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Braunschweig kriegt die Krise

Gestern war ich bei einer Veranstaltung in Braunschweig. Norbert Trenkle, Thomas Sablowski und Bernd Röttger waren von der Antifaschistische Gruppe Braunschweig und dem DGB-Jugend Ausschuss Braunschweig eingeladen worden, über die Ursachen der Krise zu diskutieren und Perspektiven für emanzipatorischen Protest auszuloten. Um es vorwegzunehmen: es wurde tatsächlich über die Krise geredet, nicht so wie bei dieser Veranstaltung hier:

Stattdessen ging es zunächst wie gewohnt los: Norbert Trenkle referierte recht knapp über die Ursachen der Krise, wie sie sich für die Krisis-Gruppe, der er angehört, darstellen – und wie er sie gemeinsam mit Ernst Lohoff in dem neuen Buch ,Die große Entwertung‘ dargestellt hat. Der Kapitalismus, so Trenkle, sei durch ein widersprüchliches Verhältnis charakterisiert: er sei seinem Wesen nach auf die stete Anhäufung von Arbeit (so called ,Mehrarbeit‘) angewiesen. Gleichsam zähle diese Arbeit jedoch nur in ihrem gesellschaftlichen Durchschnittsniveau, weshalb die einzelnen Kapitalien stets bemüht seien, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen. Dieser Prozess ließe sich solange recht problemlos aufrechterhalten, wie durch die Erschließung neuer Produktionssegmente die an der einen Stelle überflüssig gewordenene Arbeit an anderer Stelle wieder in den Prozess inkludiert werden kann. Dies funktioniere seit der mikroelektronischen Revolution allerdings nicht mehr, da durch sie Arbeit in einem kaum vorstellbaren Maßstab überflüssig geworden sei. Stattdessen sei das freiliegende Kapital an die Finanzmärkte geströmt und zeichne dort als Akkumulation von Fiktivem Kapital im Wesentlichen für die kapitalistische Dynamik der letzten 30 Jahre verantwortlich. (mehr…)

Das Nadelöhr

(erschienen in: Streifzüge 54/2012)

Das Bild des Jahres 2008 zeigt einen Polizisten, der mit gezogener Waffe eine zu räumende Wohnung durchschreitet. Durch die Immobilienkrise konnten viele Wohnungsbesitzer*Innen die Raten an die Bank nicht mehr zahlen – und dann kam die Polizei. Aber was ist mit den Menschen geschehen, die noch kurz zuvor diese Wohnung als ihr zu Hause bezeichnen konnten? Viele der Betroffenen konnten kurzfristig bei Freund*Innen und Verwandten unterschlüpfen. Nicht wenige von ihnen landeten jedoch früher oder später in einer der riesigen Zeltstädte, die an den Rändern vieler US-Städte für einige Zeit neben der Staatsverschuldung das einzige waren, was noch ein veritables Wachstums aufweisen konnte. Während die Wohnungen ungenutzt leerstehen, sind ihre ehemaligen Bewohner*Innen hier ungeschützt den neugierigen Blicken von Passant*Innen, Journalist*Innen, wie dem Ordnungswahn des örtlichen Polizeidepartements ausgesetzt.

Dass die Menschen nicht mehr ihre bisherigen Wohnungen bewohnen dürfen und diese nun ungenutzt vermodern, liegt nicht an ihrer mangelnden Nützlichkeit. Sie stehen leer, weil es im Kapitalismus nur bedingt darauf ankommt, dass Dinge nützlich sind und benutzt werden. Als fundamentales Problem entpuppt sich vielmehr die Vermittlung von Wohnungsbedürfnis und Wohnung. Nur wenn hinter dem Wunsch zu wohnen auch eine zahlungskräftige Nachfrage steht, wird – wirtschaftswissenschaftlich gesprochen – aus dem Bedürfnis ein Bedarf. Und nur der taucht am Markt auf und nur der ist relevant für die Ökonomie. Nachdem noch jedes Einführungswerk in die Volkswirtschaftslehre zunächst stolz verkündet, in der Wirtschaft ginge es darum, Menschen mit notwendigen Gütern zu versorgen, wird diese Annahme bereits ein paar Zeilen später dahingehend relativiert, dass es eben doch nicht um nutzbare Dinge, sondern um bezahlbare Waren geht.

