabarett ja durchaus angestrebte Gesellschaftskritik sich durchaus daran messen lassen muss, ob sie etwas mit der Realität zu tun hat. Sonst hieße es ja Science Fiction(mehr…)

Der autoritäre Mob

Es gibt Zitate, würden sie nicht gepostet, müsste mensch sie erfinden. Aber sie werden wirklich gepostet. In der Kommentarspalte. Hier auf diesem Blog. Und weil es so schön ist, hier ein Best-Of.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Ausgangssituation: Ich hatte auf einen deutschen Kabarettisten hingewiesen, der gegen explizit nichtchristliche „Geldverleiher“ polemisiert hatte, die er als „parasitär“ bezeichnet hatte, weil sie sich in einem „Wirtstier“, das sind nämlich „wir“, eingenistet haben. Meine Frage, ob das irgendwas mit Antisemitismus zu tun haben könnte, blieb bis zum Ende der Diskussion heißumstritten. Eine inhaltliche Einordnung zu der Frage, die ich einen Tag später verfasst habe, ist derweil bislang unbeantwortet geblieben. (mehr…)