Von Matthias Heine
16. Oktober 2006

Vor einiger Zeit kam es im Literarischen Colloquium am Berliner Wannsee zu einem semantischen Konflikt. Dort las der Autor Clemens Meyer aus seinem vielgelobten Roman „Als wir träumten“, in dem es um eine Clique gestrauchelter Jugendlicher im Leipzig der Nachwendezeit geht. Der Moderator des Abends nannte diese Jungen beharrlich Angehörige der „Unterschicht“.

Dem Autor, dessen ganzer tätowierter Habitus zeigte, daß ihm die von ihm beschriebenen Verhältnisse nicht fremd sind, gefiel das gar nicht. Er verbat sich das Wort mehrfach, was den Literaturredakteur überhaupt nicht davon abhielt, es wieder zu sagen. Man ging verstimmt auseinander.

Abgrenzung durch Begriffswechsel

Der Schriftsteller Clemens Meyer ist offensichtlich kein Jünger der neuesten Mode in der Distinktionsterminologie. Das Wort „Unterschicht“ gebraucht mittlerweile sogar der knochenbiedere SPD-Vorsitzende Kurt Beck, um jene so gut wie verlorenen Menschen zu beschreiben, die ohne jeden Aufstiegswillen in den letzten Resten des sozialen Netzes hängen. Das ist für einen SPD-Vorsitzenden genauso revolutionär wie die Tatsache, daß sich Gerhard Schröder einst im Brioni-Mantel fotografieren ließ. Denn nachdem der Ausdruck „Subproletariat“ zusammen mit dem Marxismus im Alt-Ideologie-Container gelandet war, redete man in der SPD eigentlich nur noch von den „sozial Schwachen“.

Der Begriffswechsel ist jetzt vermutlich Taktik, und es ist bestimmt kein Zufall, daß er just in jenem Moment kommt, wo sich gefrustete „bürgerliche“ Wähler von der CDU abwenden und man bei den Sozialdemokraten plötzlich sogar wieder von rot-gelben Koalitionen träumen darf. Genau wie der damalige Kanzler mit seinem Auftritt als Model macht auch Beck mit seinem semantischen Tabubruch ein Identifikationsangebot an die Mittelschicht. Jener meinte: Seht her, ich trage eure Klamotten! Dieser meint: Hört her, ich spreche eure Sprache!

Denn von diesen Kreisen wird das Wort „Unterschicht“ seit ein oder zwei Jahren geradezu inflationär gebraucht, um all jene zu benennen, von denen sie sich in ihrer Abstiegsfurcht abgrenzen wollen. Das „Unterschicht“-Sagen ist die Kehrseite des Bürgerlichkeits-Geschwätzes: Unterschicht sind immer die anderen. Die, mit denen man nicht in einen Topf geworfen werden möchte, obwohl man sich doch in jenem Punkt gar nicht so sehr von ihnen unterscheidet, der noch bei Marx allein die Klassen definierte: der eigenen ökonomischen Situation.

Comeback der „Unterschicht“

Das neuerdings so genannte „Prekariat“ aus Postgraduierten ohne Festanstellung, Endlospraktikanten oder freischaffenden Kreativen hat ja oft genug kaum ein größeres Einkommen als die Hartz-IV-Empfänger. Also muß man den gesellschaftlichen Rangunterschied anders definieren. Deshalb hat die Wiederkehr der Bildung als Wert auch nicht nur mit dem realen Pisa-Schock zu tun, sondern mit solchen panischen Distinktionsbedürfnissen. Die so genannten „bildungsfernen Schichten“ sind da bloß ein anderes Wort für die Unterschicht. Denn „variatio delectat – Abwechslung erfreut“ gilt auch für den Stil des vulgärsoziologischen Geredes.

