Von wem stammt dieses Zitat? Nein, es ist nicht der Göttinger Uni-Präsi Kurt von Figura, auch wenn der zeitweise mal zu billigen Biologismen neigt. Und es ist auch nicht von Jörg Haider, Udo Voigt oder Torsten Scharf, also von jemandem, dessen Rassismus gesellschaftlich geächtet wird. Es stammt vielmehr vom ehemaligen Bundespräsidenten Lübke. Und es wurde auch nicht als Rassismus, sondern als Dummheit bewertet.

Nun ist dies Zitat schon etwas älter, von 1962. Trotz allem taucht so etwas wie „Rassismus“ immer wieder auf. Etwa in der Fußball-Oberliga in Sachsen. Dort nämlich kam es während des Spiels von Sachsen Leipzig gegen den Halleschen FC zu derart krassen rassistischen Ausfällen gegen den Nigerianer Adebowale Ogungbure, das sich sogar die FIFA genötigt sah, sich einzumischen. Die Zeitungen berichteten und alle waren sich einig: So kann das nicht laufen!

Aber es bleibt nicht bei verbalen Ausfällen. Immer wieder lesen wir in den Medien von rassistischen Übergriffen. Erst am 16. April wurde in Potsdam ein dunkelhäutiger Mensch mit deutschem Pass lebensgefährlich verletzt. Genaue Zahlen über die Häufigkeit solcher Übergriffe gibt es nicht. Oftmals werden Vorfälle nicht als rassistische Gewalttat deklariert, da sich nach Meinung der Polizei das nicht „einwandfrei nachweisen“ ließe.

Der traditionelle Rassismus

Obwohl sich alle über die Verwerflichkeit von Rassismus schnell einig sind (Ein interessantes Phänomen. Selbst die NPD spricht sich gegen Rassismus – und auch gegen Antisemitismus – aus), fällt es doch immer wieder schwer genau zu sagen, was Rassismus eigentlich ist. Die gängigen Definitionen laufen darauf hinaus, dass es sich bei Rassismus um die Einteilung von Menschen aufgrund angeblicher körperlicher Merkmale (Hautfarbe, Gesichtszüge) in unterschiedliche Kategorie ( ‚Rassen ') eingeteilt werden. Diesen ‚Rassen ‘ werden dann hierarchisiert und mit spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten versehen.

Diese Form des Rassismus – obwohl heute immer noch sehr verbreitet – hat auf wissenschaftlichem Gebiet zumindest nach 1945 keinen Stich gekriegt. Es war schlicht unmöglich, die Menschen aufgrund äußerer Merkmale in Kategorien einzuteilen, die sich in irgendeiner Form auch mit ihren genetischen Merkmalen decken. Kein Wunder, schließlich gleichen sich Menschen genetisch zu 99.9%. Die übrigen 0,1% sind für die Unterschiede im Aussehen zuständig, die auf der Straße oftmals als ein Unterschied ums Ganze wahrgenommen werden. Entsprechend hat die UNESCO schon 1952 in einer Stellungnahme die Verwendung des Begriffes ‚Rasse ‘ in Bezug auf Menschen ganz wissenschaftlich als unhaltbar bezeichnet.

Der „neue“ Rassismus

Die wissenschaftliche Verwerfung der Rassentheorien hat sich auch auf die Argumentationsmuster des Rassismus ausgewirkt. Die biologische Fundierung rassistischer Vorurteile wurde mehr und mehr durch formal kulturelle Zuschreibungen ersetzt, die Rede von „Rassen“ in weiten Teilen durch die von „Völkern“ ersetzt, die halt unterschiedliche „Merkmale“ hätten und deshalb einfach nicht zueinander passen würden. Letztlich brauchen aber auch diese kulturellen Rassismen in irgendeiner Form die Rückbindung auf anthropologisch-biologische Grundannahmen, auch wenn dies durch eine Reihe rhetorischer Tricks zu verschleiern versucht wird.

Doch die kulturalistische Verkleidung des Rassismus ist nicht die einzige Veränderung, die er durchgemacht hat. Auch die einst überdeutliche Hierarchisierung wurde aufgeweicht und durch ein scheinbares nebeneinander unterschiedlicher Fähigkeiten ersetzt. „Schwarze“ sind halt sportlich (wie jede Olympiade auf ’s neue zu beweisen scheint) und haben den Rhythmus im Blut (und deshalb – geradezu logisch zwingend – den Jazz erfunden). Weiße, so ist dann zu hören, hätten halt andere Qualitäten. Das sei halt so und auch weiter gar nicht schlimm, es sei da ja keine Bewertung mit verbunden. (Eine Anmerkung, die etwa an der Sowi-Fakultät in Göttingen selbst am Ende von Proseminaren zu Rassismus und Diskriminierung noch von ReferentInnen zu hören ist.)

Die Abwertung des vermeintlich Natürlichen

Unglücklicherweise ist es das aber doch. Die den „Anderen“ – seien es nun dunkelhäutige Menschen, Roma & Ashkali, AraberInnen oder wer auch immer – zugeschriebenen angeblichen Merkmale sind immer solche einer angeblichen Natürlichkeit. Sportliche Fitness, sexuelle Potenz, Rhythmusgefühl: alles das sind Eigenschaften, die auf die menschliche Natur zurückverweisen. Weiße hingegen assoziieren sich demgegenüber gerne mit Kultur und Zivilisation. Und die sind im gesellschaftlichen Ansehen eben höher bewertet als die Natur, die zu überwinden die Gesellschaft ja gerade angetreten zu sein glaubt.

