In der linksliberalen Wochenzeitschrift „Freitag“ gibt es seit einigen
Monaten eine recht spannende Diskussion. Unter der Überschrift „Utopien
Konkret“ ringen diverse AutorInnen nach Antworten auf die Frage, was
denn anders gehen muss wenn es besser werden soll. Am 20. August
versuchte dann auch Christoph Spehr die Frage der Utopie in Bezug auf
das von ihm entwickelte Konzept der „Freien Kooperation“ ein wenig
greifbarer zu machen, als es ihm bislang erschien.

Obgleich sich der Text – wie von Christoph Spehr nicht anders gewohnt -
sehr gut und flüssig lesen lässt, macht Spehr darüber hinaus
tragischerweise nicht (mehr?) viel richtig. Er bleibt sogar hinter seinen
eigenen Einwänden gegen utopische Zukunftsentwürfe zurück. Soziale
Utopien, hieß es noch in „Gleicher als andere“, dürften nie wieder so
sein wie die „8-Uhr-Nachrichten“. Diesmal sind sie das – trotz leichter
Erzählweise – irgendwie doch wieder. Da hilft auch kein guter
Nachrichtensprecher.

Hab keine Angst vor Dunkelheit
frag nicht wohin wir gehen

Spehr beginnt sein Essay mit der Feststellung, das es so nicht
weitergehen könne. Weder der neoliberale Sozialterror noch keynesianisch
abgefederte Sozialpolitik seien in der Lage, den Menschen im beginnenden
21. Jahrhundert eine emanzipatorische Perspektive zu bieten. Denn würde
der Standort nicht beständig neoliberal modernisiert, so die nicht
völlig falsche Feststellung, könne das Kapital die Fliege machen und den
entrüstet dreinblickenden Keynesianer vor eingefallenen Fabrikschloten
zurücklassen. Kein Wunder, so Spehr , leben wir doch in einer
globalisierten Welt, in der konkurrierende Privatinteressen mehr oder
minder nach Belieben nach ihrem individuellen Vorteil streben und sich
wenig darum scheren, ob die Menschen da was von haben.

Die Lösung für das Dilemma liegt für ihn nach dieser Analyse dann auch
schon auf der Hand: gäbe es eine „gesellschaftliche Kontrolle
unternehmerischer Entscheidungen“, wäre die Sache noch zu retten. Es
werde also der Zeitpunkt kommen – visioniert der gewiefte Utopiker – das
die Menschen ihre Beteiligung an den Entscheidungen, die sie betreffen
einfordern und deshalb gesellschaftlich mit dem „Eigentumsprivileg
brechen. Und dann – zackzack – ab in die Freie Kooperation. Diese
zeichnet sich dann für Spehr dadurch aus, das im Grunde alles so weiter
läuft wie bislang. Nur das eben durch veränderte Einflussmöglichkeiten
auf die gesellschaftlichen Richtgrößen alle Menschen frei und gleich an
den Entscheidungen beteiligt würden. Die Frage, inwieweit es überhaupt
Einfluss auf Entscheidungen geben kann, wenn selbige doch nur mittelbar
über abstrakte Prinzipien wie die Geld und Wert ablaufen, stellt er sich
dabei nicht wirklich.

Dabei ist sich Spehr durchaus darüber im Klaren, das seine Forderung,
den Einfluss auf das Privateigentum zu vergesellschaften, nicht mit
einem Schielen auf staatssozialistische Überlegungen gleichgesetzt
werden darf. Es ginge heute, so Spehr, nicht darum, „die
Verwertungsaufgabe dem Staat zu übertragen“, sondern „mit der
Vergesellschaftung der Ökonomie ernst zu machen“. Schon die Wortwahl
zeigt: Ökonomie als „erweiterte(…) Reproduktion“, wie er das nennt,
ist mit Verwertung gleichzusetzen. Eine gesellschaftliche Reproduktion
jenseits von Ware, Geld und (wie ich zu zeigen beabsichtige) Staat liegt
ihm fern. Die Waren- und Geldform wird vielmehr als naturgegeben
anerkannt und ontologisiert: sie gilt als das ewige, was immer da war
und auch immer da sein muss. Und das derzeit nur nicht zum Besten der
Menschen eingesetzt werden kann, weil deren Einfluss auf die anstehenden
Entscheidungsprozesse zu ungleich sei: die einem könnten schalten und
walten wie ihnen beliebt, die anderen wären in den Arsch gekniffen.

