Archiv der Kategorie 'Gesellschaftskritik'

Antisemitismus und Kapitalismuskritik

Als ich gestern einen Beitrag zu Georg Schramm und dessen Äußerungen über parasitäre nichtchristliche Geldhändler verfasst habe, hatte ich zwar bereits mit Kritik gerechnet, nicht aber mit der, die da kam. Gerechnet hatte ich mit dem Hinweis auf die strukturelle Bedeutung von Antisemitismus für die Konstitution der deutschen Nation und flapsigen Bemerkungen wie „Hier wächst zusammen was zusammen gehört“. Nicht gerechnet habe ich damit, dass sich tatsächlich Menschen hinstellen und da keinerlei Nähe zum Antisemitismus sehen wollen. Und weil sich das in Kommentarspalten immer nur halb verständlich machen lässt, hier ein etwas weiter ausholender Versuch der Systematisierung. Ich werde dabei zunächst etwas allgemeiner auf Funktionsweisen des Kapitalismus (I) und damit verbundene Ideologiebildungen (II) eingehen und sodann derenUnterschiede im Detail untersuchen (III). Dabei bitte ich immer zu beachten, das es sich hierbei um einen Blogbeitrag und nicht um eine Doktorarbeit handelt ;-) (mehr…)

Ein Antisemit als Bundespräsident?

So langsam wird es zur Selbstverständlichkeit: schon wieder ist ein Bundespräsident abgetreten worden. Das wäre nicht weiter schlimm, würde nicht alle Welt rumheulen, damit würde „das Amt“ beschädigt. Bis in die Linkspartei hinein gibt es die Furcht um das Ansehen Deutschlands in der Welt. So weit, so schlecht – und wie so oft hat alles wesentliche Hermann L. Gremliza bereits dazu gesagt:

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Der Glaube an die Zukunft

Schlimm muss es stehen für den Kapitalismus, wenn die Financial Times Deutschland sich bemüßigt fühlt, einen fiktiven Brief von Adam Smith (tatsächlich geschrieben von David Rubenstein zu publizieren, in dem dieser seinen Glauben an den Kapitalismus bekräftigt: Mein Glaube an den Kapitalismus ist unerschütterlichspricht der Altmeister (mehr…)

Antiziganismus in Wort und Bild

Soeben durfte ich im Rahmen des Geschlechterforschungs-Kolloquiums an der Universität Göttingen Zeuge eines sehr großartigen Vortrages über Antiziganismus und Antisemitismus von (so die Uniseite) Dr. Markus Gerke, York University Toronto (Kanada) sein. Der Referent selber hat allerdings nicht behauptet Doktor zu sein. Davon ab war’s aber sehr spannend und ich möchte der Weltöffentlichkeit wenigstens dieses eine Schmankerl nicht enthalten.

Einige erinnern sich vielleicht noch an die Brandstiftungen und Ausschreitungen gegen eine Roma-Siedlung in Turin, die am 11. Dezember in fast allen deutschen Onlinemedien erwähnt wurde. (mehr…)

Eigentum macht Geld?

Gunnar Heinsohn gibt sich gerne als kritischer Geist und wird nicht zuletzt von Peter Sloterdijk als Wirtschaftswissenschaftler mit Zukunftspotential angepriesen.1 Dass das nichts werden kann, wenn es von Sloterdijk kommt, dürfte klar sein. Denn auch der versteht sich als Hohepriester der Konkurrenzgesellschaft, kritisiert die heute von ihm wahrgenommene Lethargokratie und fordert den Aufbruch der Leistungträger. Das passt ganz offensichtlich zu einer Theorie, in der das Eigentum die zentrale Kategorie bildet. (mehr…)

Der unangepasste Außenseiter von Rechts außen

Anmerkungen zu Gunnar Heinsohn

Vor kurzem wurde ich auf einen vermeintlichen Wirtschaftstheoretiker hingewiesen, dem ein brillianter Ansatz zur Erklärung der aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen nachgesagt wurde. Es handelte sich dabei um niemand geringeren als Gunnar Heinsohn. Nie gehört? Is auch besser so. Da sich aber allem Anschein nach ernsthaft Menschen Gedanken machen über dass, was der Mann so loslässt, möchte ich hier dazu beitragen, seine Gedanken etwas besser einordnen zu können. (mehr…)

Wer macht die Krise? Wohin führt die Krise?

In der Dezember-Ausgabe der Konkret gibt es ein nicht uninteressantes Interview mit Thomas Ebermann, Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl. Die vier streiten in dem von Hermann L. Gremliza moderierten Gespräch über den Charakter, die Ursachen und die Folgen der vor unseren Augen vor sich gehenden Krisenprozesse. Dabei wird nicht viel neues erzählt, trotz allem werden die unterschiedlichen Einschätzungen und Blickwinkel hier sehr deutlich, so dass es sich durchaus lohnt, sich das Ding mal anzutun. (Im kommenden Jahr soll es übrigens mit einigen Erweiterungen auch als Buch erscheinen.) (mehr…)

Du hast keine Wahl – nutze sie!

In Polen wurde gewählt und das Staatsvolk ist der bisherigen Regierung gefolgt und hat sie bestätigt. Zu diesem Anlassen präsentiert ein Kommentar auf der Homepage der Tagesschau den wahren Charakter moderner Demokratie:

„Die Entscheidung zugunsten von Donald Tusk war die einzig richtige, die polnische Wähler treffen konnten. Wer politisches Chaos, internationale Isolation und Imageverlust des Landes verhindern wollte, hatte im Grunde keine andere Alternative als für die Bürgerplattform zu stimmen. ( … ) Jene, die sich bei diesen Parlamentswahlen eindeutig für Tusk ausgesprochen haben, bescheinigen dem Land demokratische Reife.“

Ich übersetze mal ganz frei: Die WählerInnen hatten keine Wahl, haben sie aber genutzt. Und eben das macht demokratische Reife aus. Für alle, die das noch nicht wussten.

