Veröffentlichungen

Geschmacks- und Herrschaftsfragen

Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie

Dieser Text ist eine Replik auf zwei Texte von Martin Scheuringer, die in den Streifzügen erschienen sind: Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung und Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser! und ist in der Streifzüge-Ausgabe 46/2009 erschienen.
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Alles nur Systemnotwendigkeit? Die Hypo Real Estate

Vor kurzem veröffentlichte die Jungle World eine Aufsatz von mir zur Hypo Real Estate. Leider wurde an den entscheidenden Stellen eine inhaltliche Veränderung vorgenommen. Denn die Rettung der HRE zeigt m.E., dass die derzeitigen Rettungsspielereien gerade nicht in systemischen Notwendigkeiten aufgehen. Wenn den Inhaber*Innen einer Bank, die faktisch pleite ist und daher den Preis „Null“ hat noch Millionen hinterhergeworfen werden, dann vermag sich mir die systemische Notwendigkeit nicht mehr so richtig erklären. Darum hier noch mal der Text, den ich zur Jungle World geschickt habe – damit hier keine Missverständnisse entstehen…


Ende 2008 meldete die Hypo Real Estate – kurz HRE – einen Verlust von 5,5 Mrd. Euro. Dadurch sank die Eigenkapitalquote des Unternehmens auf 3,4% und damit unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Mindesthöhe von 4%. Die Bank war damit faktisch pleite. Nur 5 Monate später, im Mai 2009 verkündet der Hauptanteilseigner Flowers, er wolle die Anteile der Bank unbedingt halten, er sehe das Unternehmen vor einer rosigen Zukunft. Wie aber konnte in so kurzer Zeit aus einem konkursreifen ein scheinbar zukunftsträchtiges Unternehmen werden? (mehr…)

Ungleiche Gleichheit

Im postmodernen Kapitalismus soll alles vergleichbar sein. Neue Konzernstrategien wie etwa bei VW zielen darauf ab, die konzerninterne Arbeitsteilung dahingehend zu revolutionieren, dass ein steter Vergleich der Rahmendaten zwischen unterschiedlichen Produktionsstandorten möglich ist. Warenhausketten lagern mehr und mehr Vertriebssegmente an Tochterunternehmen oder Fremdanbieterinnen aus, falls die firmeninterne Statistik entsprechende Werte ausspuckt. Kennzahlenvergleiche und Budgetierung wurden in den letzten Jahren auch in kommunalen Verwaltungen und staatlichen Behörden eingeführt. Hier soll sich ebenfalls alles vor der Messlatte des Durchschnitts bewähren. Auch vor den Universitäten macht dieser Trend nicht Halt. Rankings zwischen einzelnen Universitätsstandorten gehören mittlerweile ebenso zum Alltag wie solche zwischen einzelnen Fachbereichen oder den Studierenden. Alles soll vergleichbar werden, doch das heißt nicht, dass alles gleicher würde.
Ganz im Gegenteil nehmen als Ergebnis dieser Prozesse die quantitativen Unterschiede zwischen den bewerteten Einheiten für gewöhnlich zu. Die Einkommensungleichheit wächst, die profitträchtigeren Unternehmensbereiche werden mehr und mehr gegenüber den weniger rentablen gestärkt und durch staatliche Förderprogramme werden die im Ranking erfolgreicheren Universitäten gegenüber den weniger erfolgreichen ökonomisch bevorteilt. Das ist kein Wunder: Denn dass ein Maßstab zum Vergleich existiert, ist eben nicht identisch damit, dass die Verglichenen gleicher würden. Das Vergleichbarmachen geht vielmehr mit einer verschärften Konkurrenz einher und beschleunigt die Sortierung zwischen denen, die mit den Spielregeln besser und jenen, die mit ihnen schlechter klarkommen. (mehr…)

