Zum Verhältnis von neuem Nationalismus und der WM

Lange Zeit hat die Nation gerätselt: Wer hütet das Tor der deutschen Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft? Gut im Rennen lagen sowohl die bisherige Nummer Eins, Oliver Kahn, als auch der neue Mann zwischen den Torpfosten, Jens Lehmann. Olli Kahn hat seine Deklassierung gut weggesteckt: „Deutschland ist wichtiger als ich“ vertraute er der Bild-Zeitung an und nimmt nun ganz patriotisch auf der Reservebank platz.

Diese Anekdote verrät eine ganze Menge über die Bedeutung der Fußball-Weltmeisterschaft für die diesjährigen Gastgeber: Wenn Kahn ganz im Sinne der „Du-bist-Deutschland“-Kampagne darauf verweist, dass der Einzelne sich brav der Gemeinschaft unterzuordnen habe, dann verweist das auf den Zusammenhang von Nationalismus, Nationenkonkurrenz und internationalen Sportturnieren. Das nun aber der smarte, medientaugliche Jens Lehmann dem ruppigen, germanisch-brachialen Oliver Kahn vorgezogen wurde, verweist auf einen Wandel in eben diesem Nationalismus.

Der neue Nationalismus

Den Herausforderungen der Globalisierung ist ein neues Bild von Deutschland geschuldet, das nun auch bei der WM präsentiert werden soll. Zwar wird weiterhin auf traditionelle deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gesetzt, nur sollen diese sich weltoffen und liberal präsentieren. Das die deutsche Nationalmannschaft plötzlich ansehnlichen Fußball spielt, erwartet wirklich niemand von ihr. Erfolgreich soll sie sein, selbstverständlich. Und die Spieler sollen kein dummes Zeug in die Kamera reden. Sie sollen grade stehen beim Interview und den Eindruck medienkompetenter, reflektierter Weltbürger verbreiten. Sie sollen stellvertretend für Deutschland stehen. Und das soll eben nach herrschender Doktrin nicht nur der schwitzende, ackernde Berufsarbeiter sein, sondern mindestens ebenso der kreative, wortgewandte Improvisationskünstler.

Darum ist auch Kritik am nationalen Projekt Weltmeisterschaft so ungern gesehen heutzutage. Es soll nicht nur geprobt werden, ob die Deutschen zusammenstehen können, es soll auch der ganzen Welt gezeigt werden. „Wir sind wieder wer!“ lautet die kollektive Botschaft an den potentiellen Konsumenten deutscher Industrieprodukte. Und diesmal sind wir dabei sogar lieb. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ – und nicht wie damals Deutschland zu Gast in weiten Teilen der Welt. Franz Beckenbauer statt Adolf Hitler lautet die Devise der Stunde. Der Kaiser bringt zu Ende, was der Führer nicht vermochte.

Wir sehen also: Was hier als Fortschritt und Aufklärung verkauft wird, ist doch nur der alte Wahn vom Ansehen und Erfolg des Deutschen in der Welt. Wie Joschka Fischer lange Zeit der Garant für den neuen, aufgeklärten politischen Nationalismus der Deutschen war, so ist es Jürgen Klinsmann für die neue Variante des Fußball-Nationalismus. Deutschland soll sich in der Welt verkaufen, die WM wird so zum riesigen Image-Projekt für den „Standort Deutschland“. Fußball ist schon lange wirtschaftlich relevante Größe. Der Verkauf von Trikots und Fernsehrechten ist für die Vereine eine wichtige Größe bei der Finanzkalkulation. Es kommt nicht einfach auf erfolgreiches Fußballspielen an, sondern auf erfolgreiches Management.

Der Fußball zwischen Nation und Ökonomie

So entsteht aber nicht selten ein Widerspruch zwischen den Ansprüchen der Wirtschaft an Fußball als Möglichkeit zur Profitmaximierung und den Ansprüchen der Nation an Fußball als Möglichkeit zur nationalen Repräsentation. Jürgen Klinsmann nun ist der Mann, der beides vereinen soll. Er soll die Verbindung von kommerziellem Fußball und nationaler Vereinnahmung der Massen aufrechterhalten und modernisieren. Klinsmann bedient sich modernster Management- und Trainingsmethoden. Er setzt auf Teamarbeit und lässt sich von einer amerikanischen Sportmarketing-Firma beraten. Damit wiederholt er die Veränderungen, die im Rest der Wirtschaft schon lange gang und gäbe sind. Auch hier werden immer wieder starre Arbeitsabläufe in Arbeitsplätze mit Teamarbeit umgewandelt, stehen Supervision und Mentoring hoch im Kurs.

Diese Form der Professionalisierung erfährt immer wieder Kritik, nicht zuletzt aus Reihen des DFB. Der völkische Stumpfsinn fühlt sich bedroht durch die Kommerzialisierung der Umgangsformen. Der altbackene Fußball-Adel kämpft gegen die moderne Soccer-Bourgeoisie. Letztere will „kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung“ (Karl Marx im Kommunistischen Manifest). Obwohl Nation und Ökonomie schon immer aufeinander verwiesen waren, geraten sie heute in einen Widerspruch: zwei Seiten einer Medaille, die nicht ohne einander, aber scheinbar auch nicht miteinander können.

Sich für eine Seite dieser Medaille zu entscheiden ist dabei allerdings gar nicht nötig. Beide repräsentieren letztlich das „falsche Ganze“ (Adorno). Beide wollen den Sport, die Kultur, das Leben der Menschen für einen höheren Zweck einspannen. Beide wollen die Einzelnen der Gemeinschaft unterordnen – entweder als Standortsicherung oder als nationaler Selbstzweck. Dieser Unterschied zwischen aufgeklärtem und borniertem Nationalismus ist beileibe keiner ums Ganze. Es ist eher der Streit zwischen zwei Parteien, deren Zeit eigentlich mal gekommen wäre. Um Platz zu machen für eine Welt, in der der Mensch im Mittelpunkt der Gesellschaft steht. Und in der er sich durch Bildung, Kultur und auch Sport zu dem machen kann, was er heute angeblich schon ist: zu einem Individuum.