15. August 2006
Es ist lange her, daß die drei großen Volkswirtschaften im Euro-Raum, Deutschland, Frankreich und Italien, sich so parallel entwickelt haben wie seit dem Winterhalbjahr. Um einen ähnlichen Gleichlauf zu sehen, muß man bis in die ersten Jahre der Währungsunion zurückblicken. Damals ging es erst zusammen bergauf – und im Jahr 2001 zusammen bergab. Im Moment geht es mal wieder bergauf. Der Gleichklang der drei Großen ist Teil der Erklärung, warum die Euro-Wirtschaft so kräftig expandiert wie seit Jahren nicht mehr. Daß auch kleinere Volkswirtschaften aufwärts streben, ist in diesem rundum positiven Bild das Tüpfelchen auf dem i.

Deutschland strahlt auf den Euro-Raum aus

Die seit dem Jahr 2005 andauernde Erholung im Euro-Raum, die sich zum Aufschwung ausgewachsen hat, läßt sich auch mit dem engeren Blick auf Deutschland und Italien beschreiben. Erst nachdem diese beiden Länder – im Rahmen ihrer Verhältnisse – nach jahrelanger Schwäche konjunkturell wieder Tritt faßten, konnte es mit der Euro-Wirtschaft aufwärtsgehen. Die wichtigste Rolle für die Wirtschaft im Euro-Raum spielt aber Deutschland, das allein rund 28 Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt.

Der derzeitige Aufschwung strahlt in Deutschland wie in keinem anderen Euro-Staat auf den gesamten Euro-Raum aus. Die Deutschen fragen rund ein Viertel mehr Waren aus dem Euro-Raum nach als die Franzosen und mehr als doppelt soviel wie die Italiener. In den vergangenen Quartalen stieg die deutsche Nachfrage nach Waren aus dem Euro-Raum erheblich stärker als in diesen beiden Ländern. Dies zeigt, wie wichtig es für die Konjunktur im Euro-Raum ist, daß die deutsche Wirtschaft rundläuft.

Schadet Deutschland den Nachbarn?

Im merkwürdigen Gegensatz zum derzeitigen konjunkturellen Gleichklang und zur engen wirtschaftlichen Verflechtung innerhalb des Euro-Raums steht die These, die Deutschen verschärften die Wachstumsdifferenzen in der Währungsunion. Durch ihre langandauernde Lohnzurückhaltung verschafften sie sich unfaire Wettbewerbsvorteile. Die in den vergangenen Jahren sinkenden Lohnstückkosten, die einer realen Abwertung gleichkommen, hätten die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gleichsam ins Unermeßliche wachsen lassen und erzwängen im Korsett der einheitlichen Währung einen Abwertungswettlauf durch Lohnzurückhaltung anderswo. Diese „beggar-my-neighbour“-Politik könne niemand gewinnen. Tatsächlich ist die deutsche Lohnzurückhaltung ein Segen für den Euro-Raum. Jeder Arbeitsplatz, der in Deutschland durch Lohnzurückhaltung gesichert wird und nicht ins osteuropäische Ausland oder nach Asien ausgelagert wird, stärkt die Binnenkaufkraft hierzulande und auch die Nachfrage nach Gütern aus dem Euro-Raum.

Die Lohnzurückhaltung ist einer der Faktoren, die den hiesigen Aufschwung stützen. Der geringe Lohnzuwachs hat dazu beigetragen, daß der Abbau von sozialversicherungspflichtigen Stellen zum Stillstand kam und sich womöglich ein nennenswerter Beschäftigungsaufbau nicht nur in Randbereichen einstellt. Er hat es den Unternehmen zudem erleichtert, ihre Bilanzen zu bereinigen und Rekordgewinne zu erzielen. Dies ist der zweite Positivposten der Erholung. Die hohen Gewinne erregen im neidgeplagten Deutschland viel Unmut. Sie sind aber entscheidend dafür, daß die Investitionen im Konjunkturzyklus anziehen. Investitionen sind eine solide Basis für einen Aufschwung, der zu mehr Arbeitsplätzen führt.

Die in den vergangenen Jahren gestiegene Wettbewerbsfähigkeit hat den deutschen Unternehmen geholfen, in besonderem Maße von der starken Weltwirtschaft zu profitieren. Sie macht sie aber nicht immun gegen eine Abschwächung der globalen Konjunktur, die von den meisten Ökonomen für die kommenden Monate erwartet wird. Absehbar ist auch, daß die Europäische Zentralbank aus gutem Grund ihre über viele Jahre sehr lockere Geldpolitik weiter straffen wird. Selbst nach vier Zinserhöhungen ist die EZB mit einem realen Kurzfristzins von rund 0,5 Prozent ganz weit davon entfernt, die Konjunktur abzuwürgen. Aber der monetäre Anschub wird schwächer werden.

Die deutschen Sonderlasten

Zu diesen zyklischen Faktoren, die auf eine Abschwächung der deutschen und der europäischen Wirtschaft hinweisen, gesellen sich hierzulande bald Sonderbelastungen. Der Schwung, der die Bauwirtschaft erfaßt hat und den Investitionsmotor beschleunigt, gründet auch im Nachfrageschub, den Vorzieheffekte durch die Abschaffung der Eigenheimzulage auslösten. Diese Sonderkonjunktur wird nicht ewig dauern. Und im Januar stehen eine höhere Mehrwertsteuer, eine höhere Versicherungssteuer und höhere Sozialversicherungsbeiträge ins Haus. Die Mehrwertsteuererhöhung führt wegen vorgezogener Käufe und Hausrenovierungen dazu, daß die Wirtschaft in diesem Jahr große Anleihen beim kommenden Jahr nimmt. Einige Zehntelpunkte der Wachstumsrate im zweiten Halbjahr 2006 werden 2007 fehlen.

Unter Ökonomen ist umstritten, ob die Binnenwirtschaft in diesem Jahr hinreichend Schwung holt, um die zyklischen Dämpfer und die hausgemachten Schocks zu kompensieren. Optimisten setzen auf die Dauerhaftigkeit eines erst mal begonnenen Investitionsaufschwungs und erwarten für 2007 nur eine leichte Konjunkturdelle. Andere sind besorgter. Der private Konsum zeigt – auch als Folge der Fußball-Weltmeisterschaft – gerade mal Lebenszeichen. Die Erholung am Arbeitsmarkt hat gerade mal begonnen und kann mit dem Steuererhöhungsschock in sich zusammenbrechen, zumal Gesundheits- und Steuerreform für viele weitere Belastungen bringen werden. Der stärkere Zugriff des Staates hat noch keine Wirtschaft beflügelt. So arbeitet die Regierung darauf hin, daß Deutschland wieder auf seinen flachen Wachstumspfad von gut ein Prozent zurückfällt und dem Euro-Raum zur Last wird.
(Faz vom 16.08.2006)