Kritik und Affirmation

Zur Auseinandersetzung mit der Geldpfuscherei

In einer alten indischen Legende über die Erfindung des Schachspiels wird berichtet, der Erfinder des Spiels habe von seinem König für diese Erfindung nicht mehr verlangt als Weizenkörner. Ein Korn auf das erste Feld des Schachbrettes, die doppelte Menge auf das zweite Feld, wiederum die doppelte Menge auf das dritte Feld und so weiter. Der König, der zunächst erbost war ob der vermeintlichen Bescheidenheit des weisen Brahmanen, musste schnell einsehen, dass er sich auf einen für ihn ziemlich ruinösen Deal eingelassen hatte, da die Zahl der Weizenkörner auf den letzten Feldern des Schachbrettes astronomische Ausmaße angenommen hatte.

In leicht veränderter Fassung ist diese Geschichte auch heute noch sehr beliebt. Die Weizenkörner werden dann zumeist durch Geld ersetzt, und so verändert soll die Geschichte als Beispiel für die verheerende Wirkung von Zinseszins und nicht selten als vermeintlicher Grund allen Übels im Kapitalismus herhalten. Zins und Zinseszins sind demnach die Ursache nicht nur für die Verschuldungsspiralen der öffentlichen und privaten Haushalte, sondern haben zudem Wirtschaftswachstum und Ausbeutung zur Folge: um die Zinsen bedienen zu können, seien Unternehmen darauf angewiesen, sich dem Willen des Geldes zu beugen und ihre Unternehmenspraxis auf Profiterwirtschaftung umzustellen. Als Ausweg wird dann zumeist eine Geldreform anvisiert, durch die das Geld mittels negativer Zinsen entwertet werden soll.

In diesen Ansätzen wird von einer nicht bestreitbaren Beobachtung (der Existenz von Zins und Zinseszins und ihrer exponentiellen Vermehrung im angeführten Beispiel) begründungslos darauf kurzgeschlossen, dass dieser Mechanismus nicht nur ein Ergebnis gesellschaftlicher Prozesse, sondern vielmehr die Ursache für diese Prozesse sein soll. Im Folgenden sollen die sozio-ökonomischen Grundannahmen dieser Theorien kritisiert werden. Anhand der methodologischen und kategorialen Basisannahmen der Gesell’schen Zinskritik und der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie soll dargestellt werden, wie erstere die kritische Fragestellung der letzteren nicht einmal wahrnimmt. (mehr…)

Weiße

Gerd meinte, es sei rassistisch, Weiße als Weiße zu bezeichnen. Noah Sow hat da vor einiger Zeit mal kritisch drüber reflektiert. Hier also ihre Gedankenanregung:

Alles Scheiße

Eine werden sich noch an die Kampagne des Ums-Ganze-Bündnisses unter dem Motto „Staat Nation Kapital Scheiße – Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit“ erinnern. Zur Erinnerung habe ich noch mal ein schickes Demo-Mobi-Plakat rausgesucht:

Das klingt erstmal ziemlich einleuchtend. Fand ich zumindest. Bis ich dann auf dieses Zitat von Erich Fried aufmerksam gemacht wurde:

„Während der Studentenbewegung sagte man: „All diese Dinge: Staat, Schule, Kirche – das ist Scheiße.“ Ich würde das nicht so sagen, einerseits ist das eine Überschätzung, denn Exkremente sind ein unbedingt notwendiges Produkt des Körpers und die unbedingte Notwendigkeit der Kirche, der Schule und des Staates müßte erst bewiesen werden. Aber andrerseits sind in diesen Institutionen alle Elemente der Entfremdung, der Verfälschung und des Unrechts enthalten, je autoritärer sie sind, desto mehr.“ (Erich Fried in: Joern Schlund, „Habe Angst vor dem, der keine Zweifel kennt“ – Gespräche mit Erich Fried. Basel: Z-Verlag 1988, S. 68)

Jetzt muss ich das wohl alles noch mal überdenken…

Enteignung sozialer Kämpfe

Wie immer, wenn weiße, männliche Deutsche demonstrieren, war auch auf den Demos zu „Dresden Nazifrei“ nicht immer alles so einwandfrei, wie die naive BetrachterIn aus der Ferne das zunächst glauben könnte. Eine recht umfangreiche Kritik hat die Gruppe Karano (Kritik und Analyse rassistischer Normalität) vor kurzem auf ihrem Blog veröffentlicht. Hier wird nicht nur, aber vor allem aus der Perspektive von People of Color (PoC). Der Text spricht weitestgehend für sich und ich möchte hier nur auf eine Passage hinweisen, die eine interessante Kritikperspektive auf das sog. Pali-Tuch wirft:

