Archiv der Kategorie 'Reallife'

Antiziganismus in Wort und Bild

Soeben durfte ich im Rahmen des Geschlechterforschungs-Kolloquiums an der Universität Göttingen Zeuge eines sehr großartigen Vortrages über Antiziganismus und Antisemitismus von (so die Uniseite) Dr. Markus Gerke, York University Toronto (Kanada) sein. Der Referent selber hat allerdings nicht behauptet Doktor zu sein. Davon ab war’s aber sehr spannend und ich möchte der Weltöffentlichkeit wenigstens dieses eine Schmankerl nicht enthalten.

Einige erinnern sich vielleicht noch an die Brandstiftungen und Ausschreitungen gegen eine Roma-Siedlung in Turin, die am 11. Dezember in fast allen deutschen Onlinemedien erwähnt wurde. (mehr…)

Wer macht die Krise? Wohin führt die Krise?

In der Dezember-Ausgabe der Konkret gibt es ein nicht uninteressantes Interview mit Thomas Ebermann, Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl. Die vier streiten in dem von Hermann L. Gremliza moderierten Gespräch über den Charakter, die Ursachen und die Folgen der vor unseren Augen vor sich gehenden Krisenprozesse. Dabei wird nicht viel neues erzählt, trotz allem werden die unterschiedlichen Einschätzungen und Blickwinkel hier sehr deutlich, so dass es sich durchaus lohnt, sich das Ding mal anzutun. (Im kommenden Jahr soll es übrigens mit einigen Erweiterungen auch als Buch erscheinen.) (mehr…)

Du hast keine Wahl – nutze sie!

In Polen wurde gewählt und das Staatsvolk ist der bisherigen Regierung gefolgt und hat sie bestätigt. Zu diesem Anlassen präsentiert ein Kommentar auf der Homepage der Tagesschau den wahren Charakter moderner Demokratie:

„Die Entscheidung zugunsten von Donald Tusk war die einzig richtige, die polnische Wähler treffen konnten. Wer politisches Chaos, internationale Isolation und Imageverlust des Landes verhindern wollte, hatte im Grunde keine andere Alternative als für die Bürgerplattform zu stimmen. ( … ) Jene, die sich bei diesen Parlamentswahlen eindeutig für Tusk ausgesprochen haben, bescheinigen dem Land demokratische Reife.“

Ich übersetze mal ganz frei: Die WählerInnen hatten keine Wahl, haben sie aber genutzt. Und eben das macht demokratische Reife aus. Für alle, die das noch nicht wussten.

Who made your IPad?

Steve Jobs ist tot. Die Medien trauern und bezeichnen ihn wahlweise als Visionär oder Messias. Fast vergessen scheinen die Berichte über Kinder- und Zwangsarbeit bei der Produktion von Apple-Produkten (1|2). Fast vergessen – immerhin gibt es bei leninology dieses schicke Bild:

Der Anfang des Euro

Obwohl ich früher noch in der Schule gelernt habe, Staaten könnten nicht pleite gehen, scheint auch dieses Novum in greifbare Nähe gerückt. Zumindest wenn es nach Teilen der deutschen Politik geht. Wirtschaftsminister Philipp Rösler beispielsweise, ein bekannter Freigeist bei den Freiliberalen, hat dazu aufgefordert, diesbezügliche „Denkverbote“ aufzugeben. FDP-Generalsekretär Christian Lindner präzisierte das und legte es der griechischen Regierung nahe, „aus der Euro-Zone ausscheiden (zu) müssen oder (zu) wollen.“ (tagesschau)

Das alles kann nun nicht wirklich verwundern, sondern war schon lange Zeit absehbar. So wurde – um ein nicht ganz willkürliches Beispiel herauszugreifen – bereits im November 1996 unter dem Titel „Perspektiven und Konsequenzen der Europäischen Währungsunion“ im Bundestag eine Studie von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle vorgestellt, die diese im Auftrag der PDS-Bundestagsgruppe erarbeitet hatten. Bereits hier wurde vorgezeichnet, wie es in einem programmatischen Gliederungspunkt hieß, „wie die Währungsunion die wirtschaftspolitische Spaltung Europas festschreibt.“ (mehr…)

