Archiv der Kategorie 'Theorie'

Die Linke und die Krise

Dieses Thesenpapier aus dem Jahre 2012 möchte ich Euch nicht länger vorenthalten.

1 Hinführung

Am 12. Juli 2007 erschien in der Wochenzeitung Jungle World ein Aufsatz von Michael Heinrich mit dem programmatischen Titel „Profit ohne Ende“. Dem Kapitalismus, so war dort zu lesen, stehe nicht nur eine lange, sondern zudem auch eine rosige Zukunft bevor. Akute Krisengefahr vermochte der Autor zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Bald darauf kam der 9. August 2007, der mittlerweile als der Beginn der Finanzkrise von 2007/2008 betrachtet wird. Aus der Finanzkrise ist mittlerweile eine Staatsschuldenkrise geworden, die Allgegenwart der Krise sollte in den folgenden fünf Jahren die gesellschaftliche Stimmung prägen – und tut es noch heute.

Im Jahre 2005, zwei Jahre vor dem in der Finanzkrise kulminierenden Zusammenbruch der Immobilienblase, war es ein gewisser Robert Kurz, der in seinem Buch „Das Weltkapital“ ziemlich exakt die Prozesse beschrieben hat, die schließlich zum Crash des Weltfinanzsystems führen sollten. Wollten wir also die Prognosefähigkeit kritischer Theorie zum Ausgangspunkt einer Debatte um die Ursachen kapitalistischer Krisenprozesse und die Folgen kapitalistischer Krisenverwaltung machen, so wäre der von Kurz repräsentierte Ansatz der Wertkritik die erste Wahl für eine antikapitalistische Linke.

Davon kann jedoch keine Rede sein. Während vor der Krise alle gewusst hatten, dass dem Kapitalismus schon nichts schlimmes passieren würde, wenn nicht der starke Arm der proletarischen Revolution ihm den Garaus macht, so wissen heute alle, dass das mit der Krise nur eine vorübergehende Erscheinung, ein kurzes Intermezzo, eine unglückliche Fügung, die Folge einer falschen Politik oder was auch immer sein muss.
Hinge es am Willen und Wollen der deutschen Linken – der Kapitalismus wäre quicklebendig und würde jauchzend über die Wiesen hüpfen. Stattdessen hält Angela Merkel ihm am Krankenbett das Händchen. Wie also konnte es dazu kommen? (mehr…)

Kapitalismus abwickeln?

Bei einem Vortrag im Dezember hat sich Ernst Lohoff der Frage gewidmet, wie wir den Kapitalismus loswerden können. Die vorgetragenen Überlegungen gibt es nun Online:

Kritik der polemischen Vernunft

Prolog

Bei Veranstaltungen zur Kritik an den sog. Antideutschen gibt es oftmals einen interessanten Effekt. Da steht irgendjemand vorne und kritisiert zum Teil tatsächlich kritikable Aspekte am antideutschen Mainstream. Bei den Zuhörer*innen führt das allerdings dazu, dass sich innerhalb kürzester Zeit ekeligste Ressentiments Bahn brechen. Da meinen plötzlich alle, nun endlich die Legitimation respektive die Absolution erhalten zu haben, um mal wieder richtig ordentlich über den Juden, über Israel und über die USA hetzen zu können.

Das ist nicht schön, allerdings offensichtlich kein Alleinstellungsmerkmal der traditionellen Linken. Auch eine Kritik von Antideutschen an den „Anderen“ – also allen die irgendwie poststrukturalistisch oder wertkritisch unterwegs sind – kann durchaus dafür sorgen, dass die Leute einfach mal auf das draufhauen, was sie ohnehin noch nie verstanden haben.

