Konjunktur
14. August 2006

Die Wirtschaft in Deutschland und in der Europäischen Währungsunion ist im zweiten Vierteljahr so kräftig gewachsen wie seit Jahren nicht mehr. Nach Schätzung der statistischen Ämter legte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland und im Euro-Raum im der Zeit von April bis Juni um 0,9 Prozent gegenüber dem ersten Quartal zu. Für Deutschland ist dies die stärkste Zuwachsrate seit Jahresbeginn 2001. Die Wirtschaft im Euro-Raum wuchs im Quartalsvergleich zum ersten Mal seit Jahren stärker als in den Vereinigten Staaten. Dort legte das BIP nur um 0,6 Prozent zu. Die Daten zeigen einen robusten und kräftigen Wirtschaftsaufschwung im ersten Halbjahr an.

Nach den Angaben des Statistischen Bundesamts war das reale BIP in Deutschland im zweiten Quartal um 1 Prozent größer als vor einem Jahr. Berücksichtigt man durch die Kalenderbereinigung, daß die Osterfeiertage in das zweite Quartal fielen, wuchs das reale BIP sogar beschleunigt um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit entwickelt sich die Wirtschaft weitaus kräftiger, als es die Schätzungen einer Potentialwachstumsrate nahelegen.

„Der Knoten ist geplatzt“

Die guten Wachstumsdaten weckten vielfach Begeisterung. „Der konjunkturelle Knoten ist geplatzt“, sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). „Die Konjunktur ist gut in Schuß“, sagte Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Das vom DIHK prognostizierte reale BIP-Wachstum von bis zu 2 Prozent für dieses Jahr sei nunmehr zum Greifen nahe.

Bisher waren Konjunkturfachleute überwiegend von einem Wachstum von etwa 1,8 Prozent im Gesamtjahr ausgegangen. Manche Bankvolkswirte hoben am Montag ihre Prognosen auf Werte über 2 Prozent an. Dazu trug bei, daß die Wirtschaft im Winterhalbjahr nach revidierten Angaben deutlich kräftiger gewachsen ist als bislang bekannt und das Jahr mit mehr Schwung begann. Wirtschaftsminister Glos hatte die Wachstumsprognose der Regierung von vornherein als zu vorsichtig gesehen. Die Bundesregierung erwartet seit April ein Wirtschaftswachstum im Gesamtjahr von 1,6 Prozent und will diese Prognose turnusgemäß erst Ende Oktober überprüfen.

Manche Volkswirte prognostizieren, daß die Konjunktur im zweiten Quartal womöglich ihren diesjährigen Höhepunkt erlebt hat. Weit überwiegend wird für das zweite Halbjahr eine gewisse Abschwächung erwartet, der zum Jahresbeginn 2007 ein kräftiger Dämpfer durch die Mehrwertsteuererhöhung folge.

Ausfuhr schwächelt, Binnenwirtschaft kräftiger

Das Statistische Bundesamt erklärte, daß die Wachstumskräfte im zweiten Quartal vor allem aus dem Inland kamen. Während der Außenhandel weniger dynamisch als zuvor gewachsen sei, hätten vor allem die Investitionen in Bauten und Ausrüstungen zur wirtschaftlichen Belebung beigetragen. Die Quartalsbelebung der Bauinvestitionen gründet nach Auffassung von Volkswirten überwiegend darin, daß die Bauwirtschaft den Ausfall aufholte, der sich durch den unüblich langen Winter ergeben hatte. Für eine Belebung der Binnenwirtschaft spricht, daß im zweiten Quartal 185000 mehr Menschen beschäftigt waren als vor einem Jahr. Details zur Zusammensetzung des Wachstums werden die Statistiker erst am Donnerstag kommender Woche veröffentlichen.

Die sich stärkende Wachstumsdynamik im Euro-Raum veranlaßte viele Volkswirte, ihre Prognosen für das Gesamtjahr auf Werte um 2,4 Prozent anzuheben. Im zweiten Quartal lag das reale BIP 2,4 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Aufschwung im Euro-Raum stützt sich darauf, daß Deutschland, die größte Volkswirtschaft, Tritt gefaßt hat.

Gleichklang im Euro-Raum

Auch in anderen Euro-Staaten hat die Konjunktur sich deutlich beschleunigt. Dies gilt besonders für Frankreich, dessen Wirtschaft nach den Angaben von Eurostat im zweiten Quartal 1,2 Prozent gegenüber Jahresanfang wuchs. In den Niederlanden und in Österreich beschleunigte das Wachstum sich gleichfalls rapide. Offensichtlich befeuern einander die Wirtschaften der Euro-Staaten gegenseitig, was das Wachstum auf eine breitere und sich in gewissem Maße selbsttragende Basis stellt. Damit wächst nach Einschätzung von Finanzmarktteilnehmern die Wahrscheinlichkeit, daß die Europäische Zentralbank den Leitzins in diesem Jahr noch zweimal auf dann 3,5 Prozent anheben wird. In den Terminkursen am Geldmarkt ist diese Erwartung fest enthalten.

Das Statistische Bundesamt revidierte am Montag zugleich die deutschen Wachstumsdaten der vergangenen Jahre. Dies betraf das Jahr 2004 deutlich: Statt eines BIP-Zuwachses von 1,6 Prozent wird nun nur noch ein Plus von 1,2 Prozent genannt.