Who made your IPad?

Steve Jobs ist tot. Die Medien trauern und bezeichnen ihn wahlweise als Visionär oder Messias. Fast vergessen scheinen die Berichte über Kinder- und Zwangsarbeit bei der Produktion von Apple-Produkten (1|2). Fast vergessen – immerhin gibt es bei leninology dieses schicke Bild:

Der Anfang des Euro

Obwohl ich früher noch in der Schule gelernt habe, Staaten könnten nicht pleite gehen, scheint auch dieses Novum in greifbare Nähe gerückt. Zumindest wenn es nach Teilen der deutschen Politik geht. Wirtschaftsminister Philipp Rösler beispielsweise, ein bekannter Freigeist bei den Freiliberalen, hat dazu aufgefordert, diesbezügliche „Denkverbote“ aufzugeben. FDP-Generalsekretär Christian Lindner präzisierte das und legte es der griechischen Regierung nahe, „aus der Euro-Zone ausscheiden (zu) müssen oder (zu) wollen.“ (tagesschau)

Das alles kann nun nicht wirklich verwundern, sondern war schon lange Zeit absehbar. So wurde – um ein nicht ganz willkürliches Beispiel herauszugreifen – bereits im November 1996 unter dem Titel „Perspektiven und Konsequenzen der Europäischen Währungsunion“ im Bundestag eine Studie von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle vorgestellt, die diese im Auftrag der PDS-Bundestagsgruppe erarbeitet hatten. Bereits hier wurde vorgezeichnet, wie es in einem programmatischen Gliederungspunkt hieß, „wie die Währungsunion die wirtschaftspolitische Spaltung Europas festschreibt.“ (mehr…)

Refeudalisierter Berlusconismus

Der Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Karl-Theodor von Guttenberg, hat ausgespielt. Er hat eine Doktorarbeit abgegeben und dabei auf Teufel komm raus gemogelt und betrogen. Nun ist es sicherlich nicht so, das die akademische Realität für gewöhnlich frei wäre von Lug und Betrug. Aber trotz allem kann doch festgehalten werden, dass er die wesentlichen Standards bürgerlicher Wissenschaftsproduktion verletzt hat.

Das ist nun an sich kein Grund zum Klagen. Soll er halt machen. Letztlich, so ließe sich argumentieren, ist die freie Verfügbarkeit von Informationen doch eine Grundbedingung für eine befreite Gesellschaft. Copy & Paste = Communism, gewissermaßen. Interessant ist nun aber, dass die Hüter*Innen der bürgerlichen Werte und des bürgerlichen Eigentums zunächst einmal gar nicht daran interessiert schienen, den Herrn zu Guttenberg für seine ganz offensichtliche Verfehlung ihrer eigenen Minimalstandards zur Rechenschaft zu ziehen. (mehr…)

Sprachmaterialismus

Immer mal wieder wird in Blogdiskussionen (etwa: hier) oder in Polit-Gruppen über Sprache und Geschlecht gestritten. Während die einen finden, das Benennen geschlechtlicher Zuschreibungen sei eine Selbstverständlichkeit emanzipativer Praxis und ihr ausblenden Zeichen finstersten Sexismus (etwa: hier), wird einer solche Position häufig vorgeworfen, sie wolle doch bl0ß netter über die Welt reden, anstatt sie endlich zu verändern (etwa: hier).

Eine etwas umfassendere Auseinandersetzung mit dieser Frage hat nun die Gruppe 180° vorgelegt (nämlich: hier). Das Interessante dabei ist m.E., dass die Argumentation streng materialistisch verfährt, also Sprachpraxis in den Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse stellt. Weshalb der Text allen wärmstens ans Herz gelegt sei.

Gremliza zu Sarrazin

Bereits vor einiger Zeit, als Thilo Sarrazin in einem Interview gegenüber der Lettre International zu Protokoll gab, wie er sich moderne Bioethik vorstellt, hat Hermann L. Gremliza, seines Zeichens Herausgeber der Konkret, dessen Ausfälle recht treffend kommentiert:

Nun, nachdem die ganze Republik von nichts anderem spricht als von Sarrazins Rassekunde, hat er nachgelegt:

Pragmatischer Absturz

Jugendstudien sind derzeit gerade im Trend. Nachdem bereits am 9. September die Rheingold Jugendstudie mit dem Titel „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ veröffentlicht wurde, haben am 14. September Klaus Hurrelmann, Mathias Albert & Co nachgezogen und die 16. Shell-Jugendstudie „Jugend 2010“ heute in Berlin vorgestellt. Beide Studien haben viel gemeinsam und werfen kein sonderlich hoffnungsvoll stimmendes Bild auf die heranwachsende Generation. (mehr…)

Statistische Fehlleistungen

Es gibt Momente in denen ich mich doch gräme, meine Statistik-Studium derart schleifen gelassen zu haben, wie ich das tat. Nicht, das ich vorhätte, statistisch zu arbeiten. Aber es ist doch immer wieder gut, die irren Aussagen von anderen Menschen, die sich dabei auf empirisches Datenmaterial beziehen, widerlegen zu können. Im Falle Thilo Sarrazins hat diese Aufgbe nun Prof. Dr. Volker Eichener übernommen und einen Text über einige wesentlichen statistische Fehlleistungen von Sarrazin verfasst. Auch wenn er dabei auf einige Aspekte wie etwa eine grundsätzliche Kritik an Intelligenztests außen vor lässt, doch ein sehr empfehlenswerter Artikel.