Bei einer Vortrag von Thomas Maul in Kassel durfte die geneigte Zuhörerin genau dies erleben. Der Referent (im Folgenden stets einer der reflektierteren Gesprächsteilnehmer) trug eine Polemik aus der Bahamas vor und im Anschluss daran überbaten sich die Anwesenden mit Anmerkungen zum Problem der Sprachhygiene oder dem, was sie unter Poststrukturalismus verstehen. Dabei ging es jedoch zumeist um Erzählungen über „meinen Sohn, der in Göttingen Ethnologie studiert“ und über Dinge, die mann „mal gehört“ habe. Danach wird alles unter Beschuss genommen. Sogar bei Behinderungen, so konnte mensch hören, werde heute verlangt, alles anzuerkennen und für gut zu befinden. Da würden sogar die Gehörlosen eine eigene Kultur haben wollen, die mit der Richtigen auf einer Stufe stehe. Stattdessen solle mensch doch lieber kritisieren, dass manche nicht an der Gesellschaft teilhaben können. Aber was passiere? Es werde so getan, als seien alle Kulturen gleichwertig und jeder Wahrheitsanspruch wird über Bord geworfen. Selbst „Transen“ wollten ja sich und ihre „Borniertheiten“ (Maul) anerkannt wissen. Die wollen sogar – und jetzt kommt’s – das ihre gefühlte Geschlechtsidentität vom Staat im Pass anerkannt wird. Was einen Menschen im Publikum zu der Annahme verleitete, Trans-Menschen würden per se Deutschland gut finden, weil sie ja nicht einfach so leben wollten wie sie mögen, sondern um die Anerkennung vom Staat lechzen würden. Das seien also alles Nationalisten! Überhaupt fühlte sich einer der Anwesenden bei all dem postmodernen Klamauk an einen alten Wiener erinnert, der dereinst bemerkt habe, es würde ihn manchmal überkommen, die schlimmsten seiner Zeitgenossen mit seinem Gehstock zu verhauen. Offensichtlich seien die Zeiten derart durchgedreht, das mann überlegen müsse, ob das nicht mal angebracht sei. Diese einigermaßen erschütternde Erfahrung nun trieb mich dazu, den Referenztext aus der Bahams zu studieren. Und das führte zu dem folgenden Text. (mehr…)

Kritik und Affirmation

Zur Auseinandersetzung mit der Geldpfuscherei

In einer alten indischen Legende über die Erfindung des Schachspiels wird berichtet, der Erfinder des Spiels habe von seinem König für diese Erfindung nicht mehr verlangt als Weizenkörner. Ein Korn auf das erste Feld des Schachbrettes, die doppelte Menge auf das zweite Feld, wiederum die doppelte Menge auf das dritte Feld und so weiter. Der König, der zunächst erbost war ob der vermeintlichen Bescheidenheit des weisen Brahmanen, musste schnell einsehen, dass er sich auf einen für ihn ziemlich ruinösen Deal eingelassen hatte, da die Zahl der Weizenkörner auf den letzten Feldern des Schachbrettes astronomische Ausmaße angenommen hatte.

In leicht veränderter Fassung ist diese Geschichte auch heute noch sehr beliebt. Die Weizenkörner werden dann zumeist durch Geld ersetzt, und so verändert soll die Geschichte als Beispiel für die verheerende Wirkung von Zinseszins und nicht selten als vermeintlicher Grund allen Übels im Kapitalismus herhalten. Zins und Zinseszins sind demnach die Ursache nicht nur für die Verschuldungsspiralen der öffentlichen und privaten Haushalte, sondern haben zudem Wirtschaftswachstum und Ausbeutung zur Folge: um die Zinsen bedienen zu können, seien Unternehmen darauf angewiesen, sich dem Willen des Geldes zu beugen und ihre Unternehmenspraxis auf Profiterwirtschaftung umzustellen. Als Ausweg wird dann zumeist eine Geldreform anvisiert, durch die das Geld mittels negativer Zinsen entwertet werden soll.

In diesen Ansätzen wird von einer nicht bestreitbaren Beobachtung (der Existenz von Zins und Zinseszins und ihrer exponentiellen Vermehrung im angeführten Beispiel) begründungslos darauf kurzgeschlossen, dass dieser Mechanismus nicht nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern vielmehr die Ursache für diese Prozesse sein soll. Im Folgenden sollen die sozio-ökonomischen Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Anhand der methodologischen und kategorialen Basisannahmen der Gesell’schen Zinskritik und der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie soll dargestellt werden, wie erstere die kritische Fragestellung der letzteren nicht einmal wahrnimmt. (mehr…)

Die Krise im politischen Theoriediskurs

Letzten Dienstag war ich bei einer Veranstaltung in Göttingen, bei der es um „Theorie und Praxis der Krise“ gehen sollte. Auf dem Podium saßen neben einem Vertreter des Ums-Ganze-Bündnisses noch Thomas Ebermann und Thomas Seibert. Ankündigungsflyer und Mitschnitt können hier bei Bedarf heruntergeladen werden.