„Auf der Demo haben weiße Teilnehmer_innen mit Kofiyye die Kurdistan- und die Palästina-Flagge geschwungen. Das ist eine Aneignung von Kämpfen, die vorhandene Machtstrukturen reproduziert. Das ist nicht nur rassistisch, sondern auch neokolonialistisch. Haben die Eltern weißer Demonstrierender den Krieg und die Verfolgung in Kurdistan und/oder Palästina miterlebt? Sind sie etwa selbst Kurd_innen oder Palästinenser_innen? Nein! Demnach müssen sie sich zunächst mit ihren Privilegien als Weiße in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen, eines dieser Privilegien ist es zum Beispiel nicht über Flucht- und Rassismuserfahrungen zu verfügen, die Kurd_innen, Palästinenser_innen und andere PoCs Tag für Tag erleben. Ihr wollt solidarisch sein? Dann hört auf euch unsere Kämpfe anzueignen! Solidarisiert euch ohne gleich für andere zu sprechen.“

(via Der Braune Mob)

Die Große Entwertung: Krisentheorie 2.0

Während weite Teile der linken, außerparlamentarischen Bewegung zu einer Demonstration zum ,european day of action against capitalism‘ aufrufen, ist nun das passende Buch zur Demonstration erschienen. Der Aufruf zur Demonstration gibt die Schuld an den sich vor unseren Augen vollziehenden kapitalistischen Krisenprozessen nicht einzelnen kapitalistischen AkteurInnen, sondern dem System als Ganzem. Wie genau die systemischen Ursachen der Krise jedoch beschafen sind, kann ein solcher Aufruf (naturgemäß) nicht liefern. Ernst Lohoff und Norbert Trenkle haben mit ihrem Buch ,Die große Entwertung – Warum Spekulanten und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind‘ nun auf 300 Seiten die theoretischen und empirischen Hintergründe aufgerollt, die dazu geeignet sind, die Perspektive des Demo-Aufrufes zu untermauern. Irgendwie muss die Fahrt nach Frankfurt ja schließlich überbrückt werden. (mehr…)

Die Krise im politischen Theoriediskurs

Letzten Dienstag war ich bei einer Veranstaltung in Göttingen, bei der es um „Theorie und Praxis der Krise“ gehen sollte. Auf dem Podium saßen neben einem Vertreter des Ums-Ganze-Bündnisses noch Thomas Ebermann und Thomas Seibert. Ankündigungsflyer und Mitschnitt können hier bei Bedarf heruntergeladen werden.

In Bezug auf die vorgetragenen Analysen gab es keine wirklich umwerfenden Neuigkeiten, trotzdem sind einige interessante theoriepolitische bzw. bewegungstheoretische Entwicklungen deutlich geworden. Die Beiträge und die auf sie folgende Diskussion habe ich erweitert um ein paar Eindrücke, die ich aus Gesprächen am Rande der Veranstaltung bzw. am Rande der auf sie folgenden Rave-Demo gegen den Kapitalismus geführt habe.

Um ein bisschen Struktur in die Ausführungen zu kriegen, werde ich mich an den drei Leitfragen orientieren, durch die auch die Veranstaltung strukturiert war: (1) Wie ist die Krise von ihrem Charakter her einzuschätzen, (2) Welcher Strategie folgt die Bundesregierung und (3) Was sind potentielle BündnispartnerInnen für die radikale Linke. (mehr…)

Kriminalgeschichte des Christentums

Gerade fand ich auf Youtube eine recht sehenswerte Debatte zur (Kriminal-)Geschichte des Christentums, die als Streitgespräch zwischen KirchenvertreterInnen und -gegner*Innen aufgemacht ist. Die Gegenüberstellung von Verteidigung gegen vermeindlich falsche Vorwürfe ist schon einigermaßen aufklärerisch:

Um die Methode fortzusetzen, möchte ich hier noch auf Zitate von „wahren Christen“ sowie ein Potpourrie unterschiedlicher, teils sehr skurriler Aussagen über das Christentum verweisen. Beide eignen sich übrigens auch sehr schön, um für diverse im Video getätigte Aussagen noch mal schöne Beispiele von anderer Seite zu finden. Watch & Enjoy!