So viel noch nie

Die mediale Berichterstattung über die Krise ist voller „Noch-nie“s. Dieser Kriseneinbruch toppe alles, was seit 1929 passiert sei. Noch nie seien seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die Exporte derart eingebrochen. Noch nie seit Bestehen des Ifo-Index sei dieser derart eingebrochen. Die linke Debatte nimmt das alles zwar zur Kenntnis, behilft sich aber mit traditionellen Lösungsmechanismen. Die Jungle World etwa findet es lustig und macht sich Gedanken über den „Geschäftsklimaindex unter Heroindealern“ und die „die politische Ökonomie Entenhausens“. Die Linkspartei diskutiert darüber, wie sich im Konjunkturpaket soziale Gerechtigkeit implementieren ließe und die Junge Welt fragt entlarvend, ob wohl „Nachfrage- oder Profitsteigerung“ der richtige Weg sei das System zu retten. Ganz so, als seien das nicht zwei Seiten einer Medaille. (mehr…)

Fundamentaler Krisenprozess

Immer wieder taucht die Frage auf, was denn damit gemeint sei, wenn von Krise die Rede ist. Was genau gerät da eigentlich in die Krise? Und welchen Charakter hat diese Krise? Wie verhält sie sich zu Branchenkrisen und konjunkturellen Krisen? Lässt sie sich mit der Theorie der Langen Wellen von Kondratjew erklären oder als Krise der Hegemonie herrschender Akteure, also der Vorherrschaft bislang dominanter Institutionen, deuten? Sollten wir es gar mit einer System- oder darüber hinaus mit einer Menschheitskrise zu tun haben? (mehr…)

Uni als Unterwerfungsinstanz

Julian Bierwirth

In den letzten Jahren ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen durchregiert worden. Das bislang Privateste, das Ich, wurde als ökonomische Ressource entdeckt. Der direkte Konkurrenzkampf zwischen den Einzelnen soll die Lösung sein für zunehmend enger werdende Handlungsspielräume. Alle werden zu Marktsubjekten und sollen sich selbst als ökonomische Ressource begreifen ihre kreativen und produktiven Potenziale aktivieren, sollen sich unterwerfen und zugleich aktiv einbringen, am besten so transparent und offensichtlich, dass die eigenen Bemühungen auch immer erkennbar sind.

Diese Entwicklung lässt sich auch innerhalb der Bildungsreformen nachzeichen, von denen die heutige Studienrealität geprägt ist. Die Studiengebühren etwa tragen dazu bei, dass Studierende sich als TrägerInnen von Humankapital wahrnehmen. Gleichzeitig kann so das Lernarrangement als eines der Konkurrenz organisiert werden: Studierende müssen nicht nur den Lehrstoff lernen, sondern zugleich sich als unternehmerisches Individuum zu verstehen, das seine zukünftigen Ressourcen ausbildet. Studiengebühren führen so zu einer strukturellen Isolation und Vereinzelung der frischgebackenen Kund*Innen, die gerade versuchen, zu erfolgreichen Verkäufer*Innen zu werden. Als von ihrer Umwelt abgeschlossene Einheit versuchen sie sich durchzuboxen., (mehr…)

At a place called Vertigo

Dieser Text ist zuerst erschienen im Zusammenhang 19. Der Zusammenhang ist die hochschulpolitische Zeitung des Basisdemokratischen Bündnis Göttingen.

Ein neuer Gaul wurde ins Rennen geschickt: das Vertigo. Der neue Veranstaltungs- und Partykeller unter dem Verfügungsgebäude (VG) auf dem Hauptcampus der Universität soll der ADF einen Wahlsieg bescheren und wird entsprechend im Wadenbeißer und in der AstA-Revista als das neue, heiße Projekt verkauft. Wie Sauerbier. Denn so richtig vom Hocker reißen tut der Laden wohl niemanden. Shootingstars sehen anders aus.