In Bezug auf die vorgetragenen Analysen gab es keine wirklich umwerfenden Neuigkeiten, trotzdem sind einige interessante theoriepolitische bzw. bewegungstheoretische Entwicklungen deutlich geworden. Die Beiträge und die auf sie folgende Diskussion habe ich erweitert um ein paar Eindrücke, die ich aus Gesprächen am Rande der Veranstaltung bzw. am Rande der auf sie folgenden Rave-Demo gegen den Kapitalismus geführt habe.

Um ein bisschen Struktur in die Ausführungen zu kriegen, werde ich mich an den drei Leitfragen orientieren, durch die auch die Veranstaltung strukturiert war: (1) Wie ist die Krise von ihrem Charakter her einzuschätzen, (2) Welcher Strategie folgt die Bundesregierung und (3) Was sind potentielle BündnispartnerInnen für die radikale Linke. (mehr…)

Muss es die Klasse sein, die kämpft?

earendil hat in einem Kommentar die Frage aufgeworfen, was denn diese Kritik an Personalisierungen immer solle und ab da nicht die berechtigten Momente des Klassenkampfes hinten runterfallen:

Grundsätzlich kann ich aber die wertkritische Aversion gegen alles, was nach personalisierter Kapitalismuskritik riecht, nicht verstehen. Die Konzentration auf die allgemeinen Formprinzipien des Kapitalismus darf nicht den Blick auf die Klassenherrschaft verstellen, und es darf auch nicht jede Wut auf die herrschende Klasse oder auch konkrete Vertreter_innen davon als Vernichtungswunsch denunziert werden.

Leider komme ich grade nicht dazu, das ausführlich zu kommentieren, aber eine erste Idee, warum das so ist, gibt vielleicht dieser wenn auch sehr improvisierte Einführung in diese Fragestellung, die Norbert Trenkle mal auf dem Um’s Ganze-Kongress gehalten hat und der auch hier heruntergeladen werden kann:

In diesem Sinne möchte ich also in keinster Weise die Notwendigkeit sozialer Kämpfe in Frage stellen – die ergibt sich ja bei der Alternative von Emanzipation und Barbarei fast von alleine. Es bleibt eben nur die Frage, warum es denn unbedingt die Klasse sein soll, die da kämpft. Und wogegen sie denn kämpfen sollte, wenn sie dies schon als Klasse tut. Und ob das Bild dahinter nicht ein bisschen einfach ist und übersieht, dass Kapitalismus eben nicht einfach zwischen oben und unten verläuft und die Menschen sich fein säuberlich auf zwei Seiten der Barrikade aufstellen. Sondern das Herrschaft eine etwas kompliziertere Sache ist, die mitten durch die Subjekte hindurchgeht und deshalb zu ihrer Überwindung mehr braucht als die „Wut auf die herrschende Klasse“.

Und, auch das nur nebenbei, den Vernichtungswunsch brauche ich ja gar nicht zu erfinden. Den schreiben die Autor*Innen des traditionellen Marxismus ja seit jahrzehnten selber und teilweise wortwörtlich in ihre Texte hinein. Und zwar mit einer Kontinuität, die einigermaßen erschreckend ist.

Antisemitismus und Kapitalismuskritik

Als ich gestern einen Beitrag zu Georg Schramm und dessen Äußerungen über parasitäre nichtchristliche Geldhändler verfasst habe, hatte ich zwar bereits mit Kritik gerechnet, nicht aber mit der, die da kam. Gerechnet hatte ich mit dem Hinweis auf die strukturelle Bedeutung von Antisemitismus für die Konstitution der deutschen Nation und flapsigen Bemerkungen wie „Hier wächst zusammen was zusammen gehört“. Nicht gerechnet habe ich damit, dass sich tatsächlich Menschen hinstellen und da keinerlei Nähe zum Antisemitismus sehen wollen. Und weil sich das in Kommentarspalten immer nur halb verständlich machen lässt, hier ein etwas weiter ausholender Versuch der Systematisierung. Ich werde dabei zunächst etwas allgemeiner auf Funktionsweisen des Kapitalismus (I) und damit verbundene Ideologiebildungen (II) eingehen und sodann derenUnterschiede im Detail untersuchen (III). Dabei bitte ich immer zu beachten, das es sich hierbei um einen Blogbeitrag und nicht um eine Doktorarbeit handelt ;-) (mehr…)

Eigentum macht Geld?