Das Geschlecht der Krise

Die Krise hat ein Geschlecht. Da sie in besonderer Weise Frauen trifft, ist sie weiblich. Das zumindest meint Benni Laufer und hat darüber sogar einen Artikel geschrieben. Das ist ganz grundsätzlich sogar richtig, nur anders, als er es nahelegt. Denn das, was da in der Krise ist, ist ja „der Kapitalismus“. Und der hat nicht zum Spaß einen männlichen Artikel. Denn alles, was den Kapitalismus ausmachen soll, gilt gemeinhin als männlich: die Rationalität, der Universalismus, das aktive Vorwärtstreiben etc. Und wenn die männliche Rationalität in die Krise kommt, dann wird zuerst bei der weiblichen Emotionalität gespart: bei allem, was nach Sozialem riecht. Das dann Frauen zu KrisenverliererInnen mutieren, ist im Ergebnis sicherlich richtig. Nur liegt das eben nicht daran, dass die Krise weiblich, sondern das sie männlich ist.

Von derart unbedeutenden Kleinigkeiten mal abgesehen ist es ein unorthodoxer, aber lesenswerter Beitrag zum Weltfrauentag.

Sarrazin will Deutsche ausweisen!

Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen. Diesmal will der Deutsche ausweisen. In einem Interview gegenüber der BILD-Zeitung sagt er:

„Wer bei uns lebt, muss auch die grundsätzlichen Werte des westlichen Abendlandes akzeptieren, die sich auf Religionsfreiheit, Gewaltverzicht und die Gleichberechtigung der Frau beziehen. Das haben wir nicht ausreichend verdeutlicht und eingefordert.“

Es soll also, nehmen wir Sarrazin beim Wort, nicht sein, das sich Menschen hinstellen und bestimmte Religionen für wichtiger halten als andere oder etwa fordern, alle Menschen hätten sich an die Wertmaßstäbe einer bestimmten Religion anzupassen. Nehmen wir beispielsweise Innenminister Friedrich. Der hat sich vor einem guten Jahr hingestellt und diesen Satz gesagt:

„Die Prägung des Landes, der Kultur aus vielen Jahrhunderten, der Wertmaßstäbe, ist christlich-abendländisch.“

Soetwas, stellt Sarrazin also klar, will er in Deutschland nicht mehr sehen. Genauso wie etwa die folgende Aussage des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl nunmehr jenseits von gut und böse ist:

„Das Gewaltmonopol des Staates darf nicht angetastet werden. Wer dies versucht, muss die ganze Härte des Staates zu spüren bekommen“

Kohl spricht sich hier ganz klar und eindeutig für Gewalt aus. Und damit sie besonders effektiv ausgeübt werden kann, möchte er sie innerhalt einer speziell dafür geschaffenen Instanz („Staat“) angesiedelt sehen. Damit allerdings soll nun Schluss sein, sagt Sarrazin. Keine Gewalt!

Und – last but not least – ist auch die „Gleichberechtigung der Frau“ ein wesentlicher Pfeiler der Politik von Sarrazin. Hier sind nicht nur Leute angesprochen wie Eva Hermann, die von einer „heilen Familie“ mit kochender Hausfrau träumen, sondern nicht unwesentliche Teile der deutschen Bevölkerung:

„So ergab eine Umfrage der Online-Partnervermittlung ElitePartner.de unter 5850 allein lebenden Männern, dass 83 Prozent von ihnen sich die kluge Frau am liebsten doch hinter den Herd wünschen. Karriere ja, aber Rollentausch im Falle eines Babys: ein deutliches Nein! „

Sarrazin hat sich also einiges vorgenommen, wenn er seine Ansprüche umsetzen will. Warum er mit der BILD-Zeitung im weiteren ausschließlich über Migrant*Innen mit muslimischem Glauben spricht, erschließt sich mir nicht. Von der Studie, auf die sich das Interview bezieht, kann jedenfalls nicht viel zu halten sein, wie Sarrazin selbst betont: „Die Studie zeigt wie mein Buch, dass ( … )“ So, die Studie zeigt also ungefähr soviel wie sein Buch? Also nix, außer der Beschränktheit der Autorin? Dann können wir uns ja entspannt zurücklehnen….