Kein Wunder, stammt Vertigo doch vom lateinischen „Schwindel“ ab. Ebenfalls kein Wunder dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass der Name des Clubs gleichzeitig der Titel eines Horrorfilms von Alfred Hitchcock ist. Und auch der gleichnamige Song von U2, an dem der Titel wohl gebildet sein dürfte, passt ins Programm: „Lights go down/It‘s dark/The jungle is your head/Can‘t rule your heart“. Eine Kopfgeburt, die ihren geistigen Vätern als furchtbar wilde Sache vorkommen mag und für die sich außer dem zuständigen Sachbearbeiter Andreas Redeker niemand so recht begeistern mag.

Erinnern wir uns: um die Inneneinrichtung des Ladens zu finanzieren, musste der AstA den Semesterbeitrag um 2 Euro und damit um satte 25 % erhöhen. Zusätzlich hat die Uni noch mal eine Viertelmillion Euro in den Umbau des Kellers gesteckt. Begründet wurde dieser Kraftakt mit den vielfältigen Möglichkeiten, die dieser Raum für die Studierendenschaft bereithielte. Das sah die jedoch anders und so gab es recht bald eine von fast allen Fachschaften unterstützte Unterschriftenliste, in der sie deutlich klarmachten, das der Raum für sie keinerlei Attraktivität versprühe und sie ihn wohl auch nicht nutzen würden.

Die Liste der Kritik war seinerzeit lang: die Benutzung sei für studentische Gruppen zu teuer, mit nur einem Raum konzipierte Partykeller ohnehin nur für Nichtraucher*Innen-Parties geeignet. Der AStA zeigte sich davon unbeeindruckt und setzte sein Monument dennoch unter das VG. Schon bei der Eröffnungsparty wurde auch dem AstA bewusst, dass auch in diesem Fall nicht alles Gold ist, was glänzt. Da es keine beheizte Möglichkeit zum Rauchen gab, hatte sich ein überaus renitentes Individuum die Kippe doch glatt im Keller angezündet. Woraufhin umgehend die Polizei gerufen wurde. Auch der Vorwurf, die ADF wolle den Raum nur zu ihrem Privatvergnügen bauen, hat sich in gewisser Weise bewahrheitet. Auf der Eröffnungsparty nämlich gab es Freibier – allerdings nicht für die zahlenden Gäste, sondern für eine extra geladene Clique von Hochschulpolitiker*Innen.

Und so waren alle bisherigen Veranstaltungen im Vertigo bislang auch nur unter massiver organisatorischer Hilfe aus dem AStA zustandegekommen. Das großartige Kulturprogramm, das im wesentlichen aus Kartenspielabenden wie der Doppelkopfhochschulmeisterschaft, Konzerten von UniRoyal und Erasmus-Parties besteht, versucht krampfhaft den Anschein zu erwecken, als würde der Keller von der Studierendenschaft tatsächlich genutzt.

Schlechte Umsetzung mit System

Dieser Text ist zuerst erschienen im Zusammenhang 19. Der Zusammenhang ist die hochschulpolitische Zeitung des Basisdemokratischen Bündnis Göttingen.

Im Rahmen der Bachelor-Studiengänge läuft nicht immer alles rund. Das war auch in der letzten AstA-Revista zu lesen, der recht regelmäßig erscheinenden Zeitung des amtierenden AstA. Dort hatte die ehemalige Außenreferentin Imke Buß (ADF) ihre ganz persönliche Interpretation des Bologna-Prozesses dargestellt. Die Problemeinsbesondere mit dem Bachelor seien Folgen „schlechter Umsetzung“ im Grunde positiv zu bewertender Reformideen. Wir hätten es also mit Entscheidungen zu tun, „die eigentlich nicht im Sinne des Bologna-Prozesses sind“. 1Die von den politischen Entscheidungsträger*Innen verabschiedeten Erklärungen sprechen hier jedoch eine ganz andere Sprache. (mehr…)