Gunnar Heinsohn gibt sich gerne als kritischer Geist und wird nicht zuletzt von Peter Sloterdijk als Wirtschaftswissenschaftler mit Zukunftspotential angepriesen.1 Dass das nichts werden kann, wenn es von Sloterdijk kommt, dürfte klar sein. Denn auch der versteht sich als Hohepriester der Konkurrenzgesellschaft, kritisiert die heute von ihm wahrgenommene Lethargokratie und fordert den Aufbruch der Leistungträger. Das passt ganz offensichtlich zu einer Theorie, in der das Eigentum die zentrale Kategorie bildet. (mehr…)

Der unangepasste Außenseiter von Rechts außen

Anmerkungen zu Gunnar Heinsohn

Vor kurzem wurde ich auf einen vermeintlichen Wirtschaftstheoretiker hingewiesen, dem ein brillianter Ansatz zur Erklärung der aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen nachgesagt wurde. Es handelte sich dabei um niemand geringeren als Gunnar Heinsohn. Nie gehört? Is auch besser so. Da sich aber allem Anschein nach ernsthaft Menschen Gedanken machen über dass, was der Mann so loslässt, möchte ich hier dazu beitragen, seine Gedanken etwas besser einordnen zu können. (mehr…)

Wer macht die Krise? Wohin führt die Krise?

In der Dezember-Ausgabe der Konkret gibt es ein nicht uninteressantes Interview mit Thomas Ebermann, Michael Heinrich, Robert Kurz und Joseph Vogl. Die vier streiten in dem von Hermann L. Gremliza moderierten Gespräch über den Charakter, die Ursachen und die Folgen der vor unseren Augen vor sich gehenden Krisenprozesse. Dabei wird nicht viel neues erzählt, trotz allem werden die unterschiedlichen Einschätzungen und Blickwinkel hier sehr deutlich, so dass es sich durchaus lohnt, sich das Ding mal anzutun. (Im kommenden Jahr soll es übrigens mit einigen Erweiterungen auch als Buch erscheinen.) (mehr…)

Ausschluss vom Universalismus

Der universalistische Anspruch der kapitalistischen Moderne ist nicht zu denken ohne einen ebenso umfassenden Ausschluss. Auch wenn der Drang des Kapitals, sich die gesamte Welt Untertan zu machen, kaum zu übersehen ist; und auch wenn der Anspruch moderner Rechtsstaatlichkeit und Moral auf die Totalität menschlicher Vergesellschaftung bezieht, so gibt es doch immer auch das „Andere“, das aus der Norm ausgeschlossene. Moderne Ökonomie, Rechtsstaatlichkeit und Moral erweisen sich so als zutiefst repressive Phänome, wie Robert Kurz am Beispiel des Rechts illustriert hat: (mehr…)

Bürgerliche Kälte am Beispiel von Stuhl und Kartoffel

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Menschen Dinge als Waren produzieren und tauschen? Es tut ihnen nicht gut. Sie müssen sich selber und alle anderen als bl0ße Funktion für das je andere Bedürfnis anerkennen. Sie müssen einander – strukturell – fremd bleiben, dürfen sich füreinander nicht interessieren. Vieles von dem, was die Moderne an Unannehmlichkeiten bereithält, lässt sich daher bereits auf dieser Ebene der ‚Kritik der Politischen Ökonomie‘ analysieren und kritisieren. Sehr schön auf den Punkt gebracht hat den damit einhergehenden Irrsinn Ernst Lohoff, der damit gleichzeitig ein brilliantes Stück Sekundärliteratur zur Wertformanalyse hervorgebracht hat: (mehr…)

Kein hitzefrei in jedem System?

