Ganz Deutschland diskutiert über das neue Schock-Wort
Unterschicht

Geben bei uns wirklich so viele Menschen ihre Hoffnungen auf?

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„Unterschicht“ 2006: Wie hier in Magdeburg sind in vielen Städten Deutschlands Menschen auf Suppenküchen angewiesen, in denen sie regelmäßig eine warme Mahlzeit bekommen

„Unterschicht“ 1920: Ein trockenes Brot auf dem Tisch, um das sich die Familie versammelt hat – so sah der Berliner Milieu-Zeichner Heinrich Zille die „Proletarierwohnung“

Ausgerechnet in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, gibt es knapp fünf Millionen Menschen, die zur sogenannten Unterschicht gezählt werden. Mit diesem Befund schockiert eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.

BILD beantwortet die wichtigsten Fragen zu diesem bedrückenden Thema:

Wer gehört zur sogenannten „Unterschicht“?

Kanzlerin Angela Merkel: „Nicht allein die finanzielle Frage“ führt zu sozialer Abkoppelung und Verwahrlosung. Für SPD-Chef Kurt Beck ist das entscheidende Merkmal der „Unterschicht“ die Hoffnungs- und Antriebslosigkeit der Betroffenen – Menschen, die sich aufgegeben haben.

Häufig betroffen sind ältere Langzeitarbeitlose, Alleinerziehende, Kleinstrentner, aber auch viele Hartz-IV-Empfänger. In Ostdeutschland ist laut der SPD-Studie jeder 5. betroffen, im Westen nur jeder 25.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, warnt jedoch davor, alle Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger pauschal zur Unterschicht zu zählen: „Das sind wahrhaft nicht alles Menschen, die den ganzen Tag in Trainingsanzügen in irgendwelchen Pommesbuden rumsitzen und Gameboy spielen.“

Wie schnell kann man abrutschen?

Sogenannte „Sozialhilfe-Karrieren“ reichen inzwischen schon über Generationen, sind wie ein Teufelskreis: Keine Vorbilder im Elternhaus, schlechte Ausbildung, kein Job, Dauer-Sozialhilfe. Kinderschutzpräsident Heinz Hilgers: „Die Kinder haben kaum eine Chance, da heraus zu kommen.“

30 000 Familien in Deutschland wurden 2005 dauerhaft durch sozialpädagogische Familienhelfer unterstützt – das sind 54 Prozent mehr als im Jahr 2000!

Was tut der Staat dagegen – und mit welchem Erfolg?

Mehr als 650 Milliarden Euro gibt Deutschland allein für Sozialleistungen aus – doch die Armut wächst weiter. Die Zahl der Hartz-IV- und Sozialgeld-Empfänger ist innerhalb eines Jahres um 500 000 gestiegen! Unions-Fraktionschef Volker Kauder lehnt weitere finanzielle Hilfen ab: „Es ist nicht der richtige Weg, die schlechte soziale Situation mit Geld zu verfestigen.“

Was müsste der Staat anders machen?

EKD-Sozialexperte Wagner zu BILD: „Kurzfristig kann man nur durch die Vermittlung einfacher Jobs auf dem Bauhof oder in der Stadtgärtnerei helfen. Auf längere Sicht ist verbesserte Bildung das A und O“. Bundespräsident Horst Köhler hatte bereits in seiner „Berliner Rede“ angemahnt: „Gute Bildung ist eine besonders wirksame Form der sozialen Absicherung.“

Ist auf Dauer die Demokratie bedroht?

Laut der SPD-Studie gibt es in der „Unterschicht“ einen erhöhten Anteil von Nichtwählern und Wählern extremer Parteien. Sie halten die Demokratie nicht für die beste Regierungsform. Wohlfahrtsverbands-Chef Schneider zu BILD: „Auf Dauer wird es die Demokratie nicht aushalten, wenn die Gesellschaft in immer mehr Arme und immer mehr Reiche auseinanderfällt.“ (bre/kug/nik.)

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Ein Wort wie eine Keule!
Von Alfred Draxler
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Unterschicht. Ein schreckliches, ein erschreckendes Wort.

Es klingt wie: Ihr da unten, im Sumpf der Gesellschaft, abgestempelt als Verlierer und Verlorene, als Habe- und Taugenichtse.

Und deshalb ist es auch ein so furchtbar gefährliches Wort. Mit ihm könnten Millionen in eine Schublade gezwängt werden, in die sie nicht gehören.

Denn Armut muss keine Schande sein.

Viele Menschen, die fleißig gearbeitet haben, werden durch den Verlust ihres Jobs an die Armutsgrenze gedrückt. Viele Rentner. Und viele Alleinerziehende, die sich durch ihr Leben kämpfen.

Unterschicht, dieser Ausdruck darf nur für Menschen gelten, die sich aufgegeben und zwischen Bier, Sofa und Fernsehen eingerichtet haben. Deren einziger Ehrgeiz oft im professionellen Missbrauch von Sozialleistungen besteht. Und die den Satz nicht kennen, der Generationen vorwärts getrieben hat: „Du sollst es mal besser haben.“

Unterschicht. Ein Wort wie eine Keule. Es muss Politiker und uns alle aufrütteln. Deshalb ist die Diskussion so wichtig.