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Skizze zu Wertkritik und Soziologie


von Julian Bierwirth

Wertkritik als Gesellschaftskritik

In seinem Werk „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ stellt Moishe Postone die Behauptung auf, bürgerliche Individuen hätten analog zur Ware einen Doppelcharakter. Diesen macht er in ihrer Bestimmung als warenproduzierende und -tauschende Menschen aus: Einerseits sind es die Menschen, die hier ihre Gesellschaftlichkeit produzieren, die also handelnd ihre Welt einrichten. Andererseits sind sie den dadurch entstehenden Systemnotwendigkeiten unterworfen, die als scheinbare Naturgewalt auf sie einwirken. Sie sind also zugleich Subjekt gesellschaftlichen Handelns und Objekt gesellschaftlicher Verhältnisse. (mehr…)

Vergartenzwergung – Bachelor macht alles gleich

Dieser Text erschien zuerst in der hochschulpolitischen Zeitschrift des Basisdemokratichen Bündnis.

Der Bachelor kann als eine Art „Taylorisierung des Studiums“ beschrieben werden. Der Begriff Taylorisierung geht zurück auf den US-amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor (1856–1915). Taylor hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitsprozesse innerhalb von Unternehmen durch detaillierte wissenschaftliche Planung derart zu „optimieren“, dass sie möglichst schnell und reibungslos durchgeführt werden können. Für jeden Arbeitsschritt gäbe es „one best way“, einen besten Weg, um die Aufgabe zu bewältigen. Dafür musste den ArbeiterInnen das letzte Quäntchen Autonomie, das ihnen im ausgehenden 19. Jhd noch geblieben war, mittels präziser Vorgaben ausgetrieben werden. (mehr…)

Widerspruch und Praxis

Das Grundeinkommen und die emanzipatorische Linke

von Julian Bierwirth

Dass wir Kapitalismus haben, also in einer Gesellschaft leben, in der unser Leben nicht zuletzt durch selbstzweckhafte Realabstraktionen wie Arbeit und Geld bestimmt wird, ist nicht schön, aber durchaus zu ändern. Auch wenn der warenproduzierende Gesamtmoloch dazu neigt, die ihm unterworfenen Menschen tendenziell total unter seine Prinzipien zu subsumieren, so tut er dies doch niemals vollständig. Denn es handelt sich hier um ein widersprüchliches System, das genau in dieser Widersprüchlichkeit auch immer wieder Möglichkeiten zur emanzipatorischen Intervention bietet. Damit wäre dann auch die Aufgabe kritischer Theorie umrissen: den emanzipatorischen Kräften innerhalb der sozialen Bewegungen eine Analyse von den Widersprüchen mitzugeben, die diese dann nach kritischer Reflexion thematisieren können.1

Insofern ist der Kapitalismus nicht einfach nur das „Falsche“, aus dem es kein Entrinnen gäbe. Entsprechend können antikapitalistische Interventionen niemals ‚absolut‘ sein in dem Sinne, dass sie sich in ihrer radikalen Kritik zwar den RezipientInnen vermitteln, zu deren Lebensrealität aber keinen Bezug haben. Wenn die Intervention für die kapitalistisch sozialisierten Menschen überhaupt noch einen Sinn machen soll, muss sie in irgendeiner Form an deren Sein und Bewusstsein anknüpfen, muss die gesellschaftlichen Widersprüche in den Zusammenhang stellen, in den sie gehören. (mehr…)

Ganz moderne Kreuzzüge

Erschienen in Trend Infopartisan 02/2009

Religion und Kapitalismus hängen auf recht widersprüchliche Weise miteinander zusammen. Für Max Weber war die „protestantische Ethik“ eng mit der Herausbildung des Kapitalismus verbunden. Und auch für Karl Marx war das „Christentum mit seinem Kultus des abstrakten Menschen“ die der kapitalistischen Produktionsweise am Besten entsprechende Religion. Seit Marx und Weber sind nun einige Jahre vergangen. Mittlerweile war viel die Rede von einer Säkularisierung, der Zurückdrängung aller Religion in die Bedeutungslosigkeit. (mehr…)