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Neulich traf ich eine junge Frau mit Kopftuch, die ich schon seit ihrer Kindheit kenne. Sie ist angehende Erzieherin, und im Verlauf unseres kurzen Gesprächs wünschte ich ihr viel Glück bei der Suche nach einem Job.

Ich selbst habe mich vor rund einem Jahr entschlossen, nach über 30 Jahren mein weiteres Leben weiterhin bekleidet, aber ohne Kopftuch zu verbringen. Deshalb zeigte ich auf mein Haupt und sagte: „Es geht auch wunderbar ohne Kopftuch.“ Das junge Mädchen lächelte nur und erwiderte leicht herablassend: „Ich werde es auch mit Kopftuch schaffen.“

Wie diesem jungen Mädchen ist vielen verhüllten Frauen gar nicht bekannt, worum es bei der religiösen Begründung für die Bedeckung des weiblichen Körpers ursprünglich ging. Dazu muss man wissen, dass der Koran dem Propheten Mohammed über einen Zeitraum von 23 Jahren hinweg offenbart wurde und aus über 6.600 Versen besteht. Die beiden einzigen Verse, die von der Verhüllung handeln, datieren aus seiner späteren Zeit in Medina: einerseits häuften sich damals die Belästigungen gläubiger Frauen, weil sie mit den Sklavinnen verwechselt wurden. Andererseits ließen sich die Männer von auffällig geschmückten Frauen ablenken, sodass es einmal sogar zu einem Unfall mit Nasenbruch kam.

Deshalb offenbarte Gott den Frauen diese Bekleidungstipps, damit sie erkannt und nicht belästigt werden (Sure 33/59), und empfahl, sich die Tuchenden über die geschmückten Dekolletees zu schlagen (Sure 24/31). Bis dahin waren Bekleidungsfragen kein Thema gewesen.

Überhaupt diente die Religion, die Mohammed damals propagierte, nicht der Abgrenzung. Vielmehr ging es um die Rückbesinnung auf den Glauben an den einen Schöpfer und darum, die Frauen aus der Entrechtung zu befreien, die damals vorherrschte. Das Elend war so weit fortgeschritten, dass sogar neu geborene Mädchen lebendig begraben wurden.

Heute, 1.400 Jahre später, hat das Verhalten dieses Mädchens nichts mehr mit Mohammeds Zeiten gemein. In den beiden Offenbarungen des Korans ist ohnehin nur von der Verhüllung des Körpers die Rede; die Verhüllung des Kopfes geht auf spätere Interpretationen von Propheten-Überlieferungen zurück. Es ist bemerkenswert, dass es männliche Gelehrte waren, die diese Definition der Schamgegend bei Mann und Frau für die Nachwelt aufstellten.

Dieses Mädchen von heute will mit seiner Beharrlichkeit Stärke und Selbstbewusstsein ausdrücken. Dafür habe ich volles Verständnis, da ich früher genauso gedacht habe. Erst nach intensiver Quellenforschung und eigenen, neuen Erfahrungen konnte ich meinen Entschluss, mich zu verändern, mit Überzeugung treffen.

Heute glauben die meisten muslimischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, damit eine religiöse Pflicht zu erfüllen. Doch es macht schon einen Unterschied für das verantwortungsvolle und selbstbestimmte Handeln, ob sich jemand einer von anderen aufgestellten Pflicht unterwirft oder aus eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen heraus sich selbst etwas zur Verpflichtung macht.

Heute frage ich mich, wieso Religion als Rechtfertigung für das Tragen eines Kopftuchs herangezogen wird, das Ablegen aus Überzeugung aber nicht als religiöser Akt gesehen wird.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ernste Gründe für die Unfähigkeit, das Kopftuch von heute auf morgen abzulegen, gibt: Zu tief sitzen Werte wie Scham und Gehorsam in den Köpfen, zu groß ist die Angst vor Glaubensverlust und Sünde, zu schwach ist der Mut, seinen eigenen Willen zu erfahren und Erlerntes zu hinterfragen. Gewohnheiten werden schnell zur Selbstverständlichkeit und bieten natürlich auch Sicherheit. Staatliche Verbote oder Politiker-Appelle gegen das Kopftuch können dagegen nicht ankommen.

Der jüngste Appell von Politikerinnen wie Ekin Deligöz an muslimische Frauen, das Kopftuch abzulegen, wird seine Wirkung genauso verfehlen, wie es ein Aufruf von Muslimen an die Mehrheitsgesellschaft würde, vom Biertrinken abzulassen. Denn für viele Musliminnen ist das Kopftuch das, was für viele Deutsche ein Bier bedeutet: eine lieb gewonnene Gewohnheit. Wem nutzt das Ablegen des Kopftuchs als äußere Veränderung, wenn dieser kein Erkenntnisprozess zugrunde liegt und sie nicht authentisch ist?

Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass sehr viele verhüllte Frauen nicht bereit sind, sich mit ihrer zur Gewohnheit gewordenen Verhüllung des Kopfes auseinander zu setzen. Will man aber die offene Annäherung und Verständigung mit anders denkenden Menschen und die Welt der Männer besser und vorurteilsfreier kennen lernen, dann ist es besser, auf das Kopftuch zu verzichten. Denn Erfahrungswerte im Umgang mit dem anderen Geschlecht sind sowohl bei der Erziehung von Söhnen als auch für den Aufbau einer Beziehung eigentlich unentbehrlich.

Wir müssen erst noch lernen, die Dinge beim Namen zu nennen, die uns stören. Denn es geht nicht um die nackte Meinungsfreiheit als Errungenschaft unserer Zeit oder das Anhängen an ein rechthaberisches Religionsverständnis, wenn dies zum Selbstzweck wird und nicht zur Kommunikation und Annäherung führt.

Mit Rücksicht auf angebliche kulturelle Eigenheiten von Muslimen übt sich die Mehrheitsgesellschaft in diesem Lande in Geduld und Zurückhaltung, anstatt mit unermüdlicher Wissbegierde die Auseinandersetzung mit Muslimen zu suchen. Zu schnell ziehen sie sich zurück, wenn es heißt, so stehe es aber im Koran und so habe es der Prophet gemacht.

Aber was ist das für ein Verständnis von einem Schöpfer, der nur von der Frau die Uniformierung verlangt, mit der sie ihre Entscheidung zum Islam bewusst demonstriert? Wie sieht es denn mit einer Kennzeichnungspflicht für Männer aus? Der Glaube, die Religion bestünde aus angeblichen Gottesgesetzen und indiskutablen religiösen Pflichten, die nicht in Frage gestellt werden dürften, statt aus göttlichen Empfehlungen und Weisheiten – er blockiert die offene Kommunikation mit anders denkenden Menschen und die Bereitschaft, über den Sinn der Dinge, die man tut, noch einmal nachzudenken.

Bewusste Verweigerung von Kommunikation kann aber nicht der Wille des allmächtigen Schöpfers des Universums gewesen sein, der den Menschen doch mit Verstand und Herz ausgestattet und ihm die Freiheit der Wahl und des Lebens geschenkt hat. Genauso wenig kann es dem Willen dieses Schöpfers entsprechen, wenn im Namen des Islam eine fanatische Politik nach göttlichen Gesetzen betrieben wird, die Menschen in Gläubige und Ungläubige trennt, den Teufel als Konkurrenz zum Schöpfer versteht und den Menschen auf einen triebhaften Körper und auf seine Meinungen reduziert!

Wir haben heute ganz andere Sorgen, die bewältigt werden müssen. Das Kernproblem liegt in der Fürsorge der heranwachsenden Generation. Und es sind vor allem die Mütter, die ihre Kinder vor religiösem Fanatismus schützen können. Macht das Kopftuch Frauen etwas zu besseren Müttern? Das Thema Frauen hat der Prophet auch in seiner Abschiedspredigt angesprochen. Er erinnerte seine Geschlechtsgenossen an ihre Verantwortung mit den Worten: „Ich lege euch ans Herz, gut zu den Frauen zu sein. Derjenige von euch, der das ist, ist ein gütiger Mensch – und derjenige, der es nicht ist, ist unedel.“

Das Argument, die Frau würde mit dem Kopftuch ihre Reize verhüllen, mutet heute absolut lächerlich an, zumal so viele junge Mädchen genau das Gegenteil tun, indem sie mit gestyltem Kopftuch und allerlei Schmuck ihr Gesicht noch verschönern. Meiner Erfahrung nach sind die heutigen Männer dank der Reizüberflutung ziemlich abgestumpft.

Wie oft habe ich seit meiner Enthüllung den Männern in die Augen geschaut und mir dabei gedacht: Hey, der guckt ja gar nicht?! Und ich habe mich über 30 Jahre lang vor angeblich belästigenden Männerblicken verhüllt!

Und wenn wir schon von Reizen sprechen, nur mal neben- bei erwähnt: wie sieht es mit den Reizen von Männern aus? Es gibt so schöne Männerhände – sollen wir nun um eine Offenbarung bitten, die die Männer zum Handschuhe-Tragen verpflichtet?! Überhaupt: Wo ist denn das Problem mit den Reizen? Können sie nicht auch Menschen füreinander interessant machen und Sympathie wecken?

Es waren Männer, die das Kopftuch-Tragen eingeführt haben. Nun wäre es wünschenswert, wenn Männer hier und heute dazu beitragen würden, dass es wieder abgeschafft wird – indem sie ehrlich und mutig dazu Stellung nehmen, wie sie islamisch verhüllte Frauen und Frauen ohne Kopftuch wirklich wahrnehmen!

taz vom 8.11.2006, S. 3, 295 Z. (TAZ-Bericht), EMEL ABIDIN-ALGAN