Diese Annahme macht dem gelernten Historiker Spehr keine Ehre. Ist die
Waren- und Geldwirtschaft doch nichts überhistorisches, sondern etwas -
vor gar nicht allzu langer Zeit – gewordenes. Sicherlich gibt es so
etwas wie vereinzelten Warentausch oder die Nutzung von Geld schon sehr
lange. Nur waren die eben nie gesellschaftlich derartig durchgesetzt und
vorherrschend, das sie gesellschaftliche Prozesse und so mannigfacher
Form bestimmen, wie das heute der Fall ist. Selbst das Denken des
kritischen Theoretikers ist derart von ihnen bestimmt, das er sich seine
Utopie schon nicht mehr ohne sie denken kann.

Wir stolpern einfach vorwärts
durch ein weiteres Jahrzehnt

Den weiteren Gang der sozialistischen Geschichte erzählt Spehr anhand
von einigen ausgesuchten Projekten. Da wäre beispielsweise der „Verlag
Meyer & Marx“, dem es ganz gut ergangen ist im letzten Jahr: „Wir haben
uns eine neue Computeranlage geleistet. Überschüsse am Ende des
Bilanzjahres hätten wir eh nicht behalten dürfen, sondern an die Kommune
abführen müssen – alle Unternehmen arbeiten non-profit, und alle
Unternehmen sind Kooperativen.“

Den erwirtschafteten Überschuss hat dieser Betrieb also in eine
Verbesserung der hauseigenen Produktionsmittel gesteckt. Dieser Vorgang
wird dazu führen, das der Betrieb im nächsten Jahr kapitalproduktiver
arbeiten kann. Was dazu führen wird, das der Überschuss im nächsten Jahr
noch größer werden kann um dann wiederum in immer neue, verbesserte
Produktionsmittel investiert zu werden. Dieses Prinzip nennt sich
„Verwertung“ (siehe oben) und wird auch nicht dadurch besser, das sie
jetzt unter „gesellschaftliche(r) Kontrolle“ steht. Das der Reingewinn
nach Investitionen zu vollen Teilen an die Gemeinschaft abgeführt wird,
ändert daran auch nicht viel. Ziel der Veranstaltung war schließlich
nie, den individuellen Gewinn individueller Kapitalisten zu vergrößern,
sondern dem irrationalen Selbstzweck, aus einem Euro (der bei Spehr nur
noch „Einheiten“ heißt) zwei zu machen, nachzukommen. Das wird dann auch
dadurch nicht besser, das sich der ganze Schmonz jetzt „non-profit“
nennt. Und überhaupt: ginge es danach, wären wohl auch schon heute alle
Unternehmen, die keinen Gewinn mehr „vor Steuern“ auszuweisen haben, im
„non-profit“ – Sektor unterwegs. Und ich habe so ein bisschen meine
Zweifel, das uns diese Kategorisierung so unheimlich weiterbringen wird.

Mit vollem Bauch und leerem Kopf
auf einem Auge blind

Diese eben angesprochene Kontrolle von unten sieht dann wie folgt aus:
„Das gesellschaftliche Kapital gehört allen. Genau genommen gehört von
dem Bestandskapital (.) die Hälfte der Kommune und die Hälfte den
Individuen.“ Die erste Hälfte, die der Kommune gehört, wird von dieser
auf die unterschiedlichen, zur Kommune gehörigen Kooperativen verteilt.
Da kommt es natürlich durchaus mal zu Rangeleien, denn bei unserer
Meyer’schen Kooperative „sind wir ( . ) mit 4,3 Einheiten ausgekommen.
Aber das wird künftig nicht mehr reichen, um uns auf der neuen,
erweiterten Basis zu reproduzieren. Wir brauchen die fünf vorm Komma.
Und das heißt, wenn wir an dieser Stelle vereinfachend annehmen, dass
der Gesamtbestand gleich geblieben ist: Irgend eine andere Kooperative
müsste weniger bekommen“.

Und die ist auch schnell gefunden: die Damen und Herren in der
chemischen Industrie nämlich haben „sehr viel Zeit für die Entwicklung
innovativer Verfahren“ investiert. Und durch deren neue
Produktionsverfahren sinkt (!) jetzt ihr Bedarf an Fixkapital. Wir
stellen uns das also vor: die Individuen dieser Kooperative (sie heißt
übrigens „Collective Chemo“) verausgaben Tag ein Tag aus Arbeit für die
Entwicklung und Produktion neuer technischer Anlagen. Durch diese
geleistete Arbeit entsteht nun aber im Spehr’schen Sozialismus, der doch
auf Ware und Geld aufbaut, nicht etwa eine größere Wertmasse, sondern
eine Kleinere. Wahre Teufel, diese Sozialisten!

