Kurt von Figura outet sich als analphabetischer Anti-Humboldt

Im März 2004 hat die „Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen“ eine Forschungsevaluation zum Politikwissenschaftlichen Seminar in Göttingen und anderen niedersächsischen Universitäten veröffentlicht. Über die Parteienforschung am Politikwissenschaftlichen Seminar in Göttingen heißt es dort, die Forschungen dieser Teildisziplin würden „ein beachtliches Qualitätsniveau“ zeigen und „national wahrgenommen“. Insgesamt hätte der „Standort Göttingen“ von allen niedersächsischen Standorten die besten Chancen, „mehr Internationale Sichtbarkeit“ zu gewinnen. Über den Lehrstuhl der politischen Theorie ist dort vermerkt, dieser solle weiter „unterstützt werden“.

Als Reaktion auf diese Evaluation hat der Präsident der Universität Göttingen erklärt, er wolle die Politikwissenschaften schließen, da sie „nur Mittelmaß“ seien. Um im Internationalen Wettbewerb mithalten zu können sei es wichtig, Forschungsschwerpunkte zu bilden: in Göttingen solle die Soziologie, in Hannover entsprechend die Politikwissenschaften gestärkt werden. Von einer Stärkung der Politikwissenschaften in Hannover ist nun leider niemanden etwas bekannt, und neue Stellen für die Göttinger Soziologie sind auch nicht eingeplant.

Naturwissenschaftliche Forschungsexzellenz

Das erklärte Ziel des Biochemikers Kurt von Figura ist es, aus Göttingen eine naturwissenschaftliche Forschungsuniversität mit nur noch 16.000 Studierenden zu machen. Er folgt damit einem allgemeinen Trend: an nahezu allen deutschen Universitätsstandorten werden gerade die naturwissenchaftlichen Kapazitäten ausgebaut und gestärkt – in der Hoffnung damit einen „Wettbewerbsvorteil“ zu erlangen. Wie groß der Wettbewerbsvorteil dann noch sein kann, wenn doch alle dasselbe tun, kann sich jede und jeder an den eigenen Fingern abzählen.

Doch nicht nur bei der Wahl der zu fördernden Wissenschaftsbereiche gilt das naturwissenchaftlich-positivistische Forschungsideal: auch in Fächern wie den Sozialwissenschaften ist es ihm wichtig, dass eine strikte Ausrichtung am empirisch-kooperativen Forschungsmodus der Naturwissenschaften erfolgt. Dass sei in den Göttinger Politikwissenschaften nicht der Fall. Da würden nur Bücher gelesen die ganze Zeit.

Wilhelm von Humboldt, der Vater des neuhumanistischen Bildungsideals, würde sich im Grabe umdrehen: ging es den Neuhumanisten noch darum, eine autonome Auseinandersetzung des Einzelnen mit seiner Umwelt einzufordern, so ist davon beim fleischgewordenen Anti-Humbold aus Göttingen nicht mehr viel zu merken: ihm geht es lediglich um eine an kurzfristigen ökonomischen Interessen ausgerichtete wissenschaftliche Forschung.

Sozialwissenschaften als Teil der Demokratie

Der oben erwähnte Trend, Sozial- und Geisteswissenschaften zugunsten naturwissenchaftlicher Schwerpunkte abzuwickeln, spricht eine unangenehme Wahrheit über die herrschende politische Lage aus: Die gesellschaftliche Aufgabe der Sozialwissenschaften ist es, die Selbstreflektion dieser Gesellschaft über ihre aktuellen Dynamiken und Entwicklungen zu ermöglichen. In dem Maße wie soziale Prozesse ohnehin als „naturgegeben“ und alternativlos akzeptiert werden, wird die Reflektion über diese Prozesse zurückgeschraubt.

Das Ganze ist nicht unproblematisch: wenn mit den Sozialwissenschaften wesentliche Momente gesamtgesellschaftlicher Reflektion zurückgefahren werden, wenn damit demokratische und transparente Debatten um gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten verunmöglicht werden, dann weißt dieser Trend massiv antidemokratische Züge auf. Diesen Trends gilt es, sich entschlossen entgegenzustellen. Wenn von Figura dazu das Rückrad fehlt, dann hat er auf dem Posten des Universitätspräsidenten nichts mehr verloren und sollte sehen das er ihn schnellstmöglich für couragiertere KollegInnen freimacht.

Biologismus als präsidiale Strategie

Da passt es dann auch, das von Figura seine Ausführungen während einer öffentlichen Fakultätsratssitzung im ZHG 010 immer wieder mit Metaphern aus der Biologie untermalte. Die Sowi-Fakultät so wie sie derzeit existiert sei „biologisch“ nicht „überlebensfähig“. Die schwachen Stellen müssten „ausgemerzt“ werden. Auch bei anderen Anlässen vergleicht er die Universität immer wieder mit einem lebenden Organismus, der mittels seiner bio-chemischen Spezialkenntnisse blühen und gedeihen soll.

