Archiv der Kategorie 'Rezensionen'

On Michael Heinrich’s blind spot

(via PrincipiaDialectica)
Now, with An Introduction to the Three Volumes of Karl Marx’s Capital by Michael Heinrich, a competent and undogmatic introduction to Marx’s Critique of Political Economy is available in English. The German political scientist starts with a critical outline of previous Marx receptions. He demonstrates that the systematic significance Marx attributed to his work, was not even remotely taken up on by the international Worker’s Movement – and therefore it is best not lump together Marx and Marxism. (mehr…)

Der autoritäre Antiautoritäre

Der zionistische Marxist und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld wäre am 2. Mai 2012 120 Jahre alt geworden. Bernfeld war Aktivist der Wiener Jugendbewegung, Mitbegründer der zionistischen Kibbuzerziehung und praktizierenden Psychoanalytiker. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit war die Übertragung psychoanalytischer Theorien auf die Sozialwissenschaften. Insbesondere mit ,Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung‘ hat er 1925 eine Kritik des pädagogischen Betriebes vorgelegt, die in den 60er und 70er Jahren einen erheblichen Einfluss auf die antiautoritäre Bewegung ausgeübt hat, der durchaus mit dem Theodor W. Adornos verglichen werden kann. (vgl. Lohmann 2001; Schrödter 2010) (mehr…)

Die Große Entwertung: Krisentheorie 2.0

Während weite Teile der linken, außerparlamentarischen Bewegung zu einer Demonstration zum ,european day of action against capitalism‘ aufrufen, ist nun das passende Buch zur Demonstration erschienen. Der Aufruf zur Demonstration gibt die Schuld an den sich vor unseren Augen vollziehenden kapitalistischen Krisenprozessen nicht einzelnen kapitalistischen AkteurInnen, sondern dem System als Ganzem. Wie genau die systemischen Ursachen der Krise jedoch beschafen sind, kann ein solcher Aufruf (naturgemäß) nicht liefern. Ernst Lohoff und Norbert Trenkle haben mit ihrem Buch ,Die große Entwertung – Warum Spekulanten und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind‘ nun auf 300 Seiten die theoretischen und empirischen Hintergründe aufgerollt, die dazu geeignet sind, die Perspektive des Demo-Aufrufes zu untermauern. Irgendwie muss die Fahrt nach Frankfurt ja schließlich überbrückt werden. (mehr…)

Zwischen Kritik und Geschichtsphilosophie

Anmerkungen zu Heinz-Jürgen Voß‘ „Geschlecht. Wider die Natürlichkeit“

Nicht selten ist es so, das im Untertitel eines Buches das eigentliche Programm vorgegeben wird. So auch in diesem Fall: Natürlichkeit ist der Ausgangspunkt und der zentrale Gegenstand der Argumentation dieses Buches. Denn im Laufe der Jahrhunderte, so stellt Voß gleich zu Beginn des Buches fest, haben sich die Begründungsmuster für gesellschaftliche Herrschafts- und Unterdrückungspraktiken verändert. Während lange Zeit der Wille eines kaum je beweisbaren Gottes als Ursache für die spezifische soziale Stellung einzelner Menschen angegeben wurde, so stehen heute die Naturwissenschaften, allen voran die Biologie, hoch im Kurs der Legitimationsbeschaffung. (mehr…)

Unter Niveau

Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben den Kommunismus einst als ein Gespenst, das umher ginge und den Herrschenden das Fürchten lehre. Heute gibt es diesbezüglich nicht mehr viel zu fürchten, jedwede auf Emanzipation ausgerichtete soziale Opposition scheint bereits in die Totenstarre gefallen zu sein. Das allerdings hindert die eine oder andere Paranoikerin nicht daran, ihre unübersehbare gesellschaftliche Hegemonie gleich auf über 300 Seiten auszubreiten. Einer von ihnen ist Jan Fleischhauer, der seinen stillen Abschied aus der Linken, der er gefühlt wohl einmal angehört haben will, in seinem Spiegel-Bestseller Unter Linken. Von einem, der aus versehen konservativ wurde zum Besten gibt. Das die Linke gesellschaftlich hegemonial ist, gilt ihm als unübersehbar. Vielleicht sei nicht die Mehrheit der Bevölkerung links, aber doch der ganz überwiegende Teil derer, die darüber befinden, „wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind“: (mehr…)

The Post-Gender Scientist

Die Wertkritik hat bereits viele gesellschaftliche Ideologiebildungen erfolgreich in Frage gestellt: Dass die Produktion von Ware und Wert eine Naturkonstante sei ebenso wie die Verklärung der Arbeit zur anthropologischen Konstante oder der ArbeiterInnenklasse zum vermeintlich revolutionären Subjekt. Schließlich wurde gar die Totalität kapitalistischer Verhältnisse als eine dechiffriert, die doch bloß eine gebrochene ist und die ohne ihr verdrängtes Gegenstück keine fünf Minuten über die Runden käme. Alles, was nicht in der Abstraktion der Warenform aufgehe, für diese aber trotz allem notwendig sei, so konnte Roswitha Scholz überzeugend darlegen, werde in ein dunkles Schattenreich verdrängt, gesellschaftlich abgewertet und zu allem Überfluss auch noch weiblich konnotiert.

So richtig und wichtig diese Interventionen waren, so sehr verwundert es doch, dass sie vor zumindest einer letzten liebgewonnenen Selbstverständlichkeit stehenbleiben: dass es Männlichkeit und Weiblichkeit tatsächlich gibt, dass sie sich auf biologisch-medizinische Fakten zurückführen lassen, steht inmitten aller Kritik wie ein Fels in der Brandung. Zumindest für die Reproduktion der Menschheit, so lesen wir etwa bei Roswitha Scholz, sei die Existenz (heteronormativer) Zweigeschlechtlichkeit schlichtweg unabdingbar.