Rassismus wird so zur Abwertung des vermeintlich naturhaften, in dem noch irgendwie etwas von dem Leben steckt, das der zivilisierte Kulturmensch sich nicht mehr zugestehen will und darf. Insgeheim nimmt er die Anforderungen der Gesellschaft an ihn als etwas Abstraktes wahr, dass ihn an der Entfaltung von etwas hindert, das er nicht denken kann. Da diese Gesellschaft mit all ihren Zwängen nun aber bekanntermaßen nicht nur die beste aller Möglichen, sondern auch die einzig Mögliche sei, müssen die immer wieder aufkommenden Wünsche nach Freiheit erstens negativ bewertet und zweitens auf andere projiziert werden. Da wird dann der verständliche Wunsch nach einem Auskommen ohne die Pflicht, sich mittels Arbeitsmarkt selbstzweckhaft und lebenslang mit langweiligen Schreibtischjobs, nervenden Vorgesetzten und fremdbestimmten Tätigkeiten rumzuschlagen zu müssen zur „Faulheit“, von der Standort und Gemeinschaft bedroht sind. Und der eben vor allem AusländerInnen nachkommen, die ja alle gar nicht arbeiten wollen und sich vom Sozialamt ihr goldenes Leben finanzieren lassen.

Dieser Mythos bricht sich – wie so viele andere Mythen auch – nicht nur an der gesellschaftlichen Realität (AsylbewerberInnen etwa wird weniger als der Sozialhilfesatz zugestanden, das gros davon wird ihnen in Form von Gutscheinen ausgezahlt, die nur für genau definierte Güter und exakt bestimmte Geschäfte gelten; in einigen Bundesländern wird bereits zur Ausgabe von Lebensmittelpaketen übergegangen), sondern auch an anderen Mythen (auf der anderen Seite sollen es ja gerade „die Ausländer“ sein, die „uns“ die Arbeitsplätze wegnehmen. Über den Zusammenhang dieser Mythen kann hier aus Platzgründen leider nicht eingegangen werden.

Die rassistischen Mythen des 21. Jahrhunderts sind jedenfalls voll von solchen Stories: da sind AsylbewerberInnen, die nicht arbeiten wollen, „Schwarze“, die hemmungslos ihrem Triebleben nachgehen, türkische MitgrantInnen-Communities, die sich „wie die Karnickel“ vermehren und vieles mehr. Aber es gibt auch die angeblich aufgeklärte, menschenfreundliche Variante des Rassismus: Die Griechen, die laut Udo Jürgens beim Wein vom Feiern so richtig was verstehen, die Spanier die so furchtbar „gastfreundlich“ sind (gerade weil sie angeblich ihre natürliche Lebensweise behalten haben und noch nicht durch die Zivilisation korrumpiert wurden), oder eben diese besondere Blutsorte, die die brasilianische Nationalmannschaft so ästhetisch ansehnlichen Fußball produzieren lässt.

Auf einer analytischen Ebene lässt sich so auch der Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus bestimmen. Während der Antisemitismus die abstrakten Zwänge der Gesellschaft personalisiert und meint, sie in Form des „Juden“ loswerden zu können schlägt der Rassismus einen anderen Weg ein. Hier wird das Abstrakte nicht als vermeintliche Weltverschwörung angegriffen, sondern als „Zivilisation“ positiv besetzt und dem angeblich Naturhaften – und so eben hierarchisch Untenstehenden – entgegengehalten. Rassismus und Antisemitismus entpuppen sich so als zwei Versionen einer Ideologiebildung, die zwar in irgend einer Form auf die Zwänge der modernen Gesellschaft reagiert, sie aber nicht reflektiert und theoretisch fundiert fassen kann. Und sie deshalb mythisch verschleiert und mit Vorurteilen im Gewand hieb-und-stichfester (oftmals leider wörtlich) Gewissheiten daherkommen lässt.

Antirassistische Praxis

Dem gilt es ein entschlossenes „Nein!“ entgegenzusetzen. Nicht weil es dem Standort schadet (1), sondern weil Menschen darunter leiden. Allerdings wird dieses „Nein!“, so entschlossen und vielstimmig es auch sein mag auf Dauer erfolglos bleiben, sollte es sich weigern, sich mit den gesellschaftlichen Ursachen des rassistischen Wahns auseinanderzusetzen. Und das heißt für eine Gesellschaft eben immer auch: sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Dazu wollen wir als BG Sowi beitragen. Wer sich daran beteiligen möchte, findet Kontaktmöglichkeiten auf unserer Homepage.

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(1) Bei dem Argument, der Rassismus der Nazis würde dem Standort schaden, wird letztlich das Muster der geschilderten Projektion übernommen: die abstrakten Zwänge der Gesellschaft werden absolut gesetzt und als positiv anerkannt. Der Versuch, sich nicht an die Spielregeln zu halten, die Rechtssicherheit (selber ja ein abstraktes Prinzip) oder den Standort (die Smith ’sche „unsichtbare Hand des Marktes“ ist nun auch wieder ein abstraktes Prinzip) gefährden, müssen eliminiert werden. Diese strukturelle Ähnlichkeit von Rassismus und bürgerlichem Antirassimus kann hier allerdings aus Platzgründen nicht näher untersucht werden. vgl. „Alles das Gleiche“ S. 8