Muss es die Klasse sein, die kämpft?

earendil hat in einem Kommentar die Frage aufgeworfen, was denn diese Kritik an Personalisierungen immer solle und ab da nicht die berechtigten Momente des Klassenkampfes hinten runterfallen:

Grundsätzlich kann ich aber die wertkritische Aversion gegen alles, was nach personalisierter Kapitalismuskritik riecht, nicht verstehen. Die Konzentration auf die allgemeinen Formprinzipien des Kapitalismus darf nicht den Blick auf die Klassenherrschaft verstellen, und es darf auch nicht jede Wut auf die herrschende Klasse oder auch konkrete Vertreter_innen davon als Vernichtungswunsch denunziert werden.

Leider komme ich grade nicht dazu, das ausführlich zu kommentieren, aber eine erste Idee, warum das so ist, gibt vielleicht dieser wenn auch sehr improvisierte Einführung in diese Fragestellung, die Norbert Trenkle mal auf dem Um’s Ganze-Kongress gehalten hat und der auch hier heruntergeladen werden kann:

In diesem Sinne möchte ich also in keinster Weise die Notwendigkeit sozialer Kämpfe in Frage stellen – die ergibt sich ja bei der Alternative von Emanzipation und Barbarei fast von alleine. Es bleibt eben nur die Frage, warum es denn unbedingt die Klasse sein soll, die da kämpft. Und wogegen sie denn kämpfen sollte, wenn sie dies schon als Klasse tut. Und ob das Bild dahinter nicht ein bisschen einfach ist und übersieht, dass Kapitalismus eben nicht einfach zwischen oben und unten verläuft und die Menschen sich fein säuberlich auf zwei Seiten der Barrikade aufstellen. Sondern das Herrschaft eine etwas kompliziertere Sache ist, die mitten durch die Subjekte hindurchgeht und deshalb zu ihrer Überwindung mehr braucht als die „Wut auf die herrschende Klasse“.

Und, auch das nur nebenbei, den Vernichtungswunsch brauche ich ja gar nicht zu erfinden. Den schreiben die Autor*Innen des traditionellen Marxismus ja seit jahrzehnten selber und teilweise wortwörtlich in ihre Texte hinein. Und zwar mit einer Kontinuität, die einigermaßen erschreckend ist.

The evil is always and everywhere

(Motto frei nach der 1. Allgemeinen Verunsicherung)

Drei mal habe ich nun schon in der Sache Schramm geschrieben. Eine Frage ist nun in dieser Auseinandersetzung offen geblieben, die allerdings ein weites Feld aufstößt: die Frage nämlich, was denn an dem Kritik-Konzept von Georg Schramm und dem, was er an der Wirtschafts- und Finanzkrise zu krititisieren hat, schlichtweg analytisch falsch ist. Das Ansinnen ist sicherlich nicht ganz unproblematisch, da einen Kabarettisten an politischer Theorie zu messen immer auch die Ansprüche der politischen Theorie (die Welt zu erklären) auf die Ansprüche des Kabarett (die Welt auf scharfzünnig-witzige Weise zu kritisieren) überträgt. Doch mir scheint, das die vom Kabarett ja durchaus angestrebte Gesellschaftskritik sich durchaus daran messen lassen muss, ob sie etwas mit der Realität zu tun hat. Sonst hieße es ja Science Fiction(mehr…)

Der autoritäre Mob

Es gibt Zitate, würden sie nicht gepostet, müsste mensch sie erfinden. Aber sie werden wirklich gepostet. In der Kommentarspalte. Hier auf diesem Blog. Und weil es so schön ist, hier ein Best-Of.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Ausgangssituation: Ich hatte auf einen deutschen Kabarettisten hingewiesen, der gegen explizit nichtchristliche „Geldverleiher“ polemisiert hatte, die er als „parasitär“ bezeichnet hatte, weil sie sich in einem „Wirtstier“, das sind nämlich „wir“, eingenistet haben. Meine Frage, ob das irgendwas mit Antisemitismus zu tun haben könnte, blieb bis zum Ende der Diskussion heißumstritten. Eine inhaltliche Einordnung zu der Frage, die ich einen Tag später verfasst habe, ist derweil bislang unbeantwortet geblieben. (mehr…)