Da fragen wir uns allerdings mal kollektiv, warum nicht auch die
Meyer’sche Kooperative einfach neue Dinge entwickelt – schließlich würde
dann auch ihr benötigter Kapitalanteil sinken. Wie übrigens ohnehin
viele Rechenbeispiele in seinem Text eher vage bleiben. Worin genau die
beschriebenen Einheiten bestehen – ob in laufenden Mitteln oder in
festem Kapital – bleibt unklar. Und wie sich das ganze dann zu dem im
letzten Jahr investierten Geld verhält – don‘t know. Aber was soll’s -
Sinn scheint das Ganze ohnehin nicht wirklich zu machen.

Auf der Suche nach Zufriedenheit
und irgendeinem Sinn

Über das Kapital, das dann am Ende im Betrieb landet, wird schließlich
per Abstimmung innerhalb der Belegschaft entschieden. Die jeweilige
Ausgestaltung der internen Betriebsabläufe wird dann von der jeweiligen
Kooperative bestimmt. Der Pluralismus sozialistischer Art lässt viele
Betriebsformen zu – solange sie sich nur an die eine goldene Regel
halten: alles tun, aber nicht das Prinzip von Wert und Verwertung in
Frage stellen.

Das dieser Verwertungssozialismus nicht ohne Lohnarbeit auskommen mag -
und das auch nicht schlimm findet – ist dann schon fast eine
Selbstverständlichkeit. Alle bekommen dabei (immerhin) einen
„Einheitsstundenlohn“, können also durch die Menge der geleisteten
abstrakten Arbeit“ (Marx) entscheiden, wie viel sie am Monatsende im
Geldsäckel haben wollen. „Der Philosoph,“ so großzügig ist man, „der
Zeit für seine privaten Studien haben will, kann sich auf einen
Teilzeitjob zurückziehen, wenn er mit dem entsprechend geringeren Gehalt
auskommt.“ Damit er auf alle Fälle nicht verhungert, wird die Hälfte des
Einheitslohnes von der Kommune gezahlt, als eine Art Grundeinkommen
sozusagen. Das kriegt jede und jeder, unabhängig davon, ob er oder sie
arbeitet. Das wäre immerhin Sozialhilfeniveau. Ein Hoch auf die
sozialistische Einheitsfront!

Wir sind auf dem Weg
in eine neues Jahrtausend
bald werden Wunder am Fließband hergestellt

Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Arbeit wird dadurch natürlich
nicht einmal im Ansatz in Frage gestellt. Wer nicht arbeitet, soll zwar
nicht hungern, aber immer am gesellschaftlichen Existenzminimum
herumdarben. Es sei denn, er oder sie kann „aus gesellschaftlich
anerkannten Gründen nur reduziert arbeiten“, dann wird die Kommune den
„betrieblichen Teil des Einheitslohns“ dazuschießen. Die Teilung in
Erwerbsarbeit auf der einen und Freizeit auf der anderen Seite wird
jedenfalls auch im Spehr’schen Sozialismus nicht angegangen. Ebenso
spielt die Spaltung der Gesellschaft entlang von Tätigkeiten, die der
Sphäre der Wertverwertung angehören (und entsprechend von den
Kooperativen finanziert werden) und Tätigkeiten, die darin nicht
aufgehen und entsprechen abgespalten werden (Hausarbeit,
Kinderbetreuung, Altenpflege, Liebe, Sex und dergleichen mehr) keine
Rolle. Da spielt auch die nachträgliche (politische) Anerkennung dieser
Tätigkeiten keine besondere Rolle mehr. Die postmodernen Metamorphosen
des Patriarchats kennen viele Wege – und lassen sich wohl kaum durch
eine nachträgliche, oberflächliche Anerkennung der ach so wichtigen
Tätigkeiten austricksen.

Auf dem Weg in ein Neues Jahrtausend
über Nacht wird alles anders sein
eine schöne neue Welt

Ausgezahlt wird der Anteil der Kommune durch die vorher erhobenen
Steuern. Wir ahnen schon, was jetzt kommt: „Der betriebliche Anteil muss
erwirtschaftet werden.“ Und dann muss er eingezogen werden – von einer
entsprechend dafür zuständigen Instanz. Die sich bei der Gelegenheit
auch gleich um die aufkommenden Rechtsstreitigkeiten (was passiert, wenn
sich eine Kooperative oder eine Einzelperson nicht an gemachte
Vereinbarungen hält?) oder die in Konkurrenzgesellschaften nicht
unüblichen Gewaltakte kümmern kann. Was diese Institution dann noch von
einem Staat unterscheiden soll und wo in ihr der zivilisatorische
Fortschritt gegenüber dem altbekannten Staatssozialismus besteht, bleibt
- zumindest mir – unklar.