Mit seiner fast 500-Seiten starken Abhandlung Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive hat Heinz-Jürgen Voss nun eine ebenso detailreiche wie umfassende Studie zur Brüchigkeit eben dieser Vorstellung vorgelegt. (mehr…)

Unbewegliche Männer

Zur Kritik des Zirkulationsmarxismus durch Hanloser und Reitter

„Kenn‘ se den schon? Treffen sich zwei Zirkulationsmarxisten…“ – Wie, sie wissen nicht, was ein Zirkulationsmarxist ist? Dann sollten sie mal Gerhard Hanloser oder Karl Reitter fragen. Die erklären das nämlich in ihrem neuen Buch „Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus“. Bei Zirkulationsmarxismus, so lernen wir, handelt es sich nicht um eine spezifische Interpretation von Marx, sondern um eine Lesestrategie. Diese Lesestrategie tritt dann zumeist unter dem Label Wertkritik in die politische Debatte ein und zeichnet sich vor allem dadurch aus, „irgendwo nach dem Fetischkapitel“ (5) die Lektüre des Kapital unvermittelt abzubrechen und beschäftigt sich mithin lediglich mit dem Austausch von Äquivalenten innerhalb der einfachen Zirkulation. Darum eben Zirkulationsmarxismus: weil sich diese WertkritikerInnen nicht für die Produktion interessieren, wo es eben auch mal schmutzig dahergeht.

Hanloser und Reitter bauen sich schon auf den ersten Seiten ihres Machwerks einen Pappkameraden zusammen, nur um dann später bei dem Unterfangen zu scheitern, diesen fachgerecht zu zerlegen. Von den Unterstellungen, die sie der Wertkritik entgegenzubringen haben, stimmt so ziemlich gar nichts. Dabei verhällt es sich genaugenommen doch andersherum: gerade die Vorstellung, es müsse nur der Lohn den ArbeiterInnen zugänglich gemacht werden, ohne das es darüber hinausgehende Änderungen an Art und Zweck der Produktion gäbe, ist eine zirkulationstheoretische. Abstrakte Arbeit ist eben nicht eine reine Kategorie der Zirkulation, sondern auch eine der Produktion. Das nur gearbeitet wird, um zu arbeiten, prägt auch die Tätigkeit als solche. (mehr…)

Am Kapitalismus scheitern

Es ist selten, das die größte Stärke eines Buches sich als seine größte Schwäche erweisen könnte: mit „Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern“ haben Andreas Exner, Christian Lauk und Konstantin Kulterer vom Social Innovation Network eine überzeugende Intervention die Debatte um Ökologie, Ökonomie und die Zukunft der Zivilisation vorgelegt. (Eine Kurzform der Thesen gab es vor kurzem in einem lesenswerten Aufsatz in der Analyse und Kritik.) Überzeugend ist das Buch vor allem, weil es mit einer Vielzahl von Fakten aufwartet, zur Intervention taugt es, weil, obwohl dem Geist der Kritischen Theorie zuzurechnen, es vollständig ohne Begrifflichkeiten aus minoritären linken Diskursen auskommt.

Zunächst zeigen die Autoren überzeugend auf, das die Ressourcen der Erde endlich sind, das da am Ende des Tunnels leider kein Licht, sondern ganz viel Dunkelheit wartet. Das der Kapitalismus aber auf diese Ressourcen angewiesen ist, und das dank seines Wachstumszwangs auch bleiben wird, ist der nächste Schritt in der Argumentation. Auch die Bedeutung von Wachstum für Konsum und Finanzblasenökonomie, für Arbeitsdruck und die Anpassung der Menschheit an die Bedürfnisse der Ökonomie wird umfassend abgehandelt, gefolgt von gleich zwei Kapiteln zur unabdingbaren Frage nach solchen Büchern: dass das zwar alles schön und gut sein mag, es doch nun aber mal geklärt werden müsse, was danach komme. Von den Erfahrungen nach dem Crash in Argentinien streifen die Autoren zielsicher über Linux hin zu unterschiedlichen Befreiungserfahrungen in der Postmoderne.

Sicher, die Anschlussfähigkeit hat einen Preis. So schaffen es die Autoren nicht, mögliche Zusamenhänge von Ressourcen- und Finanzkrise systematisch darzustellen. Sie versuchen es erst gar nicht. Dafür wäre dann wohl doch ein Mehr an theoretischem Handwerkszeug notwendig gewesen. Dasselbe gilt auch für die Begründung des kapitalistischen Wachstumsszwanges bzw. der Notwendigkeit wachsenden Ressourcenverbrauchs durch eben diesen Wachstumszwang. Die Erklärungen muten hier bisweilen etwas phänomenologisch an. Etwas mehr Theorie hätte an solchen Stellen gutgetan.

Das wird dann wohl auch das sein, was diesem Buch in näherer oder fernerer Zukunft vorgeworfen werden wird. Das dürfte die Sache allerdings wert sein, haben uns die Autoren doch ein angenehm lesbares Machwerk zur Einführung in die empirisch gesättigte Gesellschaftskritik geliefert, das sich ganz hervorragend dazu eignet, es an Weihnachten und Geburtstagen an unzählige Familienmitglieder zu verschenken…

Andreas Exner, Christian Lauk, Konstantin Kulterer
Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern
Ueberreuther Verlag, Wien 2008
14,3 × 21,5 cm, 220 Seiten, EUR: 19,95