Die Redical [m] hat sich eines in der linken ziemlich vernachlässigten Themas angenommen: der Kritik des gesellschaftlich vorherrschenden Erziehungssystems. Dazu hat ihre AG „Hitzefrei bei jedem Wetter“ (ganz großer Name, by the way) einen Reader mit dem Titel „Deutschlands wichtigste Ressource oder wie Kinder in einem menschenverachtenden System erzogen werden“ publiziert. Da das Thema in der linken keine große Rolle spielt, ist die AG schließlich dort gelandet, wo Linke viel zu häufig landen, wenn sie sonst nichts zum Thema finden: beim GSP resp. dem dazugehörigen Bremer Ex-Profen Freerk Huisken. An den nämlich erinnert die Broschüre doch deutlich, teilweise bis in die Formulierungen hinein. Doch leider wurden nicht nur diese, sondern auch die falschen Inhalte übernommen. Das ist schade, hätte die Linke doch ein gutes Paper zu dem Thema mal brauchen können. (mehr…)

Die Funktion der abstrakten Arbeit

Martin Eichler hat im Frühjahr in der Phase 2 versucht, zum „Stand der Marx-Rezeption“ etwas substantielles zu sagen und hat dabei die Substanz als solche in den Blick genommen. Denn „die Funktion der abstrakt-menschlichen Arbeit als Wertsubstanz“ stünde nunmehr zur Debatte, so Eichler. Das Wert und Mehrwert alleine aus abstrakter Arbeit resultierten, ließe sich schließlich nicht beweisen und so müssten zur „Legitimation dieser Kategorie realwirtschaftliche Analysen unternommen werden, die zeigen, welche Bedeutung die abstrakt-menschliche Arbeit im heutigen Produktionsprozess hat.“

Das erinnert ein wenig an den postoperaistischen Theoretiker Christian Marazzi, der in seinem Standartwerk „Der Stammplatz der Socken“ ebenfalls die Bedeutung der abstrakten Arbeit negiert und stattdessen nur das Wissen in Form einer neuerdachten Immateriellen Arbeit als neue wertschaffende Potenz entdeckt haben will. Der nämlich verweist auf einen „Trend“ bei Forschern, sich zum „besseren Verständnis der zentralen Bedeutung von Wissen ( … ) zu Feldforschungen motiviert“ zu fühlen. Kann also abstrakte Arbeit empirisch überprüft werden?

Natürlich nicht. Abstrakte Arbeit beschreibt nichts weiter, als ein bestimmtes Beziehungsmuster, das Menchen in der kapitalistischen Gesellschaft miteinander eingehen. Dort sind sie nämlich voneinander getrennt und produzieren zunächst auf eigene Rechnung als private Produzent*Innen. Gleichzeitig produzieren sie freilich nicht für sich selbst, sondern für andere. Sie haben kein Interesse daran, die Güter, die sie hergestellt haben, selber zu nutzen. Sie stellen ihre Arbeitsprodukte vielmehr anderen zur Verfügung und greifen im Gegenzug auf die Arbeitsprodukte anderer zu.

Dieses gegenseitige Zugreifen auf die Arbeitsprodukte von anderen bezeichnet Marx als „abstrakte Arbeit“. Hier geht es weder darum, das diese Arbeit empirisch abstrakt (also etwa eintönig oder gleichförmig) wäre, sondern das es bei ihr nur darauf ankommt, das mit ihr Produkte hergestellt werden, die für den Konsum durch andere Menschen vorgesehen sind.

Die Arbeit wird auf diese Weise zum Vermittlungsmedium, welches die Übertragung dieser menschlichen Privatarbeiten innerhalb der Gesellschaft organisiert. Und als solches Vermittlungsmedium hat die abstrakte Arbeit freilich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse auch ihre Funktion. Dieser doch recht simple Zusammenhang fällt oftmals nicht auf, da Marx zum Beginn seiner Kapitalismuskritik einen Darstellungsfehler macht und statt mit den Privatproduzenten, die für eine gesellschaftliche Allgemeinheit produzieren, mit der Ware als dinghafter Ausdruck dieser Voraussetzung beginnt.

Diesen simplen Kontext übersieht übrigens auch die Rede von der Immateriellen Arbeit. Sie wechselt von der allgemeinen Formbestimmung (eine Tätigkeit die auf ganz spezifische Weise ihre eigene Vermittlung generiert) zu einer inhaltlichen Beschreibung (ganz viele unterschiedliche Tätigkeiten werden notwendig, damit überhaupt noch Gewinne produziert werden können) – und das ist innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie schlicht unzulässig. Es führt allerdings dazu, das die Theoretiker*innen der Immateriellen Arbeit dem traditionellen Marxismus eines voraus haben: sie erkennen, das sich innerhalb der Arbeitsgesellschaft ein Wandel vollzieht. Doch anstatt ihn als Krisenphänomen zu interpretieren, wird ein Wandel der Wertschöpfungsbasis herbeihalluziniert.