Pragmatischer Absturz

Jugendstudien sind derzeit gerade im Trend. Nachdem bereits am 9. September die Rheingold Jugendstudie mit dem Titel „Die Absturz-Panik der Generation Biedermeier“ veröffentlicht wurde, haben am 14. September Klaus Hurrelmann, Mathias Albert & Co nachgezogen und die 16. Shell-Jugendstudie „Jugend 2010“ heute in Berlin vorgestellt. Beide Studien haben viel gemeinsam und werfen kein sonderlich hoffnungsvoll stimmendes Bild auf die heranwachsende Generation. (mehr…)

Statistische Fehlleistungen

Es gibt Momente in denen ich mich doch gräme, meine Statistik-Studium derart schleifen gelassen zu haben, wie ich das tat. Nicht, das ich vorhätte, statistisch zu arbeiten. Aber es ist doch immer wieder gut, die irren Aussagen von anderen Menschen, die sich dabei auf empirisches Datenmaterial beziehen, widerlegen zu können. Im Falle Thilo Sarrazins hat diese Aufgbe nun Prof. Dr. Volker Eichener übernommen und einen Text über einige wesentlichen statistische Fehlleistungen von Sarrazin verfasst. Auch wenn er dabei auf einige Aspekte wie etwa eine grundsätzliche Kritik an Intelligenztests außen vor lässt, doch ein sehr empfehlenswerter Artikel.

Der Intimfreund von Friedrich Engels

In dem mittlerweile recht gut bestückten Audioarchiv von Blogsport findet sich neben vielem anderen auch ein Beitrag zur Kritik des linken Antifeminismus. Darin enthalten ist auch diese Perle scharfsinniger Polemik, die nicht ungehört an uns vorbeiziehen sollte:

Friedlicher Aufstieg Deutschlands

Der Jubel ist kaum verflogen ob des Siegs der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Loser-Finale bei der Herren-Weltmeisterschaft, da zeigt der neue Bundespräsident Christian Wulff, das zumindest er mit den Siegen der Kicker mehr verbindet als eine lustige Party:

Für seine Verdienste um den deutschen Fußball soll Bundestrainer Joachim Löw das Bundesverdienstkreuz erhalten. Das kündigte Bundespräsident Christian Wulff auf der letzten DFB-Pressekonferenz der WM in Erasmia an. Für die Nationalmannschaft schlug er das „Silberne Lorbeerblatt“ vor. (Tagesschau)

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Multikulti vs. Blitzkrieg

Ganz D-Land ist im Fußballfieber. Dabei zeichnet sich das Gefeiere und Fahnengeschwenke durch eine seltsame Mischung aus Tradition und Postmodernität aus. Beispielhaft dafür stehen die „10 Gründe, warum wir England schlagen“, wie mensch sie neuerdings bei Web-De nachlesen kann. Greifen wir uns einen beliebigen Punkt heraus, etwa die Nummer fünf: (mehr…)

Zocken und Feiern

Zur Stereotypie der Griechenland-Debatte

Die Krise geht weiter. Nachdem zunächst nur Banken vor der Insolvenz gerettet werden mussten, sind es nun ganze Staaten. Griechenland macht hierbei im Euroland den Vorreiter. Dass nicht zuletzt die deutsche Währungs,- Finanz- und Wirtschaftspolitik für das Schlamassel der Griechen verantwortlich zeichnet, spielt dabei in der öffentlichen Debatte keine sonderlich große Rolle. Stattdessen gibt es Schuldzuschreibungen der unterschiedlichsten Art. (mehr…)

Arm, aber mutig

(Der nachfolgende Text wurde in einer gekürzten und leicht veränderten Version in der Jungle World 08/2010 veröffentlicht.)