Die Sprache verrät, wessen Geistes Kind diese Denke ist. Das darf so nicht unwidersprochen bleiben! Wer sich derart äußert und gleichzeitig Reflektion autoritär von oben verbieten will, muss deutlich gesagt bekommen, das solche Aussagen spätestens seit 1945 an deutschen Universitäten nichts mehr zu suchen haben sollten.

Der Unipräsi als Freund des gemeinen Studi

In seiner Außendarstellung agiert Figura jedoch nicht als der technokratische Anti-Humboldt, der er ist. Er stellt sich vielmehr als Verteidiger des Guten und Gerechten dar. Er könne nicht garantieren, so sein Argument, das die B.A.-Studiengänge Politik, Pädagogik und Sportwissenschaft tatsächlich ordnungsgemäßg durchgeführt werden, da die Anzahl der beteiligten Lehrstühle einfach zu gering sei. Deshalb wolle er die entsprechenden Studiengänge nicht einrichten lassen.

Was es trotzdem noch geben soll, ist ein B.A. für das Sport- und Politik-Lehramt.In Politik sieht das dann so aus, das zwei Lehrstühle (einer für Didaktik und einer für Allgemeine Politikwissenschaft) den gesamten Lehrbetrieb schmeißen sollen. Das entlarvt das Argument von der Nicht-Durchführbarkeit von Studiengängen als Farce: durch die geplanten Kürzungen wird nicht nur die Fächerauswahl reduziert, der übrigbleibende Studiengang wird auch maximal unattraktiv für potentielle Studierende werden. Damit steht dann der weitergehenden Abwicklung nichts mehr im Wege. Das Argument wird dann lauten, der Lehramts-B.A. ließe sich ja gar nicht ordentlich studieren.

Organisatorisch sollen diese beiden Lehrstühle der Soziologie angegliedert werden. Womit die „Stärkung der Soziologie“ in personeller Form bereits ziemlich exakt umrissen wäre. Was bleibt, ist ein abgeschmackter Zynismus: erst wird an allen Ecken und Enden an der Lehre gespart, und wenn dann überraschenderweise die übriggebliebenen DozentInnen mit den steigenden Studierendenzahlen völlig überfordert sind, wird das zum Anlass genommen sie gleich ganz wegzustreichen.

Im pädagogischen Seminar soll lediglich der Bereich erhalten bleiben, der sich um die empirische Schulforschung kümmert. Die SchulforscherInnen sollen dann allem Anschein nach auch die pädgogische Ausbildung der Lehramtsstudierenden übernehmen. Ein Wahnsinn, sind es doch nicht in erster Linie empirisch-sozialforscherische Kenntnisse, die angehende LehrerInnen für ihren Job brauchen.

Wer kommt als näxtes?

Nun hoffen einige, das damit wenigstens die Ethnologie und die Soziologie aus dem Schneider wären. Das wird wohl aber nicht so kommen. Schließlich ist die Politikwissenschaft nicht die erste Institution aus der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die dran glauben soll. Das Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft wurde bereits erfolgreich entsorgt, das Zentrum für Europa- und Nordamerikastudien ebenfalls.

Wenn Figura dann auf der Fakultätsratssitzung anmerkt, Göttingen würde sich ja noch so viele Orchideenfächer leisten und betont: „Dafür müssen wir uns immer wieder rechtfertigen.“, dann heißt das nichts Gutes. Machen wir uns also nichts vor: auch weite Teile der philosophischen Fakultät passen nicht in ein naturwissenschaftlich-medizinischens Universitätsprofil.

Watt mutt datt mutt: Widerstand!

Figura hat bereits mehrfach gezeigt, das ein rationaler, demokratischer Diskurs mit ihm nicht möglich ist. So hat er beispielsweise bei einer Sitzung des Studierendenparlamentes im Juni betont, das es keine Pläne gäbe, am Status der Politikwissenschaft etwas zu ändern. Nun beruft er sich auf eine Evaluation von Anfang 2004 um sie zu schließen. Mir dünkt, da stimmt was nicht.

Die Strategie der berühmten drei Affen hat ausgedient: Schon zu lange wurde nach dem Motto „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ gehandelt. Bereits seit einem halben Jahr weißt die Basisgruppe Sozialwissenschaften darauf hin, das es weiten Teilen der Fakultät bald an den Kragen gehen könnte. Bislang gab es von seiten der Professorenschaft nur den beschwichtigen Hinweis, man solle es nicht herbeireden. Auch im Hochschulreferat des AStA wurden entsprechende Hinweise stets als linke Paranoia abgetan. Nun brauchte nichts herbeigeredet werden und der Wahn war auch keine linke Paranoia, sondern ist schlicht materielle Realität geworden. Das zeigt: so kommen wir nicht weiter!

Was es deshalb jetzt braucht, ist massiver politischer Druck. Schöne Worte werden kaum helfen. Wenn ein bornierter Technokrat sich ersteinmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann wird ihn blümchenpflücken und baden für die Bildung kaum davon abhalten. Das findet er maximal komisch. Es wird sich zeigen, ob sich nicht Aktionsformen finden lassen, die er weniger komisch findet.