Immanente Schranken oder: Kategoriales zur Krise

Achtung, dies ist ein theoretischer Debattenbeitrag! Er beinhaltet viele theoretische Kategorien und bezieht sich auf eine Spezialdebatte. Er hat nicht den Anspruch, die angesprochenen Themen abschließend zu klären, sondern auf Missverständnisse und Probleme innerhalb der Debatte hinzuweisen. Und er hat auch nicht den Anspruch, verständlich zu sein ,-)

Irgendwie ist grade Krise. Und so streiten sich die Gelehrten, welchen Charakter diese Krise denn wohl hat. Das ich dabei der Krisentheorie, wie sie seit etwa 20 Jahren in den Theoriezusammenhängen Krisis und Exit entwickelt wurde, zuneige, dürfte die eine oder die andere schon mitbekommen haben.

Andreas Exner von Streifzügen bzw. vom Social Innovation Network versucht derzeit, innerhalb der Debatte rund um die Krisentheorie eine Schwerpunktverschiebung zu initiieren. Die Probleme der Krise, so sagte er unlängst in einem Interview, lägen „nicht vorrangig im ökonomischen Bereich. Der Kapitalismus verjüngt sich in seinen Krisen. Der Punkt ist vielmehr, dass die Ressourcenbasis des Kapitalismus sich verengt.“

Der fundamentale Charakter des Krisenprozesses wäre gemäß dieser Interpretation kein aus derSystemnotwendigkeit des Kapitalismus hervorgehender, sondern einer, der von der begrenzten Ressourcenbasis an ihn herangetragen wird. Die Ressourcen nämlich gehen aus und das bringt das System in Bedrängnis:

„Das Kapitalwachstum wird sich geografisch immer mehr zurückziehen und der Kapitalismus wahrscheinlich in eine tiefe gesellschaftliche und politische Krise geraten. Das unterminiert seinen Bestand als Weltsystem. Ohne eine irgendwie glaubhafte Wohlstandsperspektive für alle kann es schwer überleben.“

Ich halte die Einschätzung, das eine Erschöpfung von Naturressourcen den Kapitalismus in (zusätzliche) Bedrängnis bringen könnte, für durchaus plausibel. Er hat in dem übrigens sehr empfehlenswerten Buch „Die Grenzen des Kapitalismus“ und im SIN-Blog zusammen mit seinen Mitstreitern einiges lesenswertes dazu geschrieben. Zum reinlesen sei dieser Artikel aus der Analyse und Kritik empfohlen.

Was ich aber für weniger plausibel halte, ist seine ökonomiekritische Einordnung dessen, was da passiert. Es mag ja sein, das die Linke die ökologischen Nebenwirkungen des Kapitalismus zu wenig thematisiert (dazu wurde ja hier auch schon einiges geschrieben). Das muss nun aber nicht heißen, das der Kapitalismus keine immanente Grenze hätte. Exner klingt in der zitierten Interviewpassage schon fast fortschrittsoptimistisch: Krisen hätten eben eine reinigende Wirkung, danach könne es wieder ‚von vorne‘ losgehen. Ein erster Versuch, diese Annahme zu theoretisieren findet sich im Text Produktivität und Krise. Notizen einer Debatte, zu dem ich hier einige Anmerkungen machen möchte. Nicht zuletzt, weil der Autor darum gebeten hat, Bauchschmerzen mit dem Text zu verbalisieren. Vielen bisherigen Kritiken, vor allem die Replik von Claus-Peter Ortlieb, aber den Blog-Kommentar von Holger Roloff finde ich inhaltlich weitestgehend stichhaltig, wenn auch in der Form wenig weiterführend. Es macht m.E. wenig Sinn, die eigenen Argumentationsgänge hinter Polemik zu verstecken, wenn es einem um inhaltliche Verständigung geht. Und das wäre mein Anliegen an dieser Stelle. Wenn dabei meine Argumentation oft unstrukturiert ist, so möchte ich das auf den Text zurückführen, an dem ich mich abarbeite. Denn auch dort fehlt oftmals die nötige Stringenz, weshalb manche Argumente sich doppeln oder an Punkten vorweggenommen werden, obwohl später nochmal auf sie eingegangen wird. Im übrigen gilt auch hier: Kritik ist ein Geschenk. (mehr…)