Der Kapuzinermönch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu großer Not, hätten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterstütze er das Europäische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den Geistlichen heran. Alles im Auftreten des Bettelmönchs ist auf einen Effekt aus: der sorgsam einstudierte Text, der mitfühlende Blick, das aufmunternde Nicken beim Sprechen, die sorgsam eingestreuten Vokabeln aus einer vermeintlichen Alltagssprache von Jugendlichen: es soll Lebensnähe und Fürsorglichkeit, Kompetenz in der Sache und Ernsthaftigkeit im Anliegen gleichermaßen zum Ausdruck bringen. (mehr…)

Das Arbeitslosengeld zwischen Individuum und Staatshaushalt

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) bekundete vor kurzem, die Berechnung der Leistungen für das ALG II sei verfassungswidrig. Die ausgezahlten Gelder seien in einem „transparenten und sachgerechten Verfahren nach dem tatsächlichen Bedarf, also realitätsgerecht, zu bemessen“, so die Pressemitteilung des Verfassungsgerichtes. Was das Gericht allerdings ausdrücklich nicht festgestellt hat, ist ein grundsätzliches Problem in Bezug auf die Höhe der Leistungen:

„Die in den Ausgangsverfahren geltenden Regelleistungen von 345, 311 und 207 Euro können zur Sicherstellung eines menschenwürdigen Existenzminimums nicht als evident unzureichend angesehen werden. ( … ) Dies gilt auch für den Betrag von 311 Euro für erwachsene Partner einer Bedarfsgemeinschaft. ( …. ) Es kann ebenfalls nicht festgestellt werden, dass der für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres einheitlich geltende Betrag von 207 Euro zur Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums offensichtlich unzureichend ist.“

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Politik und Wirtschaft (3)

Was waren das noch für seelige Zeiten, als Recht und Gesetz noch vom dafür vorgesehenen Souverän erstellt wurden. Nachdem bereits die Große Koalition von SPD und CDU/CSU eine Fachkanzlei für Kreditrecht mit der Novellierung des Kreditrechtes beauftragte, bleibt auch die FDP dieser Linie treu:

„Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) will sich für die Erarbeitung seiner Gesundheitsreform Unterstützung aus der privaten Krankenversicherung holen: Christian Weber soll im Ministerium der neue Abteilungsleiter für Grundsatzfragen werden. ( … )

Derzeit ist der 53 Jahre alte Weber stellvertretender Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV). Weber würde sich in seinem neuen Amt auch mit der geplanten schrittweisen Umstellung der beitragsfinanzierten Krankenversicherung auf Prämien befassen.“ (FAZ; auch hier)

Der Aufschrei, das hier Klientelpolitik den einstigen Anspruch der Politik aufgeben würde, eine von den privaten Interessen der Wirtschaftssubjekte losgelöste gesellschaftliche Allgemeinheit zu repräsentieren, verhalte ebenso schnell wie ungehört. Erst gar nicht zur Kenntnis genommen wurde, dass Weber ebenso wie seine Kollegin Birgit Haase seine wissenschaftlichen Sporen in der Volkswirtschaftslehre verdiente. Unabhängig von allem Klientelgedöns dürfte also klar sein, in welche Richtung der Zug fahren soll: nur ein wirtschaftliches Gesundheitssystem soll ein gutes Gesundheitssystem sein. Im Mittelpunkt soll die private Gewinnerzielung auch in diesem Sektor stehen – und nicht die adäquate Versorgung der Bevölkerung mit dem knappen Gut Gesundheit.

Migration und Ökonomie

Noch immer gibt es das Bemühen, das GATS-Vertragswerk zu aktualisieren. Mit ihm sollen Dienstleistungen als vermeintliche Zukunftsbranche der Weltökonomie gestärkt werden (zur Kritik). Eine dieser Dienstleistungsbereiche ist die „Dienstleistung im Ausland“, wie sie etwa von Erntehelferinnen oder sog. „Gastarbeiterinnen“ vorgenommen wird. Die Erträge in nicht unbeträchtlicher Höhe werden dann in die Heimatländer überwiesen und machen dort nicht selten einen wesentlichen Teil der Einnahmen aus. Die taz berichtet diesbezüglich von den Ergebnissen des „Berichts zur menschlichen Entwicklung“ des UN-Entwicklungsprogramm UNDP:


„Durchschnittlich führt die Migration aus einem armen in ein reiches Land zu einem 15-mal höheren Einkommen und zu einer 16-fachen Verringerung der Kindersterblichkeit. Das nützt allen: Die Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimatländer summierten sich im Jahr 2007 auf weltweit 370 Milliarden US-Dollar.“

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