Die Wiederkehr des Wortes „Unterschicht“ ist das größte Comeback seit Lazarus. Anhand der worthistorischen Datenbank „Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts“, die von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betrieben wird, kann man belegen, daß der Begriff von den siebziger bis in die neunziger Jahre eigentlich nur noch im Plural „die Unterschichten“ verwendet wurde. Und bezogen wurde er fast ausschließlich auf Vergangenes und Fremdes: entweder in historischen Texten oder, um die Situation in den Vereinigten Staaten zu beschreiben. Für das Deutschland der Gegenwart bot der spätmarxistische Achtundsechziger-Jargon scheinbar wissenschaftlichere und differenziertere Analysebegriffe. Obendrein ähnelten die Bundesrepublik und die DDR einander auch darin, daß bei ihnen die Existenz einer Unterschicht schlicht als tabu galt, weil sonst das gesellschaftliche Erfolgsmodell in Frage gestellt worden wäre. Es gab im Westen höchstens „Sozialfälle“ – schon der Terminus hebt hervor, daß man diese Menschen nur als Einzelphänomene betrachten wollte.

Gegen diese Blindheit richteten sich die entsprechenden Texte in Paul Noltes Buch „Generation Reform“ aus dem Jahre 2004, die zum Teil bereits vorher in Zeitungen veröffentlicht worden waren. Der Historiker mit Ambitionen auf den Posten des praeceptor Germaniae plädierte dafür, die immer sichtbarer werdende Klasse der Modernisierungsverlierer und -verweigerer endlich deutlich zu benennen, um sie damit hinter semantischen Nebelwolken à la „das untere Drittel der Gesellschaft“ oder „die kleinen Leute“ überhaupt erst sichtbar zu machen. Die Weigerung der Bundesrepublik, sich als Klassengesellschaft zu begreifen, war für ihn ein Reformhindernis. Denn wo die Existenz einer Unterschicht geleugnet wird, muß der Staat sich nicht um sie kümmern.

„White Trash“ und „Fürsorgeklasse“

Die Unterschicht besteht nach Nolte aus der „Fürsorgeklasse“ und den Arbeitern, die den Aufstieg in relative materielle Sicherheit und zu einem Bildungsminimum nicht geschafft haben. Weil die Trennlinie zwischen Arbeit und Nichtarbeit sich heute schwerer ziehen läßt, werden die Grenzen zwischen dieser Klasse und dem Kleinbürgertum oder dem unteren Mittelstand in wachsendem Maße kulturell statt ökonomisch definiert: Mehr durch die berühmten „feinen Unterschiede“ in Kleidung, Geschmack, Lebensstil, Konsum und Ernährung, die der Soziologe Pierre Bourdieu zuerst anhand der Gesellschaft in Frankreich beschrieben hatte, als durch das Einkommen.

Vorbereitet worden war die Erkenntnis, daß es eine solche bisher ignorierte Klasse in der Bundesrepublik gab, durch die Karriere des aus Amerika stammenden Begriffs „White Trash“ seit Mitte der neunziger Jahre. Dessen Import war ein erster Hinweis darauf, daß es eine Benennungslücke, einen blinden Fleck der sozialen Wahrnehmung gab. Auch in der Kunst war die „neue Armseligkeit“ längst dargestellt. In Frank Castorfs Inszenierung „Hauptmanns Weber“ litten 1997 die ausgepowerten Textilarbeiter längst keine lebensbedrohliche Not mehr. Stattdessen mutierten sie zu Prolls zwischen Ballermann und Tittytainment, die in der einschlägigen Schrottmode mit Leopardenrock und Cowboystiefeln gekleidet waren. Ein großer Theatermoment war der Monolog des Schmieds Wittig, der sich beim minutenlangen gemütlichen Räsonieren über die Schlechtigkeit der Welt zuletzt in ausländerfeindliches Gefasel hineinsteigert, das Oskar Lafontaines „Fremdarbeiter“-Polemik um Jahre vorwegnahm, nur um dann erschrocken festzustellen: „Was rede ich denn da? Ich bin doch in der SPD! Und das schon seit über hundert Jahren.“