Spehr hingegen sieht das anders, denn immerhin „wird auch der Staat als
Vielzahl von Kooperativen organisiert“, der darüber hinaus ohne festes
Personal auskommt: „Man weiß, welche Aufgabe was kostet, und fällt
Entscheidungen: gesellschaftlich, individuell, kollektiv.“ Konflikte
scheint es nicht zu geben in dieser Gesellschaft, es muss sie wohl
jemand an der Tür abgegeben haben. Aber nein – da steht ja keiner: „Es
existiert kein stehendes Heer von Verwaltungsbeamten“ Tja, schade
eigentlich.

Es ist ein Reich der Träume
in dem Milch und Honig fließt

Und last but not least soll das Ganze eine völlig andere Logik als die
des Kapitalismus sein: „Profitmaximierung macht keinen Sinn.
Verbesserung der Produktion, Innovation, Motivation, gutes Wirtschaften
machen dagegen sehr wohl Sinn – für die Individuen und für die
Kooperativen.“ Lieber Christoph, jetze mal im Ernst: Verbesserung von
Produktion durch Innovation, die Motivation der MitarbeiterInnen zu
immer besseren Leistungen, alles, was eben „gutes Wirtschaften“ ausmacht
- darum geht es doch im Kapitalismus, oder? Nicht Profitmaximierung als
Ziel zeichnet den Kapitalismus aus. Sondern die immer weiter
fortschreitende Wertverwertung (Das dazu natürlich hohe Gewinne eine
gute Voraussetzung darstellen, will ich gar nicht abstreiten. Nur geht
es letztlich eben nicht um die). Das heißt: die Kohle wird nicht
verfressen, sondern wieder investiert. Ob das private Kapitaleigner
machen oder Kollektive ist dabei erstmal egal. Karl Marx schrieb im
Vorwort zum ersten Band des Kapitals, er würde die Bilder vom
Kapitalisten zwar in dunklen Farben zeichnen, das gelte jedoch immer nur
für den Menschen in seiner Systemfunktion.

in dem alle Menschen glücklich sind
und jeder jeden liebt

Das wusstest auch du schon mal, lieber Christoph, als du über Aliens
geschrieben hast: „Ihre Stärke ist, dass sie sich nur um die Erhaltung
ihrer Herrschaft kümmern. Sie verwenden die Verfügungsgewalt, die ihnen
als herrschender Gruppe zufällt, nicht, um sich selbst etwas Gutes zu
tun, sondern nahezu hundertprozentig für die Reproduktion ihrer
Herrschaft. ( . ) In vergangener Zeit bauten sich die Herrscher gewagte
Schlösser und lebten in verwegenem Luxus; Bill Gates baut sich ein Haus,
dessen höchste Raffinesse ein Kühlschrank ist, der automatisch Dosenbier
nachbestellt.“ (Spehr: Die Aliens sind unter uns. Müchen 1999)

Apropos Aliens: auch die Legitimationsideologien, die zur
Aufrechterhaltung des Ganzen aufgefahren werden, sind ziemlich wumpe:
das dies alles nicht anders ginge, zum Besten der Menschen sei und
dergleichen mehr ist nicht nur Ideologie, sondern eine ganz progressive
zudem: „Aber wir wollen nicht klagen. Das wäre in unserer neuen Welt
auch eine lächerliche Haltung, denn aus der Last, „sich neu
aufzustellen“, wie es früher einmal hieß, ist uns eine Lust geworden.“ -
spricht der gute Mensch von „Meyer und Marx“. Und wenn wir ganz genau
hinkucken, sehen wir unter dem Tisch einen kleinen grünen Schwanz
herauskucken. Und überhaupt, warum liegen hier eigentlich so viele
Pizza-Kartons rum? Und die toten Kühe? Naja, ein Glück das wir unsere
Tierärztliche Kooperative haben, die kann die Tiere gleich mal wieder
zusammenflicken.

Alle nichtgekennzeichneten Zitate sind aus dem Text „In der Welt von
Meyer & Marx
“ von Christoph Spehr von der im Freitag veröffentlichten
Version.

Die Zwischenüberschriften sind aus dem Song „Alles wird gut“, der 1990
von den „Toten Hosen“ veröffentlicht wurde.