Als Nolte sich entschied, die begriffliche Lücke durch die Wiederbelebung des Wortes „Unterschicht“ zu schließen, konnte er auch auf Vorarbeiten des großen Gesellschaftsanalytikers Harald Schmidt zurückgreifen. Der Fernsehentertainer hatte schon vor seinem Wechsel von der ARD zu Sat 1 den Privatkanal als „Unterschichtensender“ bezeichnet, und er hörte auch nicht damit auf, als er dort sein Geld verdiente. Schmidt hat wahrscheinlich mehr als jeder andere zur Renaissance des Wortes beigetragen, Nolte hat den Unterschicht-Begriff nur wissenschaftlich schärfer definiert und ihn damit endgültig in nicht-ironischer Kommunikation wieder satisfaktionsfähig gemacht. Eigentlich verfolgte er damit ehrenwerte volksaufklärerische Ziele.

Vermintes Begriffsgelände

Doch die prekären Neo-Bürger, die „Unterschicht“ zum Modewort gemacht haben, hegen selten hehre Absichten. Sie folgen eher einer schlichten Abgrenzungslogik: Je häufiger ich Unterschicht sage, desto klarer wird hoffentlich, daß ich nicht dazu gehöre. Man kann fast alles, was der Mittelstand unternimmt, interpretieren als einen Versuch, Distanz zu schaffen: „Retro“, „Vintage“ oder Manufactum sind Fluchtgebiete vor den bonbonfarbenen Plastikmoden der Billigkultur. Im Ökosupermarkt einzukaufen bedeutet, nicht mit Türken und Alkoholikern in der Schlange zu stehen. In rauchfreien vegetarischen Restaurants begegnet man garantiert keinen Unterschichtlern. Autofreies Wohnen heißt: prollfreies Wohnen. Und wenn das nicht hilft, wird bestimmt irgendeiner auf den Trick kommen, fernsehfreies Wohnen zu propagieren.

In diesem Klassenkampf hat der Begriff „Unterschicht“ immer eine latent rassistische Komponente: Man sagt „Unterschichtler“ und meint oft eigentlich „Kanake“. Rassenfrage und Klassenfrage sind ohnehin nicht zu trennen. Am offensten tritt das im englischen Begriff „White Trash“ zutage: Das Attribut besagt ja, daß der Trash normalerweise dunkelhäutig sein sollte. Sogar in den Gegensatz zwischen Ost und West, den schon Nolte zu Recht als Klassenfrage interpretiert sehen wollte, mischt sich rassistischer Dünkel: Der NPD-wählende Mob im mecklenbrandenburgischen Hinterwald scheint aus der Sicht des westdeutschen linksliberalen und gebildeten Mittelstands manchmal tatsächlich einer anderen biologischen Spezies anzugehören.

Ob Kurt Beck ahnt, auf welches verminte Begriffsgelände er sich begibt, wenn er das gefährlich schillernde Wort „Unterschicht“ ins sozialdemokratische Vokabular aufnimmt? Wohl eher nicht. Er hat diejenigen, die er damit meint, bloß als ideale Objekte seines neuen „mitfühlenden Konservativismus“ entdeckt. Damit zielt er auf Sympathiegewinne bei den sich neuerdings wieder gerne bürgerlich nennenden Noltisten, denen die sogenannten „bürgerlichen“ Parteien zu kalt und zu verantwortungslos sind – und im Falle der CDU wohl auch einfach zu wischiwaschi. Und durch die schroffe Wortwahl kann er gleichzeitig auf stille Sympathie bei denjenigen hoffen, deren Mitgefühl nicht annähernd so stark ausgeprägt ist wie ihre Angst. Nur die Unterschichtler – einst klassische Adressaten der SPD-Wahlpropaganda – redet Beck damit nicht an. Denn die mögen es überhaupt nicht, „Unterschichtler“ genannt zu werden.